Bild: Wana Limar/MTV

Gerechtigkeit

Wana Limar: "Vom Flüchtlingskind zum MTV-Gesicht – könnte sich nach einer Traumstory anhören"

12.01.2016, 16:36 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Ein Auszug aus dem Buch "Mein Kampf - gegen Rechts"

Seit Freitag gibt es Adolf Hitlers "Mein Kampf" wieder auf dem Buchmarkt – in einer von Experten kommentierten Neuausgabe. Außerdem erscheint am 19. Januar "Mein Kampf – gegen Rechts". In dem Buch schildern elf Menschen – Sozialarbeiter, Muslime und Flüchtlinge – wie sie mit Fremdenhass und Intoleranz umgehen.

Eine der Geschichten stammt von Wana Limar. Die MTV-Bloggerin ist als Kind mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Im Kapitel "Vom Flüchtlingskind zum MTV-Gesicht – könnte sich nach einer Traumstory anhören" berichtet sie von ihren persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung. Hier ist eine gekürzte Version des Kapitels:

"Vom Flüchtlingskind zum MTV-Gesicht – könnte sich nach einer Traumstory anhören"

Dieses Gefühl, anders zu sein – ich frage mich, ob das ein Deutscher nachvollziehen kann. Ich frage mich, ob ein Mensch ohne Migrationshintergrund weiß, wie es sich anfühlt, anders behandelt zu werden, nur weil man eine andere Haut- oder Haarfarbe hat. Auf einmal sitzt man da und hat das Gefühl, dass all diese Klischees und Vorurteile, die es gegenüber Ausländern gibt, an einem kleben, dass man nichts anderes repräsentiert, als eben Ausländer zu sein. Leider muss ich diese Situationen in meinem Leben immer wieder erleben.

Am 20. März 1990 bin ich in Kabul, Afghanistan, zur Welt gekommen. Damals hatte ich keine Gelegenheit, mein Heimatland kennenzulernen. Ich bin drei Monate alt, als meine Eltern mit mir und meinen beiden älteren Geschwistern aus Afghanistan fliehen. Aus politischen Gründen müssen sie kurz vor der Machtübernahme der Mudschaheddin das Land verlassen, da ein gefährliches Klima für Intellektuelle herrscht.

Die ersten fünf Jahre meines Lebens verbringe ich in einem Flüchtlingsheim in Hamburg-Langenhorn. Wenn ich mich jetzt an die Zeit zurückerinnere, kann ich schon sagen, dass es bedrückend war. In der ersten Zeit im Heim leben wir zu fünft in einem Zimmer. Es gibt dort Kakerlaken. Doch als Kind habe ich das alles nicht als etwas Schlimmes wahrgenommen – dank meiner Eltern. […]

"Warum haben sie dir keine Empfehlung fürs Gymnasium gegeben?"

Nach meiner Zeit im Flüchtlingsheim ging ich auf eine öffentliche Grundschule in Hamburg. Dort gab es gemischte Klassen, also deutsche Kinder und Kinder aus Migrantenfamilien. Für eine erfolgreiche Integration – und darüber hinaus natürlich auch für die persönliche Entwicklung – finde ich es ausschlaggebend, in einem gemischten Umfeld aufzuwachsen, das heißt sowohl mit "Ausländern" als auch mit Deutschen. Wie sonst soll man sich der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlen?

In der Grundschule habe ich allerdings auch die erste Form von Diskriminierung erlebt, als ich mit einem Notendurchschnitt von 2,0 keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen habe. Ich wurde stattdessen auf die Gesamtschule geschickt. Dabei waren meine Noten gut, und ich habe mich auch nicht auffällig oder merkwürdig verhalten. Die Lehrer auf der neuen Schule haben mich damals gefragt: "Warum haben sie dir keine Empfehlung fürs Gymnasium gegeben?" Ich wechselte dann doch aufs Gymnasium. […]

"Boah, kein Bock auf diese Kanakenklasse!"

Ich besuchte gerade die zehnte Klasse, als meine Schule geschlossen wurde, weil zu wenige Anmeldungen für die fünfte Klasse eingingen. Also wurden wir auf ein anderes Gymnasium verlegt.

Ich kann mich noch gut an diesen Kennenlerntag erinnern. Alle müssen sich auf dem Schulhof in einer Reihe aufstellen, unser Jahrgang und der Jahrgang der anderen Schule auch. Wir stehen uns gegenüber, und da kommen dann von ein paar Jungs die ganze Zeit über richtig blöde Kommentare wie: "Boah, kein Bock auf diese Kanakenklasse!" Man muss bedenken, dass unser Jahrgang aus zwei Klassen bestand, das waren etwa 50 Kinder, davon sechs mit Migrationshintergrund – und da wird schon von "Kanakenklasse" gesprochen.

Das war für mich ein echter Schock. Wie kann es sein, dass man die Bildungselite Deutschlands vor sich hat, hier in Hamburg, nicht in irgendeinem Nest in der Provinz, in einer Gegend, in der viele Ausländer oder Migranten leben, und die dann solch einen Spruch raushauen? So völlig ohne Scham. Das fand ich richtig skandalös. Das habe ich nicht verstanden. Und wir alle in unserem Jahrgang fanden das verrückt. Wir saßen in den Pausenräumen mit ein paar Jungs zusammen, die mit uns Scherze gemacht haben und plötzlich im nächsten Satz sagten, dass sie die DVU und die NPD und so eine Scheiße wählen wollten.

Wahrscheinlich war da einfach viel Angst dabei, weil diese Jungs nicht genügend Migranten kannten. Vielleicht nur diejenigen, die an den Bahnhöfen herumstehen und sie blöd angemacht, vielleicht sogar eingeschüchtert haben. Da wird schnell aus Angst solch ein Hass. "Gegen die Guten habe ich ja nichts." Das ist auch so ein Satz, den ich immer wieder gehört habe. Besonders ein Bekannter in meinem Freundeskreis hat sich öfter über die "Kanaken" aufgeregt.

"Woran könnte man einen Terroristen erkennen?"

"Gegen die Guten, wie euch, habe ich ja nichts." Ich habe schon damals gemerkt, dass man so etwas nicht sagen kann, aber jetzt erst verinnerliche und begreife ich, was er da zum Ausdruck gebracht hat. Damals war ich noch nicht in der Lage, meine Gedanken auszudrücken. Stellung zu nehmen. Gegen so dumme Argumente kommt man einfach nicht an, habe ich gedacht.

Nach den Anschlägen vom 11. September haben wir im Religionsunterricht über die Vorfälle gesprochen. Die Lehrerin stellte die Frage: "Woran könnte man einen Terroristen erkennen?" Ich dachte mir, die Frage an sich ist ja schon total dumm, weil: Ein Terrorist macht sich ja nicht als solcher erkennbar. Aber dann hat sich wirklich ein Mitschüler gemeldet und meinte: "Eventuell sind das Migranten mit einer asozialen Erscheinung.«

Ich saß da zwischen Schock und Lachen, weil ich nicht glauben konnte, dass so etwas gesagt wird. Wenn das Leute gewesen wären, die einfach dumm oder völlig ungebildet sind, okay. Doch das waren alles Gymnasiasten. Es ist schade, so etwas von Leuten zu hören, von denen man erwartet, dass sie intelligenter sein müssten. Wenn man solche Erfahrungen gemacht hat, weiß man, dass Bewegungen wie Pegida nicht nur von der bildungsfernen Schicht getragen werden. Auch Menschen, die eine entsprechende Bildung genossen haben, vertreten diese bescheuerten Ansichten.

"Mein Kampf – gegen Rechts" erscheint am 19. Januar im Europa Verlag. Das Buch kostet 14 Euro. 1 Euro pro Buch wird an den Verein "Gesicht zeigen!" gespendet, der sich gegen Rechtsextremismus einsetzt.

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