Bild: dpa/ Paul Zinken

Gerechtigkeit

Berichten Medien seit Köln anders über Flüchtlinge?

27.01.2016, 11:44 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Politiker, Bürger, Propagandisten, aber auch Journalisten selbst sprechen von einem Vertrauensverlust in die Medien. Die von der AfD lancierte Debatte um die "Lügenpresse" ist allgegenwärtig. Nach den Vorfällen in Köln in der Silvesternacht mussten sich Journalisten vorwerfen lassen, zu spät berichtet zu haben. Integrationsprobleme seien nicht genügend beleuchtet worden.

Sind Medien dadurch nun sensibler geworden? Berichten sie nun umso mehr von Vorfällen dieser Art? Werden dadurch Probleme hochgeschrieben?

(Bild: dpa (Kay Nietfeld))

Freiburger Clubs

In den vergangenen Tagen sorgte beispielweise die Nachricht für Aufregung, dass Freiburger Clubs keine Flüchtlinge mehr reinlassen wollen. Auslöser war unter anderem eine Mail des White Rabbit, das sich der linken Szene zugehörig fühlt. Neben Gegrabsche und Taschendiebstählen führt die Mail "Eindringen in die geschlossenen Kabinen auf dem Frauen-WC" und "sexuelle Belästigung" auf. Doch das Hausrecht neu zu regeln, sei bereits vor der Berichterstattung vom Tisch gewesen, sagt ein Mitarbeiter des White Rabbit zu SPIEGEL ONLINE. Es ginge um den Dialog mit Flüchtlingen, nicht um die Ausgrenzung.

Nach den Ereignissen in Köln sind die Medien hoch sensibel
Armin Scholl, Kommunikationswissenschaftler

Kommunikationswissenschaftler Armin Scholl von der Universität Münster erklärt: "Durch die Vorfälle von Köln bekommen die Ereignisse einen anderen Rahmen, eine andere Bedeutung." Es entstehe ein Diskurs, eine Hysterie durch wichtige Ereignisse. Dieser koche hoch, flache aber auch wieder ab. "Nach den Ereignissen in Köln sind die Medien hoch sensibel." Auch weil sie für die Berichterstattung viel Kritik ernteten.

Diskussionen wie am Stammtisch

Die Medienkritik wirke seiner Meinung nach "viel schriller und lauter" als in früheren Jahren. Heute seien soziale Medien die Plattform, auf der sich alle Medienkonsumenten austauschten. Das habe etwas von "Stammtischgesprächen", sagt Scholl. Die Kritik sei nicht mehr nur Experten vorbehalten. "Journalisten hatten schon immer ein schlechtes Image. Daran hat sich nicht viel geändert."

Erst Ukraine, jetzt Köln

Zudem komme die Kritik an der Berichterstattung immer schneller und kurzfristiger. Zuletzt war es die Ukraine-Krise, für die Medien jede Menge Kritik ernteten. Man habe immer wieder die russische Seite, aber nicht die ukrainische kritisiert, hieß es damals. Und nun sei es die Berichterstattung über Köln und die Flüchtlingsdebatte an sich. Auch deshalb, glaubt Scholl, wird über Ereignisse wie in Freiburg möglicherweise ausführlicher berichtet, als es noch vor einigen Monaten der Fall gewesen sei.

Medien sollen Öffentlichkeit herstellen und nicht vermeiden.

Bei bento haben wir am Dienstag darüber berichtet, dass in einem schwedischen Flüchtlingsheim ein minderjähriger Asylbewerber eine Mitarbeiterin tödlich verletzt hat. Ist es richtig, darüber zu berichten, obwohl damit scheinbar die Thesen der Rechten bekräftigt werden? Schließlich leben die allermeisten Flüchtlinge völlig friedlich unter uns. Bekommen Medien den Vorwurf, sie gehörten zur "Lügenpresse", wenn sie nicht berichten?

"Medien sollen Öffentlichkeit herstellen und nicht vermeiden", sagt Scholl. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte sei das Thema natürlich relevant. Zudem könne man bei der Faktenlage davon ausgehen, dass es sich nicht um eine Falschmeldung handelt. Scholl weist aber daraufhin, dass es für den Leser wichtig ist, auch zu sagen, was man noch nicht weiß. Zum Beispiel das Motiv des Täters.

Pegida wird man es nie Recht machen

Nehmen sich Medien die öffentliche Kritik zu Herzen? Scholl meint ja. "Medien stellen sich die Fragen: Warum geht das Vertrauen verloren? Berichtet man zu einseitig?“ Es sei richtig und wichtig, dass sich demokratische Medien diese Fragen stellten. Dennoch müssten sich Journalisten auch bewusst sein: "Bestimmten Kreisen wie Pegida wird man es nie Recht machen können." Und das sei auch gut so.

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