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Gerechtigkeit

Fördern wir Sexismus, wenn wir uns schminken?

14.11.2017, 13:43 · Aktualisiert: 14.11.2017, 18:08

#Metoo oder #Ohnemich?

Wenn es um Sexismus geht, geht es irgendwann auch um die Frage: Sind wirklich nur Männer das Problem? Sind Frauen nicht auch Teil des Systems? Was müssen, was können sie ändern, damit sich die Gesellschaft ändert?

Die Soziologin Barbara Kuchler von der Universität Bielefeld hat einen drastischen Vorschlag. In einem Debatten-Beitrag auf "Zeit Online" fordert sie: "Werft die High Heels auf den Müll!"

Frauen, so die Kernbotschaft, sollten aufhören, so viel Zeit in ihr Aussehen zu investieren.

Dadurch nämlich machten sie sich zu Komplizen eines Systems, in dem Frau vor allem eins sein muss: schön. Der #Metoo-Diskurs müsse zu einem #Ohnemich-Diskurs werden, fordert Kuchler. Und das bedeute:

Ich mache dieses Spiel nicht mehr mit. Ich tue nicht mehr für mein Aussehen als der durchschnittliche Mann, und ich stelle meinen Körper nicht stärker zur Schau als der durchschnittliche Mann.
Barbara Kuchler, Soziologin

Das Kernproblem ist für sie nicht das Schminken und Schmücken an sich, aber die ungleiche Bedeutung von Aussehen für beide Geschlechter. Und da Männer wohl nicht anfangen werden, sich zu schminken, müssten Frauen eben damit aufhören.

(Bild: Pixabay/ Free-Photos)

Ist das so? Fördern wir Sexismus, indem wir Lippenstift auftragen?

Doch die Frage, die man sich zuerst stellen muss, ist: Warum machen wir uns überhaupt "schön"?

Die Frau ist mehr als Körper präsent, der Mann mehr als Geist, Witz, Wille.
Barbara Kuchler, Soziologin

Auf diese Frage kommt oft die ebenso intuitive wie banale Antwort: Frauen wollen sich eben von Natur aus schönmachen. Kuchler lässt dieses Argument nicht gelten – und das ist auch gut so. Denn Mascara liegt ebenso wenig in den Genen der Frauen wie ein fehlendes Interesse an Mathematik oder eine natürliche Begabung für die Zubereitung von Crème brûlée.

Doch leider ersetzt sie das Totschlagargument der Biologie mit dem Totschlagargument der Sozialisation: Dass wir als Frauen schön sein müssen, das haben wir so gelernt. Es wurde uns schon als Kleinkind einprogrammiert, so tief in unsere Gehirne gepflanzt, dass wir das tägliche Aufrüschen gar nicht mehr als Zwang empfinden würden, sondern als ein Bedürfnis, das aus uns selbst heraus entsteht. Wir denken also, wir handeln selbstbestimmt – tun wir aber nicht. Das Argument "Ich mache mich nur für mich selbst schön", hätte sie damit widerlegt.

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So einfach ist es aber nicht. Ja, Rollenbilder sind tief in uns verankert. Und ja, das haben wir so gelernt. Wir können aber auch lernen, Verhaltensmuster zu hinterfragen und ein gesundes und selbstbestimmtes Maß zu finden: Weder sollten wir uns schminken, weil wir damit eine Rolle erfüllen müssen, noch sollten wir das Kontrastprogramm fahren und aus Prinzip alle Puderdosen wegschmeißen. Denn letztlich sind beide Handlungen fremdbestimmt und haben mit uns selbst wenig zu tun.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen sich schminken oder bestimmte Kleidung tragen.

  • Es kann eine Leidenschaft sein, eine Art, seine Persönlichkeit und Kreativität zum Ausdruck zu bringen.
  • Natürlich kann man sich hinter einem geschminkten Gesicht auch verstecken, genauso, wie man sich hinter einer großen Klappe verstecken kann – Schutzmechanismen gibt es viele.
  • Und sicher gibt es viele, die sich aus sozialem Druck heraus schminken. Weil sie sich sonst nicht wohl, nicht "schön" fühlen. Eine repräsentative Studie, die das Online-Portal für Statistiken "Statista" gemeinsam mit dem Handelsunternehmen QVC durchgeführt hat, hat allerdings gezeigt, dass jede vierte Frau täglich ungeschminkt aus dem Haus geht. (Statista)

(Bild: imago/Anton Novoderezhkin)

An dieser Stelle sei auch nochmal gesagt: Sexismus trifft nicht nur geschminkte Frauen.

In den meisten Fällen reicht es doch, eine Frau zu sein.

Die Forderung, dass Frauen ihre Kleider und Äußeres den Männern angleichen sollen, spielt eben auch einem patriarchalen System in die Hände, das Frauen dann im Namen der Sicherheit und Ehre unterdrückt. Das kann sogar zu dem absurden Vorwurf führen, dass die Frau am Ende noch selbst Schuld an ihrer Vergewaltigung hat. #Victimblaming

Würden wir das Schminken oder die Vielfalt der Mode im Namen der Gleichheit beschränken, könnten wir uns auch einen Teil unserer individuellen Entwicklung – genau – abschminken. Das wäre so, als würden alle Menschen von jetzt an nur noch in Einheitskleidung aus dem Haus gehen.

Natürlich sollten wir Mädchen wie Jungen gleichermaßen beibringen, dass ihr Aussehen nicht über ihre Persönlichkeit bestimmt.

Aber das bedeutet nicht, dass wir unsere Körper nicht schmücken können. Sie unter weiten Hosen und Pullovern zu verstecken, unseren Gesichtern nie Farbe zu geben, kann nicht die Lösung des strukturellen Problems sein, das unsere Gesellschaft prägt.

Und es bringt uns in der Debatte um Sexismus nicht weiter. Denn es geht nicht darum, Äußerlichkeiten anzugleichen, sondern den Umgang miteinander davon loszusagen. Denn egal, wie jemand aussieht, oder sich kleidet, jeder verdient das gleiche Maß an Grundrespekt. Und das bedeutet auch, niemanden aufgrund seines Aussehens zu bewerten.


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