23.01.2018, 18:19 · Aktualisiert: 03.02.2018, 09:00

"Ihr könnt euch ja noch ein bisschen austoben."

Politik, das ist was für die zweite Lebenshälfte. Den Eindruck vermittelt zumindest der deutsche Bundestag: 80 Prozent der Abgeordneten sind älter als 39. Gerade mal 2,3 Prozent – 12 von 709 Menschen – sind unter 30 (bento).

Was passiert, wenn man sich trotzdem politisch engagiert, zeigte sich vor kurzem bei Kevin Kühnert. Der 28-Jährige ist Juso-Vorsitzender und wirbt gerade intensiv gegen eine Koalition mit der Union. In Sachen Regierungsbildung war er in der vergangenen Woche der meist gefragte Mann Deutschlands.

Für manche Politiker und Medien aber war er nur "der Kevin" (bento). Anders formuliert: Süß, wie der junge Wilde versucht, mitzureden. Aber jetzt lass die Erwachsenen mal machen, ja?

Werden junge Politiker generell nicht ernst genommen? Und wie kann sich Politik erneuern, wenn die nächsten Generationen nur belächelt werden?

Wir haben mit jungen Politikern gesprochen, was sie in ihrer Laufbahn erlebt haben, wie sie mit solchen Situationen umgehen und was sich ändern muss.

Lasse Petersdotter, 27, Mitglied des Landtags in Schleswig-Holstein für die Grünen

(Bild: Markus Scholz/dpa)

"Ich bin im vergangenen Mai als jüngster Abgeordneter ins Parlament in Schleswig-Holstein eingezogen und erinnere mich noch gut an einen Zeitungsartikel, der dazu erschien. Er war betitelt mit 'Dauerbrenner und Küken'. Es ging also um diejenigen, die seit vielen Jahren im Parlament sitzen und uns Neue. Mit der Bezeichnung 'Küken' in ein Amt zu starten, motiviert einen erst recht, es allen zu zeigen.

Ich war vorher drei Jahre lang Sprecher der Grünen Jugend. Da bekommt man dann so Sätze zu hören wie: 'Ihr könnt euch ja noch ein bisschen austoben', 'Eure Kampagnen dürfen ein bisschen drüber sein, ihr seid ja die Jungen'. Nein, wir toben uns nicht aus. Wir machen ganz ernst gemeinte Politik.

Ich bin nun in der Fraktion für das Thema Finanzen zuständig. Wenn ich mich am Anfang auf Veranstaltungen in der ersten Reihe auf reservierte Plätze gesetzt habe, haben mich viele verwundert angeguckt. Ich glaub, sie dachten, ein Praktikant hätte sich mit dem Raum vertan.

Was dazu kommt: Ich bin nicht nur jung, sondern auch noch tätowiert. Wenn ein 45-Jähriger mit Anzug den Raum betritt, gäbe es diese Blicke bestimmt nicht. Trotzdem: Ich werde mich nicht verstellen, um irgendwelchen Mustern entsprechen.

Das Problem sind die anderen: Sie müssen ihr Bild eines Politikers verändern
Lasse Petersdotter

Es braucht einfach mehr von uns unter 30-Jährigen und sie müssen sichtbarer werden – in Medien, in Parteigremien. Und ihr Alter darf nicht ständig zum Thema gemacht werden.

Im Übrigen: Ich kenne keinen einzigen jungen Abgeordneten, der gescheitert ist – weil er seltener zu Sitzungen gekommen ist, gerade von einer Party kam oder von seinem Thema keine Ahnung hatte. Es gibt keinen Grund, uns wie Kinder zu behandeln."

Ronja Kemmer, 28, Mitglied des Bundestags für die CDU

"In der vergangenen Legislaturperiode bin ich in den Bundestag nachgerückt und war plötzlich die jüngste Abgeordnete mit 25 Jahren. Ich habe bei etlichen Gesprächspartnern gemerkt, dass sie erst nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollen. Teile der Medien, die sonst immer fordern, dass mehr Jüngere in Verantwortung kommen sollen, haben plötzlich von mangelnder Lebenserfahrung geschrieben – ja was denn nun?

Wenn ich auf mein Alter, Geschlecht oder Äußerlichkeiten reduziert werde, geht mir das gegen den Strich. Ich habe kein Problem mit sachlichen Diskussionen – das ist unser politisches Lebenselixier. Aber mitunter kam es vor, dass sich inhaltliche Auseinandersetzungen schnell um 'jung und weiblich' drehten.

Ich spreche es gleich offen an, wenn mir die Richtung einer Diskussion nicht gefällt. Außerdem überzeuge ich durch Leistung: Mitten in der Legislaturperiode habe ich einen mir fremden Wahlkreis übernommen, in zweieinhalb Jahren weit über tausend Termine wahrgenommen und die Nominierung gegen den etablierten Platzhirsch mit über 70 Prozent gewonnen.

Im September folgte dann das Direktmandat mit 42 Prozent der Erststimmen. Seither ist mir auch niemand mehr begegnet, der mein Engagement verniedlicht.

Ich spreche es gleich an, wenn mir die Richtung einer Diskussion nicht gefällt
Ronja Kemmer

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen im Bundestag sind sehr offen gegenüber jungen Menschen, weil sie es als wichtig betrachten, dass sich die Jugend einbringt.

Das Problem ist glaube ich eher die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit: Man darf zwar gerne jung sein, gleichzeitig soll man aber schon viel geleistet und enormes Fachwissen angehäuft haben. Sich immer wieder verteidigen zu müssen, darauf haben viele junge Menschen keine Lust. Ich kann nur dazu raten, dass man sich für seine eigenen Angelegenheiten engagiert – wenn man es nicht tut, dann setzen sich die anderen durch, die besser organisiert sind."

Moritz Heuberger, 26, Ex-Sprecher Grüne Jugend

"Ich habe oft das Gefühl, dass mit uns jungen Politikern nicht auf Augenhöhe gesprochen wird. Statt mit meinem Namen werde ich häufig mit 'die Grüne Jugend' angesprochen. Viel gravierender finde ich aber, dass visionäre Positionen – Ideen, die wirklich mal jenseits des Politik-Klein-Klein sind – meist nur belächelt werden: als 'realitätsfern, nicht finanzierbar, Hirngespinst junger Leute'.

Das fühlt sich oft an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Wie wollen wir denn wirklich das Klima retten, wenn wir nicht über die Debatte über irgendwelche Grenzwerte hinaus kommen? Wie wollen wir denn mit Europa vorankommen, wenn es nur um technische Feinheiten geht. Wie wollen wir Großkonzerne und Reiche wirklich dazu bringen, sich an Regeln zu halten und Steuern zu zahlen?

Mich spornt das nur noch weiter an. Je mehr Widerstand wir erfahren, desto sicherer können wir sein, dass wir richtig liegen und bestehende Machtverhältnisse ins Wanken bringen.

Wir brauchen mehr Offenheit für Neues in der Politik, das grundsätzliches Nachdenken über eine gerechte Zukunft erlaubt. Das können nicht nur junge Leute, aber die können es oftmals besonders gut."

Ria Schröder, 25, Mitglied im Landesvorstand der FDP Hamburg

"Im Wahlkampf ist es am Anfang vorgekommen, dass Wähler und Kandidaten anderer Parteien mich nicht begrüßt haben, weil sie nicht damit rechneten, dass ich die Kandidatin bin. Das hat sich gelegt, als mich mehr Menschen kannten. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass ich in Debatten einer leicht paternalistischen Art begegne.

Besonders häufig passiert das, wenn es um typisch junge Themen geht: Cannabis ist das beste Beispiel. Ich bin für die Legalisierung. Oft heißt es dann: 'Die jungen Leute wollen nur kiffen.' Wenn ich denen sage, es gehe dabei um Jugendschutz, entgegnen sie: 'Ich habe drei Kinder, ich kann das viel besser beurteilen.' Und ich sage: 'Ja, und ich habe Eltern.'

Ich versuche in solchen Situationen nicht in die Defensive zu gehen. Meine größte Stärke ist, dass ich klug bin und gute Argumente habe. Ich sage meinem Gegenüber dann, dass Lebenserfahrung kein sachliches Argument ist und wir in einer Debatte respektvoll miteinander umgehen sollten.

Von jungen Leuten wird gesagt, sie hätten keine Manieren. Dabei ist es häufig andersherum
Ria Schröder

Junge Leute in der Politik sind wichtig, weil sie neue Ansätze einbringen. Sie wollen schnelle und große Veränderungen und interessieren sich nicht für Klein-Klein. Wenn man diese Ideen nicht ernst nimmt, gehen immer weniger Menschen in die Politik. Parteien müssen sich dafür mehr öffnen.

Die Debatte am Bundesparteitag hat gezeigt, dass die Jusos da viel erreicht haben. Das Ergebnis hat mich beeindruckt.

Andererseits ist man als junger Mensch auch in der Pflicht, gute Argumente zu haben. Jung sein allein reicht natürlich nicht. Eigentlich ist Alter gar kein Argument. Es gibt auch Menschen in meiner Partei, die sind über 60 und offener und neugieriger als Menschen mit 30."


Retro

Aus welchem Märchen stammt dieser Satz?

23.01.2018, 18:07 · Aktualisiert: 24.01.2018, 10:41

Rucke di gu...

Es war ein ganz schönes Projekt, das sich Jacob und Wilhelm Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts aufhalsten: Für ihre "Kinder- und Hausmärchen" sammelten sie volkstümliche Geschichten aus dem ganzen Land.

Die Mühe hat sich aber gelohnt: Bis heute werden diese Märchen erzählt. Und die meisten von uns kennen die Geschichten aus der Kindheit.