Gerechtigkeit

Warum für mich Kopftuch und Feminismus zusammengehören

27.10.2015, 08:54 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Feminismus und Islam? Das ist ja wie Pech und Glück - so kommentierten viele Nutzer einen Beitrag, in dem Frauen erzählten, warum sie ein Kopftuch tragen. Hier antwortet unsere Autorin auf die Kommentare.

Was haben Huda, Yasmin, Esim und Selda gemein? Sie alle tragen ein Kopftuch. Sie alle wurden deswegen schon beleidigt, eine hat sogar einen Job nicht bekommen. Die jungen Frauen tragen das Kopftuch trotzdem – freiwillig und selbstbewusst. Damit wollen sie ein feministisches Zeichen setzen.

Die jungen Frauen habe ich für bento interviewt, Anfang Oktober erschien der Artikel. Fast tausend Kommentare sammelten sich unter dem Text und auf Facebook. Viele, sehr viele fragten: Feminismus und Islam? Das ist ja wie Pech und Glück, wie Elektron und Proton. Gegensätze, die einfach nicht zusammen gehören.

Ich las fast alle Kommentare. Manchmal schmerzten sie, manchmal amüsierten sie mich. Auf die acht besten möchte ich hier antworten.

Esim Karakuyu, 23, sagt: "Mein Kopftuch verleiht mir Selbstbewusstsein"

Esim Karakuyu, 23, sagt: "Mein Kopftuch verleiht mir Selbstbewusstsein" (Bild: Esim Karakuyu)

"Liebe verschleierte Muslimas dieser Welt. Ihr habt alle den Koran nicht gelesen, denn dort steht nichts von einem Kopftuch. Wenn ihr ihn gelesen hättet, dann wüsstet ihr das. Aber es ist natürlich einfacher der muslimischen Gemeinschaft hinterherzurennen, als sich selbst damit zu befassen.“

Liebe Nicht-Verschleierte, zunächst würde ich mich über die Kontaktdaten aller muslimischen Frauen auf dieser Welt freuen – schließlich müssen Sie mit allen geredet haben, um solche Aussagen zu treffen. Aber teilweise stimme ich Ihnen trotzdem zu: Das Kopftuch kommt in diesem Sinne nicht wörtlich im Koran vor. Dort steht nur, dass Frauen etwas (einen Schleier oder einen Überwurf) über sich ziehen sollen. Das wird in unterschiedlichen Kulturen und Traditionen anders interpretiert. Einige verstehen die Burka, das Niqab oder das Kopftuch darunter, weil in ihren Kulturen die Haare etwas Intimes sind. Andere bedecken nur ihren Busen oder andere Körperstellen. (Online zum Nachlesen: Sure 24, Vers 31; Sure 24, Vers 60; Sure 33, Vers 59)

"Im Prinzip habe ich nichts dagegen, die Religion öffentlich durch das Tragen eines Kopftuches zu zeigen. Aber wenn von Feminismus und Bloßstellung der Frau gesprochen wird, dann wüsste ich gerne, warum sehr viele Kopftuchträgerinnen gleichzeitig hohe Stiefel, enge Röcke oder Hosen und Oberteile tragen, bei denen wirklich NICHTS verborgen bleibt.“

Ganz einfach: Weil sie es wollen. Jede Frau hat das Recht, selbst zu entscheiden, was sie anzieht, egal ob Minirock, High Heels oder ein Kopftuch. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die stolz auf die Aufklärung ist.
Model bei der Indonesia Fashion Week 2014

Model bei der Indonesia Fashion Week 2014 (Bild: dpa/Bagus Indahono)

"Es fehlt mir irgendwie die grundsätzliche Erklärung, WIESO Frauen ein Kopftuch tragen. Das waren ja jetzt nur vier spezielle Fälle, aber mich würde interessieren, was die Mehrheit dazu sagt?“

Da sind wir bei der Pluralität des Islams: Eine grundsätzliche Erklärung gibt es gar nicht. Denn jede Frau trägt aus unterschiedlichen Gründen ein Kopftuch. Einige, weil sie es so beigebracht bekommen haben. Andere, weil sie es modisch finden oder weil sie es aus ihrer Religion herleiten. Andere wiederum tragen gar kein Kopftuch. Leider werden Frauen in einigen Ländern auch gezwungen, ein Kopftuch zu tragen, manchmal sogar schon kleine Mädchen. Ich finde, dass keine Frau und schon gar keine kleinen Kinder zum Kopftuch gezwungen werden dürfen. Entweder tun es Frauen freiwillig oder gar nicht – was völlig legitim ist.

"Man sollte sich auch dem Land anpassen, in dem man lebt und nicht das Land an den Menschen! Es gibt genug Wege für ein Miteinander.“

Richtig. Und der erste Weg für ein gutes Miteinander ist Toleranz. Denn immerhin reden wir hier von einem Stück Tuch, das den Kopf bedeckt - und das zur Kultur einiger muslimischer Frauen gehört. Wer diese Kultur akzeptiert, den wird auch das Kopftuch nicht mehr befremden.

"Bitte in ihren Ländern, nicht hier in Deutschland! Alle komplett verrückt geworden?“

Keiner ist verrückt geworden. Aber ich kann mir vorstellen, dass einige verrückt werden, wenn ich sage, dass Deutschland meine Heimat ist, und ja, auch ich trage Kopftuch. Und ich bin stolz auf meine Heimat, denn hier herrscht Religionsfreiheit – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern. Deutschland ist schon lange ein buntes Land. Das ist auch gut so.
Femen protestiert beim International Women's Day in Paris

Femen protestiert beim International Women's Day in Paris (Bild: dpa/Etienne Laurent)

"Sie sollen nicht unterrichten oder als Erzieherinnen arbeiten. Sie sind hier in Deutschland, also haltet euch daran. Das ist ein freies Land.“

Diese Kommentatorin schafft es, in einem Atemzug Frauen vorzuschreiben, was sie tun sollen - um dann zu sagen, dass Deutschland ein freies Land ist. Wer glaubt, er könne Frauen vor Unterdrückung schützen, indem er ihnen das Recht auf Selbstbestimmung nimmt, der irrt. Denn derjenige wird selbst zum Unterdrücker.

"Das Kopftuch ist ja vieles, aber bestimmt nicht ein Zeichen für Feminismus. Absurde Definition.“

Was ist denn ein Zeichen für Feminismus: nackte Brüste? Unrasierte Beine? Feminismus steht für die Selbstbestimmung der Frau. Jede Frau sollte das Recht haben, selbst über ihr Leben zu entscheiden.

"Es zeigt: 'Ich habe den richtigen Glauben, bin anständig, heirate niemals einen Ungläubigen und grenze mich daher von diesen ab.’“

Nein, das Kopftuch zeigt: "Lass mich so leben, wie ich will. Hör auf, mich zu bevormunden. Ich habe selbst einen Verstand. Ich heirate, wen und wann ich will. Übe den Beruf aus, den ich will. Ich entscheide selber.“

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