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Gerechtigkeit

Hotpants sollen an Schulen verboten werden? Aber das Problem haben doch die Männer!

24.06.2017, 15:57 · Aktualisiert: 26.06.2017, 08:44

Als die ersten Menschen begannen, Felle nicht mehr nur als Sonnenschutz oder Zelt zu benutzen, sondern sich damit zu bekleiden, muss es schon die ersten unausgesprochenen Regeln für Frauen gegeben haben, wie sie sich anzuziehen haben. 

Anders kann ich mir diese jahrhundertelange krampfhafte Fixierung darauf, was Frauen tragen, was sie tragen dürfen, was nicht und warum es eigentlich immer das Falsche ist, nicht erklären: 

  • Bis 2013 war es Pariserinnen offiziell verboten, Hosen zu tragen (natürlich hat sich niemand mehr daran gehalten) (Spiegel Online). 
  • In den 60er Jahren durfte Senta Berger – damals schon ein Star – ein Hotel nicht betreten, weil sie einen Hosenanzug trug (cove). 
  • 2015 wurde in Frankreich eine Muslima vom Unterricht ausgeschlossen, weil ihr Rock zu lang (sic!) war (Spiegel Online). 
  • Und 2017 wurden Frauen zum Empfang des Bundespräsidenten im kurzen Kleid gebeten (Tagesspiegel).

Apropos Unterricht. Immer im Sommerloch, wenn es draußen besonders heiß ist und die Köpfe vieler Menschen noch weicher gekocht sind als eh schon, kommt dieses eine Thema auf den Tisch: 

Man müsse Schülerinnen verbieten, in kurzer Kleidung zur Schule zu kommen. 

Hotpants, Ausschnitt und freier Bauch würden die Lehrer und Mitschüler ablenken. Auch an einem Gymnasium in Eppendorf gibt es jetzt eine Kleiderordnung: auf "pofreie Shorts" und "übertiefe Dekolletés" sollen Schülerinnen demnach ab sofort verzichten. 

Anlass genug für die ZEIT, sich mit Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg (GEW), darüber zu unterhalten (Zeit Online). 

Nach der Lektüre dieses Interviews war ich kurz davor, irgendetwas kaputt machen zu wollen.

Selbstverständlich wird wieder einmal ein Mann zu einem Thema interviewt, in dem es in der Hauptsache um Mädchen und junge Frauen geht. Dehnerdt spielt jede erdenkliche Rape Culture- und Sexisten-Karte, die es nur gibt.In der Quintessenz sind die Mädchen dafür verantwortlich, ob der Unterricht im Sommer störungsfrei verläuft oder nicht – das hängt nämlich davon ab, wie sie sich kleiden.

Sobald man als Mädchen beginnt, sich seiner Körperlichkeit bewusst zu werden, zieht man sich gern mal locker-luftig an. Das kann im Unterricht ablenken – Mitschüler und Lehrer. Für die ist es ja auch nicht einfach, in tiefe Brustausschnitte zu schauen. (Fredrik Dehnerdt)

Nein, Herr Dehnerdt, einfach nein. 

Ich weiß nicht, woher er seine These nimmt, dass Mädchen sich luftig-locker anziehen, wenn sie sich ihrer Körperlichkeit bewusst werden – eigene Erfahrung kann es ja nicht sein. Möglicherweise ziehen Mädchen sich auch einfach luftig-locker an, wenn das Thermometer über 25 Grad geht, aber das ist nur Rätselraten von meiner Seite. 

Dass sich Mitschüler von sommerlich bekleideten Mädchen ablenken lassen könnten, ja, das lasse ich gelten. Das ist aber nicht das Problem der Mädchen. 

Vielleicht erziehen wir Jungs einfach mal so, dass sie das durchaus ok finden, wenn ein Mädchen das anzieht, was es anzieht.

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Und wenn die Pubertäts-Hormone dafür sorgen, dass sie dann immer noch abgelenkt werden, ja, dann ist das halt so. Kinder und Jugendliche lassen sich grundsätzlich von allem ablenken – das können wir nicht alles verbieten. Und nun zu den Lehrern, die sich angeblich davon ablenken lassen. 

Wenn ein Lehrer davon abgelenkt ist, dass er – ich zitiere eine Freundin, die den Artikel auf Facebook verlinkte – in einen Kinderausschnitt schaut, dann sollte er sich grundsätzlich Gedanken über seine Berufswahl machen. 

Davon ab finde ich es tatsächlich ziemlich unverschämt, Lehrern zu unterstellen, sie würden sich von jeder Hotpants und jedem Ausschnitt ablenken lassen. Was hat der Herr Gewerkschaftler für ein Bild von seinen Kollegen, wenn er meint, dass sie sich dann nicht mehr auf ihren Job konzentrieren könnten. Oder ließe er sich vielleicht selbst zu sehr ablenken? Wenn es nicht einfach ist, in tiefe Brustausschnitte (was zur Hölle soll das sein?) zu schauen, dann 

SIEH HALT NICHT HIN!
Im besten Fall wird das im Elternhaus diskutiert: Wie kleide ich mich angemessen als junge Frau? (Fredrik Dehnerdt)

 
Ich wiederhole mich. Nein, einfach nein. 



Vielleicht diskutieren Eltern irgendwann mit ihren Kindern: Wie kleide ich mich angemessen? Und was heißt eigentlich angemessen? Dass ich zum Vorstellungsgespräch für die Ausbildung nicht im Unterhemd gehe, zum Beispiel. Aber Dehnerdt macht natürlich das, was in unserer immer noch patriarchalen Gesellschaft gerne gemacht wird: Regeln werden ausschließlich für Frauen aufgestellt. Von Männern.

Ich habe mit meiner Mutter oft darüber diskutiert, was eigentlich angemessene Kleidung ist. Und ob ich mein Geld einem Bankangestellten anvertrauen würde, der tätowierte Arme hat (würde ich). Ich durfte in sämtlichen Kleidungsstücken, die ich mir am Morgen rausgesucht hatte, zur Schule gehen – sicherlich hat meine Mutter das ein oder andere Outfit kommentiert, positiv wie negativ, aber es gab keinerlei Verbote oder Regeln.

Ich musste selbst herausfinden, was für mich ok ist und was nicht.

Auch ich hatte im Sommer oft Hotpants in der Schule an – oder ein weit ausgeschnittenes Shirt. Weil ich einfach Bock drauf hatte und mich modisch ausprobiert habe. 

Der Unterricht, in dem ich saß, ist jedenfalls nie aus dem Ruder gelaufen, weil man einen Teil meiner Brüste sehen konnte.

 

Was in dem Interview nicht deutlich wird: Gibt es Konsequenzen, wenn jemand mit Hotpants zur Schule kommt? Muss die entsprechende Schülerin dann wieder heimgehen? Oder eines dieser furchtbaren, sackartigen Shirts anziehen, die es an anderen Schulen mit solchen Regelungen gibt? Wer bestimmt, was zu kurz und zu tief ist?

Fragen, die ich noch hätte: Gibt es eigentlich auch Regelungen für die Lehrer? Wenn einer nach Schweiß oder dieser Rauch-Pädagogen-Mischung aus dem Mund stinkt, muss der dann auch wieder heim? Oder herumläuft wie der letzte Schlunschi, in Klamotten, die man nicht einmal zu einem Job ohne Kundenkontakt anziehen würde? Und wann erfindet jemand endlich mal Regelungen für die Jungs?

Mir hängen Kommentare zu den Körpern von Mädchen und Frauen so sehr zum Hals heraus, ich werde inzwischen nur noch müde, wenn ich wieder etwas zu diesem Thema lesen muss. Und wütend, wenn angebliche Erziehungsexperten wie Herr Dehnerdt Antworten geben, die auch ohne Probleme aus dem letzten Jahrhundert stammen könnten. 

Selbstverständlich können wir Kindern und Jugendlichen beibringen, welche Kleidung wohl zu welchem Anlass angemessen wäre. Aber ohne dabei die Schuld der Welt auf die Mädchen zu projizieren und nicht im sexualisierten Kontext. Denn, um das noch einmal ganz deutlich zu sagen und vielleicht auch als kleines Mantra für Herrn Dehnerdt und Konsort*innen: 

Die Kleidung von Frauen ist nie (nie!) Schuld daran, dass Männer sich nicht benehmen können. Schuld daran sind nur die Männer.

Dieser Beitrag stand zuerst auf Ninias Blog.


Haha

Die World Taekwondo Federation – kurz WTF – hat einen neuen Namen. Aus Gründen

24.06.2017, 15:35 · Aktualisiert: 24.06.2017, 16:36

Seit 44 Jahren wird die "World Taekwondo Federation" mit WTF abgekürzt. Nun wurde der Name geändert – pünktlich zur im südkoreanischen Muju stattfindenden Weltmeisterschaft

Der Name sei nicht mehr zeitgemäß, sagte der Präsident des Weltverbandes, Chungwon Choue. 1973 habe es das Internet noch nicht gegeben – und damit auch keine global verbreitete Doppelbedeutung von WTF. Da der Verband auch "junge Menschen" ansprechen will, soll die "negative Bedeutung" – also eben "What the Fuck" – nicht mit dem Verband assoziert werden (World Teakwondo).

Wie lautet nun die neue Abkürzung? Auf die "Federation" wird künftig einfach verzichtet – der Verband heißt nun WT.