Bild: Andrea Schöne

Gerechtigkeit

Menschen mit Kleinwuchs erklären, was für sie OK ist und was nicht

19.06.2016, 16:55 · Aktualisiert: 29.06.2016, 13:41

Vergangene Woche machte die "Süddeutsche Zeitung" mit einem Artikel von sich reden: Im Nachruf auf den Schauspieler Michu Meszaros, der als Darsteller des TV-Außerirdischen Alf bekannt wurde, veröffentlichte die Zeitung verletzende Aussagen zu Kleinwüchsigen:

"Kleinwüchsige begeistern schon deshalb, weil von ihnen ein märchenhafter Zauber ausgeht. Weil sie wie Erwachsene wirken, die man in Kinderkörper gesteckt hat. Weil sie sich ähnlich komisch bewegen wie die schlaksigen Riesen (…). Weil ihre Stimmen piepsen, als hätten sie Helium eingeatmet."

Formulierungen, die eigentlich als "Lob auf die menschliche Verschiedenheit" gedacht waren, sorgten für Kritik.

Die Autorin Ninia La Grande veröffentlichte einen Appell, in dem sie klar machte, warum ein "Dank an alle Hobbits, Liliputaner und Zwerge" keine Würdigung ist. Twitter-User Markus Flum hatte die Idee zur Fotoaktion #KeinZwerg, bei der viele kleinwüchsige Menschen mitmachten.

Obwohl sich die "Süddeutsche Zeitung" entschuldigt hat, bleibt die Frage: Warum wird in manchen Fällen noch immer über Menschen mit Behinderung gesprochen, anstatt mit ihnen?

Darüber haben wir mit drei Menschen mit Kleinwuchs gesprochen.

Andrea, 22, Politik-Studentin

(Bild: Andrea Schöne)

Welche konkrete Handlung oder Wortwahl beleidigt dich persönlich?

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass es auch unter Kleinwüchsigen durchaus verschiedene Meinungen zum Umgang mit kleinwüchsigen Menschen geben kann. Den einen macht es zum Beispiel nichts aus, wenn sich der normalgroße Gesprächspartner hinkniet. Andere wiederum setzen sich lieber gemeinsam mit ihrem Gesprächspartner an einen Tisch, damit beide auf Augenhöhe miteinander reden können.

Ich bin 1,10 Meter groß – aber nicht invalid.

Mich stört besonders, wenn mich jemand wegen meiner Körpergröße wie ein Kind behandelt. Schließlich sieht man mir an, dass ich kein Kind sein kann.

Manche Erwachsene streicheln mir zum Beispiel über den Kopf. Andere gehen total vorsichtig mit mir um, als sei ich unsicher und könnte jeden Moment vom Fahrrad fallen. Das Fahrrad ist mein Hilfsmittel, ich nutze es quasi wie einen Rollstuhl. Und dabei brauche ich auch keine Hilfe von Erwachsenen.

Kannst du einen Vorfall schildern, der dir in schlechter Erinnerung geblieben ist?

Ich will nicht wie ein Zirkustier behandelt werden. Ich war auf dem Tag der Menschenrechte als Aktivistin für Amnesty International unterwegs. Dort kam jemand zu mir, der mir – irgendwie bemitleidend – "Lob" ausdrücken wollte. Auf dieser Veranstaltung bin ich mit meinem Fahrrad nur einen Gang entlang gefahren. Auf einmal kam ein Mann auf mich zu und lobte mich überschwänglich.

Die Leute sollen endlich mal aufhören, gegenüber mir so "pseudoengagiert" und "pseudotolerant" zu sein.

Dieses Verhalten vermittelt mir, dass mein Mitmensch mir nicht zutraut, allein zurechtzukommen. Das finde ich diskriminierend.

Eine junge Mutter ist mir aber sehr positiv in Erinnerung geblieben. Sie hat ihrer Tochter, für mich hörbar, erklärt, dass sie selbst nicht weiß, warum ich so klein bin – und dass die Tochter mich einfach fragen soll, wenn sie es wissen möchte. Ich hab dann versucht, es ihr altersgerecht zu erklären und dabei hat sich auch ein nettes Gespräch mit der Mutter entwickelt.

Wann nervt die Reduzierung auf deine Behinderung besonders?

Wenn Menschen meine Leistung im Leben von meinem Kleinwuchs abhängig machen und hervorheben, wie toll es doch ist, wofür ich mich einsetze.

Ich möchte kein Lob für die Dinge, die ich "trotz meiner Behinderung" geleistet habe.

Ich mache diese Dinge lediglich mit meiner Behinderung. Mir kommt es auch manchmal so vor, als wollten mich manche Leute für ihr Projekt nur gewinnen, weil es gut aussieht, noch jemanden mit einer Behinderung dabei zu haben.

Was fällt Menschen, die nicht kleinwüchsig sind, schwer?

Zum Beispiel, wie genau sie sich hinstellen sollen, wenn wir uns unterhalten. Viele wissen nicht, ob sie sich besser zu mir herunterbeugen oder nicht. Mir persönlich ist das egal und ich rede ganz offen mit meinem Gesprächspartner darüber.

Gibt es Ausdrücke, die dich stören?

Zunächst muss ich da zwischen der Öffentlichkeit und dem Privaten unterscheiden. Wie ich bereits in meinem Artikel geschrieben habe: Ich bin kein "Schlumpf", "Zwerg", "Hobbit" oder sonst eine Figur aus dem Märchenland.

Ich bin ein Mensch, wie jeder andere auch.

In meinem Freundeskreis ist jeder normal groß, dies hat sich in meinem Leben einfach so ergeben. Von dem ein oder anderen weiß ich, dass sie erst sehr unsicher waren, wie sie mit mir umgehen sollten. Doch dass sie mich nicht "Lilliputaner" nennen sollten, wissen sie genau.

Markus, 48, erwerbsunfähiger Rentner

Welche konkrete Handlung oder Wortwahl beleidigt dich persönlich?

Wenn jemand über mich redet und nicht mit mir, gaffende Menschen. Eltern, die Kindern verbieten, neugierig zu sein oder ihnen falsche Dinge erzählen, wie zum Beispiel: "Das passiert mit dir, wenn du zu wenig Suppe isst." Auch mag ich sämtliche Definitionen zu Kleinwüchsigen aus Fabeln, Märchen und Filmwesen nicht. Meistens haben die Figuren darin etwas Negatives an sich. Sie sind Phantasiegestalten, wogegen ich real existierend bin.

Was ist – in Bezug auf deine Behinderung – in Ordnung?

Ehrliches Interesse an meiner Behinderung und Hilfsbereitschaft. Ein "Nein" sollte aber akzeptiert werden. Nein sage ich oft, wenn mir jemand helfen möchte. Nicht weil ich zeigen will, dass ich es kann, sondern eher, weil es oft zu lange dauert um zu erklären, wie ich es etwas möchte. Wenn ich Nein sage, erkläre ich aber auch immer, wieso.

Was ist das Dümmste, was dir im Alltag bezüglich deiner Behinderung je passiert ist?

Das ist schon länger her: Im Restaurant kam mal eine Frau auf mich zu und legte mir 20 Mark auf den Tisch. Sie sagte: Ich hätte es ja im Leben so schwer.

Nachdem ich der Frau erklärt hatte, dass ich ihr Geld nicht möchte, hat sie das nicht akzeptiert.

Ich habe dann schlussendlich nachgegeben, das Geld angenommen und es dann für einen guten Zweck gespendet.

Was würdest Menschen wie dieser Frau gern sagen?

Eigentlich nur eines: Dass sie das, was ich sage, akzeptieren und meine Antwort nicht sofort in Frage stellen sollen, sodass ich mich auch noch rechtfertigen muss.

Hauptsächlich stört mich, wenn über mich geredet wird, obwohl ich daneben stehe. Oder wenn Familie und Freunde denken, dass sie mehr über mich und meine Behinderung Bescheid wüssten, als ich selbst. In anderen, alltäglichen Belangen diskutiere ich sehr gerne.

Ich möchte wie ein normaler Mensch behandelt werden, aber ich möchte auch, dass meine Nachteile so weit wie möglich ausgeglichen werden. Sei es durch finanzielle Unterstützung, sei es durch Hilfsmittel, sei es durch einfache Akzeptanz.

Wie sieht dein Kampf gegen Vorurteile aus?

Was ich mir in den letzten Jahren angewöhnt habe, ist, sachlich zu bleiben – auch in Gesprächen mit Kleinwüchsigen habe ich oft eine andere Meinung. Es gibt immer wieder Diskussionen über Möglichkeiten der Gliedmaßenverlängerung, wovon ich ein Gegner bin, vor allem wenn die Operation im Kleinkindalter vonstatten gehen soll. Die Begradigung der Beine im Jugendalter hingegen befürworte ich.

Immerhin habe ich eine Meinung, die ich vertrete und nicht nachplappere, um Bestätigung zu bekommen.

Dennoch lasse ich immer öfters Kommentare in sozialen Netzwerken stehen, bei denen ich mich angesprochen fühle. Ich möchte mich nicht provozieren lassen oder in eine Endlos-Diskussion verstrickt werden.

Itje, 32, Fotografin

(Bild: Käthe deKoe)

Was rätst du deinen Mitmenschen?

Fragt, wenn ihr Fragen habt. Ich liebe es, Fragen zu beantworten. Die meisten kommen von Kindern, auch wenn ich schon öfter mitbekommen habe, dass Eltern ihre Kinder wegzerren – und gute Fragen dann womöglich unbeantwortet bleiben.

Was antwortest du denn Menschen, die wissen wollen, warum du so klein bist?

Nach all den Jahren habe ich erst jetzt eine Standardantwort auf die Frage gefunden: Ich bin klein, weil die Welt langweilig wäre, wenn jeder gleich aussehen würde.

Es gibt ja auch Leute mit vielen Haaren und welche mit gar keinen, es gibt Dünne und Dicke, verschiedene Hautfarben – und eben Kleine und Große.

Ich rege mich persönlich über all diejenigen auf, die mit ihren Körpern unzufrieden sind. Vor allem diejenigen, die eigentlich perfekt sind. Die, die sich wegen einer zu großen Nase oder zu dicken Oberschenkeln aufregen.

Ich persönlich würde nichts an mir ändern. Ich bin halt so wie ich bin – und das ist gut so.

Was beleidigt dich?

Für mich persönlich ist das Wort "Standgebläse" das beleidigendste Wort, neben "Lilliputaner". Das wertet nur ab. Außerdem gibt es immer noch Erwachsene, die mir nicht in die Augen schauen können. Auch das beleidigt sehr.

Hast du schon mal eine besonders enttäuschende Erfahrung gemacht?

Während meiner Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau hatte meine Chefin ein Problem mit mir. Schon zu Beginn sagte mir sie, dass sie mich aufgrund meiner Behinderung nicht nehmen könnte, obwohl die Arbeit zu 99 Prozent der Zeit hinter dem Schreibtisch stattfand. Ständig musste ich Dinge tun, die ich eigentlich nicht kann, wie zum Beispiel Sachen schleppen. Depressionen waren die Folge.

All die Jahre hatte ich das Gefühl, das Mobbing ging gegen mich persönlich – aber letztlich ging es doch nur um meine Größe. Jetzt, nach unzähligen Therapien, fühle ich mich innerlich so groß, dass ich stolz auf mich sein kann.

Ich habe mittlerweile eine ganz andere Körperhaltung.

Die Leute schauen mir nicht mehr so hinterher, wie noch vor einem Jahr, als ich mit heruntergezogenen Schultern durchs Leben lief.

Ich teste auch gerne auf der Straße, was passiert, wenn ich einfach eine gerade Linie entlang laufe – gehen mir die anderen Fußgänger dann aus dem Weg oder nicht? Die meisten Leute machen mir den Weg frei.

Früher bin ich den Leuten aus dem Weg gegangen, heute bin ich da viel selbstbewusster.


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