Gerechtigkeit

Was junge Katalanen über die Rede ihres Präsidenten denken

11.10.2017, 12:21 · Aktualisiert: 11.10.2017, 13:46

"Wenigstens miteinander reden – das muss doch drin sein"

Erst kam der Jubel. Als der katalanische Präsident Carles Puigdemont am Dienstagabend im Parlament erklärte, Katalonien in einen unabhängigen Staat verwandeln zu wollen, gab es zumindest für die Unabhängigkeitsbefürworter kein Halten mehr. Doch wenige Sekunden später atmeten die Gegner einer Abspaltung von Spanien auf. Sie waren größtenteils zuhause geblieben, sahen am Fernseher, wie Puigdemont die Unabhängigkeit für einige Wochen aussetzte, um mit der spanischen Regierung zu verhandeln.

Und so kann jeder in die Rede des katalanischen Präsidenten hineininterpretieren, was er möchte. Am Ende wird nicht entscheidend sein, was Puigdemont gesagt hat – sondern wie Spanier und Katalanen es aufgefasst haben.

Mehr dazu:

Die spanische Regierung wird in den nächsten Tagen entscheiden müssen, ob sie nach der verfassungswidrigen Abstimmung und Puigdemonts Rede die katalanische Regierung absetzt und die Region zwangsverwaltet. Möglich wäre das, der Konflikt würde dann wohl endgültig eskalieren.

Wir haben uns im Univiertel in Barcelona umgehört und junge Katalanen gefragt, was sie über die Erklärung ihres Präsidenten denken.

Claudia, 18

(Bild: Steffen Lüdke)

Ich bin zufrieden mit dem, was unser Präsident gestern gesagt hat, auch wenn ich für einen eigenen katalanischen Staat bin. Auf ihm lastete viel Druck von allen möglichen Seiten. Hätte Carles Puigdemont die Unabhängigkeit direkt erklärt, würde der spanische Staat wohl eingreifen. Und vollständig einlenken konnte er ja auch nicht, bei so vielen Menschen, die einen eigenen Staat wollen.

Jetzt hat der spanische Ministerpräsident das Problem auf dem Tisch. Er weiß: Wir wollen verhandeln. Wenn er uns unter Zwangsverwaltung stellt, gewinnen wir. Dann sind hier bald noch mehr Menschen für die Unabhängigkeit von Spanien.

Bruno, 21

(Bild: Steffen Lüdke)

Als der katalanische Präsident gestern die Wörter "unabhängige katalanische Republik" sagte, fühlte es sich total surreal an. So viele Jahre wird hier davon geredet und plötzlich sollte es Realität sein? Wenige Sekunden später hat er die Unabhängigkeitserklärung ja wieder ausgesetzt. Ich bin nicht enttäuscht, weil das ein Kompromiss ist, den vielleicht auch der spanische Staat akzeptieren kann.

Eigentlich ist es mir sogar egal, ob Katalonien einen eigenen Staat bekommt. Meine Eltern kommen aus anderen Regionen Spaniens, ich bin hier aufgewachsen. Für mich ist nur wichtig, dass sich Szenen wie die vom 1. Oktober nicht wiederholen, als die spanische Polizei Katalanen zusammengeschlagen hat. Das ist es nicht wert.

Bruno meint solche Szenen:

Albert, 26

(Bild: Steffen Lüdke)

Ich stand gestern am Triumphbogen mit tausenden anderen Katalanen und habe auf großen Bildschirmen die Rede verfolgt. Ein bisschen enttäuscht war ich schon. Aber es gibt halt einfach gerade keinen Weg für uns, eine Unabhängigkeit durchzusetzen.

Wenn Puigdemont das gesagt hätte, was ich will, würde er im Gefängnis landen. Meine Hoffnung ist Europa. Die Staaten sollten Druck auf Rajoy ausüben, damit er beginnt, mit uns zu verhandeln.

Patricia, 31

(Bild: Steffen Lüdke)

Ich bin gegen eine einseitige Unabhängigkeitserklärung. Und zum Glück hat Carles Puigdemont am Dienstagabend auch keinen eigenen Staat ausgerufen – das wäre Selbstmord gewesen.

Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy muss nun beweisen, dass er ein Politiker ist. Politiker reden miteinander, sie verhandeln. Es ist so traurig, dass wir uns untereinander nicht verstehen. Puigdemont und Rajoy müssen ja nicht direkt verhandeln, sie könnten jemanden schicken. Aber wenigstens miteinander reden – das muss doch drin sein.


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