Bild: dpa/AP/Emilio Morenatti

Gerechtigkeit

Hunderte Verletzte bei Referendum: Wem die Gewalt in Katalonien nützt

01.10.2017, 21:33 · Aktualisiert: 02.10.2017, 09:13

90 Prozent der Wähler haben laut Regionalregierung für die Unabhängigkeit gestimmt.

In Katalonien sind bei einer Abstimmung über eine mögliche Abspaltung von Spanien Hunderte Menschen verletzt worden. Die spanische Polizei versuchte Wahlurnen zu beschlagnahmen, viele Katalanen wollten trotzdem abzustimmen und blockierten die Eingänge zu den Wahllokalen. 

Die Polizei setzte Gummiknüppel und vereinzelt auch Gummigeschosse ein. 

Wie die Sache so eskalieren konnte und warum das im Interesse beider Parteien liegt – erklärt:

(Bild: dpa)

Worum geht es?

Die Nationalisten in Katalonien wollen sich von Spanien abspalten und haben am Sonntag darüber abstimmen lassen. Das Referendum war illegal, weil es gegen die spanische Verfassung verstößt. 

Gerichte hatten es deshalb im Vorfeld verboten. Es war auch demokratisch nicht legitimiert, weil es zum Beispiel keine Mindestbeteiligung gab und die Unabhängigkeitsgegner keinen Grund hatten, zur Wahl zu gehen – schließlich war die Abstimmung ja illegal.

Eine Unabhängigkeitserklärung schon am Mittwoch kann die katalanische Regierung also eigentlich nicht rechtfertigen. Trotzdem plant sie offenbar genau das. Doch darum ging es am Sonntag in Katalonien nicht in erster Linie.

Worum ging es dann wirklich?

Das Referendum war ein Theaterstück. Es sollte die Bilder produzieren, die Nationalisten in Katalonien jetzt brauchen: Das Blut, das an der katalanischen Großmutter klebt; der behelmte Polizist der spanischen Policia Nacional, der vor einem Wahllokal mit Anlauf auf Menschen springt

Genau diese erschreckenden Bilder gab es. Die Polizei setzte Gummigeschosse ein. Gegen Menschen, die wählen wollen. Irre – auch wenn die Abstimmung illegal war.

Bisher gab es keine klare Mehrheit in der katalanischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit von Spanien. 

49 Prozent der Katalanen waren bisher dagegen, 41 Prozent dafür. 

Das ergab die letzte repräsentative Umfrage der katalanischen Regierung. Tatsächlich wollen die meisten Katalanen, dass Katalonien Teil von Spanien bleibt, aber mehr Autonomie bekommt – auch das zeigen Umfragen.

Die Bilder von Sonntag könnten das ändern. Sie markieren ein davor und ein danach.

Niemand, der von der spanischen Polizei verkloppt wird, weil er ein Stück Papier in eine Urne stecken will, hat noch Bock auf diesen Staat.

Warum hat die spanische Regierung das gemacht?

Für sie ist das einerseits ein internationales PR-Desaster. Der konservative spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy hat das offenbar in Kauf genommen. Aus einem Grund: Seine Partei präsentiert sich bei Wahlen stets als Bewahrer der "Einheit Spaniens". 

Während die Katalanen versuchten, abzustimmen, demonstrierten Menschen in vielen Städten mit spanischen Flaggen. In Madrid sangen Faschisten Parolen des einstigen spanischen Diktators Franco und streckten den rechten Arm in die Höhe.

Das sind Rajoys Wähler.

Diese Menschen wollen, dass Rajoy die Katalanen in die Schranken weist. Sein harter Kurs ergibt Sinn, wenn es ihm vor allem darum geht, seine Wähler zu beruhigen. Jedes Mal, wenn die Katalanen darüber abstimmen, ob sie Spanien verlassen wollen, und der spanische Ministerpräsident das zulässt, verliert Rajoy bei ihnen an Glaubwürdigkeit.

Also hat nur Rajoy Schuld?

Nein, die Nationalisten in Katalonien haben geltendes Recht gebrochen; sie haben die Menschen dazu aufgerufen, der Polizei friedlich Widerstand zu leisten und in den Wahllokalen auszuharren – obwohl sie wussten, was passieren würde. 

An dem Blut und den blauen Flecken ist auch die katalanische Regierung Schuld, sie hat die Verletzungen für ihre Sache in Kauf genommen.

Wie könnte der Konflikt gelöst werden?  

Sowohl der spanische Ministerpräsident als auch der katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont könnten nun theoretisch miteinander verhandeln, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Am Ende könnten die Katalanen noch mehr Autonomie bekommen, als sie ohnehin schon haben, und zum Beispiel mehr von dem Geld behalten, das in ihrer Region erwirtschaftet wird. So einen Deal haben die Basken bereits.

(Bild: dpa/AP/Francisco Seco)

Die Bilder und Erfahrungen vom Sonntag aber werden Katalonien noch lange verfolgen. Sie haben alte Wunden aus dem spanischen Bürgerkrieg aufgerissen. Eine Verhandlungslösung ist durch die Schläge und Tritte von Sonntag unwahrscheinlicher geworden. 

Katalanische Unabhängigkeitsbefürworter und patriotisch gesinnte Spanier werden sich nun noch unversöhnlicher gegenüberstehen. Es könnte sein, dass nun wirklich eine Mehrheit der Katalanen nicht mehr an Verhandlungen interessiert ist.

In Katalonien sagen die Befürworter der Unabhängigkeit schon länger, dass nichts so für sie arbeitet, wie Rajoys konservative Partei und ihr harter Kurs gegen die Katalanen. Am Sonntag haben sie wieder mal Recht behalten.


Queer

"Wie alle anderen, die sich lieben." Endlich gibt es die Ehe für alle!

01.10.2017, 20:31 · Aktualisiert: 01.10.2017, 20:41

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Denn: Seit Sonntag, dem 1. Oktober 2017, dürfen in Deutschland endlich gleichgeschlechtliche Paare heiraten. 

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Endlich ist Liebe gleich Liebe – und Ehe gleich Ehe. 

Ein historischer Tag, der gefeiert werden muss. Sogar die sonst eher behäbigen Behörden haben sich etwas Besonderes überlegt.