Gerechtigkeit

Das denken junge Katalanen über den Streit mit Spanien

05.10.2017, 12:05 · Aktualisiert: 05.10.2017, 13:57

"Dann hält mich hier nichts mehr."

Tag für Tag gehen sie auf die Straße, klopfen mit Löffeln auf Töpfe, kleben sich die Münder zu, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen: Indepedencia – Unabhängigkeit. Rund zwei Millionen Katalanen, viele von ihnen sehr jung, haben sich am Sonntag für die Unabhängigkeit der autonomen Region von Spanien ausgesprochen.

Aber das sind nur rund 40 Prozent der Wahlberechtigten. Die katalanische Gesellschaft ist gespalten wie lange nicht. Bei weitem nicht alle Katalanen wollen, dass ihr Präsident am Montag die Unabhängigkeit ausruft. Wir haben mit vier Menschen aus Barcelona über die Unabhängigkeit gesprochen. Hier liest du, wie sie die letzten Tage erlebt haben – und wie sie in die Zukunft blicken.


Elizabet, 26

Elizabet ist in Barcelona aufgewachsen.

Elizabet ist in Barcelona aufgewachsen.

Ich bin Katalanin und fühle mich mehr katalanisch als spanisch. Trotzdem wollte ich gegen die Unabhängigkeit stimmen - bis vor drei Wochen.

Dann hat die spanische Regierung Mitglieder der katalanischen Regierung verhaften lassen, weil sie die Abstimmung vorbereitet haben. Und die Polizei hat Menschen zusammengeschlagen, die einfach nur wählen wollten. Das geht nicht, es ist ein Skandal. Ich kann nicht in einem Land leben, das seine Bürger attackiert, nur weil sie anderer Meinung sind. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy muss gehen. Seine Partei darf nicht die Regierung führen.

Bis vor Kurzem habe ich mich nicht als Nationalistin gesehen. Jetzt bin ich es wohl.

Aber ich fände es trotzdem falsch, wenn der katalanische Präsident Carles Puigdemont jetzt die Unabhängigkeit erklärt. Das wäre ein riesiger Fehler. Die Abstimmung war illegal und viele Gegner der Unabhängigkeit sind nicht hingegangen.

Wir brauchen ein verbindliches Referendum, aber wir müssen es auf legalem Wege machen.

Die Abstimmung am Sonntag war wunderschön, so viele Menschen haben noch die Franco-Diktatur erlebt und haben vor Freude geweint, weil sie abstimmen konnten.

Wie die Menschen in Katalonien über die Unabhängigkeit dachten, zeigt auch diese Umfrage:

Wollen Sie, dass Katalonien ein unabhängiger Staat wird?

Was für eine Organisationsform sollte Katalonien haben?

Die Daten stammen aus der letzten verfügbaren repräsentativen Umfrage, die im Auftrag der katalanischen Regierung im Juli 2017 durchgeführt worden ist. Der statistische Fehler liegt bei rund 2,5 Prozent.

Philip, 30

Ursprünglich kommt Philip aus Deutschland, seit acht Jahren lebt er in Barcelona.

Ursprünglich kommt Philip aus Deutschland, seit acht Jahren lebt er in Barcelona.

Die katalanischen Nationalisten haben sich gegenseitig in eine Art Rausch versetzt. Wenn ich mit Befürwortern der Unabhängigkeit rede, bin ich deshalb vorsichtig. Es ist okay, dass sie sich so für ihre Kultur begeistern. Aber ich glaube, dass Politiker diese Euphorie für eigene Zwecke missbrauchen.

Für mich selbst wäre die Unabhängigkeit eine Katastrophe.

Ich habe einen kleinen Laden in der Altstadt und verkaufe dort Bio-Getränke. Mein Umsatz würde zurückgehen, wenn es keine klaren Einreisevereinbarungen gibt oder Katalonien plötzlich nicht mehr Teil der EU wäre. Es sind unsichere Zeiten für mich. 

Davon abgesehen: Am Sonntag haben wir gesehen, wozu die Staatsmacht fähig ist. Die haben da richtig reingeknüppelt, das geht gar nicht. Ich sorge mich, dass die spanische Regierung auf eine Unabhängigkeitserklärung erneut so radikal reagiert. Unruhen und Gewalt halte ich inzwischen für ein realistisches Szenario.

Wie geht es in Katalonien weiter?

Am Montag könnte das katalanische Parlament die Unabhängigkeit von Spanien erklären. Es kann sein, dass die spanische Regerierung dann die Autonomie der Region aufhebt. Es wäre die erneute Eskalation des Konfliktes. Bisher hat der spanische Ministerpräsident, Mariano Rajoy, eine Vermittlung zum Beispiel von der EU abgelehnt.

Alejandro, 25

Am Sonntag, als viele Katalanen abgestimmt haben, bin ich extra weggefahren, ich wollte einfach nicht hier sein. Ich bin gegen die Unabhängigkeit – wir sind die schweigende Mehrheit.

Ich habe viele Freunde, die für die Unabhängigkeit sind – viele aus ökonomischen Gründen. Sie wollen mit anderen Katalanen teilen aber nicht mit Menschen aus Andalusien. Das einzig gute an der Unabhängigkeitsbewegung: Sie ist friedlich.

Ich bin Spanier und möchte in der Nation leben, zu der ich mich zugehörig fühle. Dazu kommt: In einem unabhängigen Katalonien würde auf der Arbeit bestimmt auf Katalanisch kommuniziert werden. Das verstehe ich zwar, aber ich kann es nicht schreiben, weil ich erst vor drei Jahren nach Barcelona gezogen bin. Ich hätte hier keine Chance.

Wenn Katalonien wirklich unabhängig wird, packe ich meinen Koffer, verlasse die Region und ziehe wieder nach Spanien. Dann hält mich hier nichts.
Alejandro lebt seit drei Jahren in Barcelona.

Momo, 32

Die Unabhängigkeit ist für mich ist eine Frage der Identität: Wir haben unsere eigene Sprache, unsere eigene Kultur und es fühlt sich an, als ob all das beschnitten werden soll. Katalanisch zu sprechen, und sei es nur in unseren Schulen, ist ein Problem für den spanischen Staat, das ist mein Eindruck. Außerdem missbraucht uns der spanische Staat ökonomisch. Von unserem Steuergeld wird kaum etwas wieder in Katalonien investiert.
Am Sonntag war ich Wahlhelferin, in der Nacht zuvor habe ich in der Schule geschlafen, damit das Wahllokal nicht versiegelt werden konnte. 


Vier Straßen weiter ist die spanische Polizei eingefallen, wir sind zum Glück davongekommen.

Wenn die spanische Regierung jetzt von der Einheit Spaniens spricht, die es angeblich zu bewahren gelte, ist das schon ein starkes Stück. Schon lange lassen sie uns doch spüren, dass wir zu dieser Einheit nicht dazugehören. 

Denke ich an Montag, wenn die Unabhängigkeit erklärt werden soll, habe ich Angst. Angst vor der Reaktion des spanischen Staates, ich will die spanische Polizei, die Journalisten und Politiker hier nicht mehr sehen. Und ich habe Hoffnung, dass bald alles hinter uns liegt. Derzeit stecke ich voller Wut und Frust. Wenn ich über das Thema spreche, kann ich einfach nicht aufhören zu weinen.

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