Gerechtigkeit

"Ich könnte kein Mädchen aus einer niedrigeren Kaste heiraten": Wie Inder heute leben

19.12.2016, 10:15 · Aktualisiert: 19.12.2016, 10:49

Auch heute noch demonstrieren Frauen und Männer in Indien gegen eine jahrhundertealte Ordnung: das Kastenwesen. Es unterteilt die Gesellschaft grob in Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras. Ursprünglich entscheiden sie darüber, welchen Beruf ein Mensch ausübt. In der Realität bestimmt die Kaste häufig aber auch, mit wem man befreundet ist und wen man heiraten darf.

Welche Rolle spielen Kasten heute noch im Alltag junger Inder? Wir haben mit Männern und Frauen in Neu Delhi gesprochen.

(Bild: Parth Gupta)

Ankit Chauhan, 18, Textilverkäufer

Dass ich der Kaste der Kshatriyas angehöre, hat mein Vater mir erzählt. Als ich zehn war, habe ich ihn gefragt, was ich den Leuten sagen soll, wenn sie nach meiner Kaste fragen. Das Thema hatten wir im Schulunterricht.

Ich weiß nicht viel darüber, nur, dass Menschen aus meiner Kaste normalerweise Geschäftsleute sind. Bei uns in der Familie aber sind alles Bauern. Ich selbst bin in Delhi geboren und lebe hier. Weil wir finanzielle Probleme in der Familie haben, arbeite ich in der Stadt. Sonst wäre ich wahrscheinlich auch Bauer geworden.

In meiner Kolonie leben Gujjars, Jats und Thakurs. Eigentlich ist uns egal, welcher Kaste die Leute angehören. Nur Gujjars haben viel Geld, deswegen mögen wir sie nicht. Ihre Vorfahren hatten viel Land, das sie an die Regierung verkauften.

Ich könnte auch kein Mädchen aus einer niedrigeren Kaste heiraten, meine Familie würde das nicht erlauben. Ich finde das in Ordnung, es ist eine Tradition, ein Familiending. Das war schon immer so. Ich habe auch nur drei bis vier Bekannte aus niedrigeren Kasten, wir sind uns nicht besonders nah.

Das Kastensystem in Kürze

Jeder als Hindu geborener Inder gehört von Geburt an zu einer bestimmten Kaste. Gelehrte – Brahmanen – stehen dabei an der Spitze, Shudras – meist Tagelöhner – auf der untersten Stufe. Oft verrät der Nachname schon, aus welcher Kaste ein Mensch stammt.

Dalits und indigene Stämme fallen aus dem System raus. Sie verrichteten traditionell als „unrein“ betrachtete Tätigkeiten wie Latrinenputzen oder Gerben. Auch heute noch gelten sie für sehr konservative bis fundamentalistische Hindus als "unrein". Je niedriger die Kaste, desto ärmer sind die Menschen oft.

Dabei darf eigentlich schon seit 1950 kein Inder mehr wegen seiner Kaste diskriminiert werden, so steht es in der indischen Verfassung. Die Realität jedoch ist eine andere – auch wenn das Kastensystem in den Städten an Bedeutung verliert. Viele hoffen, dass wirtschaftliche Entwicklung und Bildung alte Hierarchien langsam aufweichen.

Geholfen hat dabei auch ein Quotensystem, das die Regierung in den Fünfzigerjahren eingeführt hat: Danach stehen "rückständigen" Kasten und Bevölkerungsgruppen (dazu gehören auch indigene Stämme) ein bestimmter Anteil an Plätzen in Universitäten und Stellen im öffentlichen Dienst zu.

Mehr Infos zum Thema gibt es zum Beispiel bei der Bundeszentrale für politische Bildung und bei "Planet Wissen".

(Bild: Parth Gupta)

Neha Gupta, 21, Anwärterin für den öffentlichen Dienst

Meine Familie gehört der Kaste der Vaishya an – das waren vor allem Händler. Ich weiß das, seit ich ungefähr zehn Jahre alt war. Damals habe ich meinen Vater gefragt, wir hatten in der Schule von Kasten erfahren.

Er sagte mir, dass ich der Gruppe der Other Backward Castes angehöre und damit speziellen Zugang zu Universitäten und Jobs im öffentlichen Dienst habe. Ich habe das aber nie genutzt. Meine Eltern sind Händler. Sie betreiben einen Gemischtwarenladen.

So sieht es in Neu Dehli aus:

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Mir ist die Kaste vollkommen egal, aber meine Eltern halten daran fest. Unser altes Dorf ist nach Kasten unterteilt, da muss ich aufpassen, wo ich hingehe und auch, was ich trage. Das Kastenwesen gibt es seit Jahrhunderten, du kannst es nicht einfach ausradieren.

Meine Familie und ich leben in Delhi, hier ist es liberaler. Meine Freunde kommen aus allen möglichen Kasten, in der Stadt macht das keinen großen Unterschied. Wenn doch, stecken meistens die Eltern dahinter.

Du kannst aber auf individueller Ebene dagegen ankämpfen, beispielsweise, indem du jemanden aus einer anderen Kaste heiratest. Wenn ich etwas aus mir mache, kann ich mich am ehesten gegen meine Eltern behaupten und selbst entscheiden, wen ich heirate.

(Bild: Parth Gupta)

Mukesh Kumar, 20, Straßenhändler

Ich verkaufe Umschläge und Briefpapier am Straßenrand in Old Delhi. Meine Kaste heißt "Das". Als ich 15 war, habe ich meinen Vater gefragt, was das eigentlich bedeutet und er sagte mir, dass das mit der Arbeit zu tun hat, die wir ursprünglich gemacht haben. Wo ich herkomme, arbeiteten die Menschen dieser Kaste als Weber. In meiner Familie ist das heute nicht mehr so, weil große Textilunternehmen ihnen die Arbeit weggenommen haben.

Mein Vater hat später Zuckerrohr-Saft verkauft, aber er ist verstorben. Meine Brüder und ich verkaufen alle Umschläge und Briefpapier. Wir müssen arbeiten, damit die Familie genug Geld hat. Sonst würde ich studieren und einen besseren Job finden.

Kaste ist mir eigentlich egal. Was heute zählt sind Vermögen, Gehalt und Bildung. Ich würde auch ein Mädchen aus einer niedrigeren Kaste heiraten. Wir behandeln alle Menschen mit Respekt. Ich habe auch Freunde aus anderen Kasten, auch Moslems. Wir essen gemeinsam, es macht keinen Unterschied. Wichtig ist mir aber unsere Familientradition, unser Name. Er gehört zu uns.

(Bild: Parth Gupta)

Gurpreet Kaur, 28, Datenverwalterin in einer IT-Firma

Meine Familie ist aus dem Punjab, im Nordwesten Indiens. Wir sind Sikhs, unsere Kaste heißt "Manchanda".

Mir ist die Kaste egal. Ich finde, alle sollten das gleiche Recht auf Bildung und Jobs haben – unabhängig von der Kastenzugehörigkeit. Indien entwickelt sich, die Leute sind zunehmend gebildet, so etwas sollte keine Rolle mehr spielen. Das Quotensystem finde ich daher nicht unbedingt gerecht.

Auch meine Kollegen in der Firma gehören verschiedenen Kasten an, meine Freunde derselben Kaste wie ich an, einfach, weil wir in derselben Gegend wohnen.

Eine Heirat mit einem Mann aus einer anderen Kaste würden meine Eltern schon erlauben, sie sind liberaler. Aber unsere Gemeinschaft wäre wahrscheinlich dagegen. Sie glauben, die Mentalitäten unterscheiden sich je nach Hintergrund zu sehr.

(Bild: Parth Gupta)

Parth Gupta, 20, Philosophiestudent und Fotograf

Als ich ungefähr 13 war, habe ich ein Gespräch meiner Eltern mitgehört. Sie haben herumgealbert und Witze darüber gemacht, dass wir als Banias ja so geizig seien. Banias waren ursprünglich Händler und Bänker. Meine Mutter ist Innenarchitektin, mein Vater ist Finanzberater. Als ich ihnen gesagt habe, dass ich Fotograf werden will, haben sie das nicht verstanden. Sie sagten: "Aber du könntest studieren."

Von Diskriminierung von niedrigeren Kasten haben wir gehört, aber erlebt habe ich sowas nie. Für mich ist das Kastenwesen Bullshit. Ich weiß, wo meine Freunde herkommen und welche Religion sie haben, aber nicht, welcher Kaste sie angehören. Auch bei Mädchen wäre mir das egal. Es kommt doch in erster Linie darauf an, wie gut ich mich mit jemandem verstehe.

Wenn ich allerdings unterwegs bin und fotografiere, fragen mich Leute oft nach meiner Kaste oder meinem Nachnamen. Manche schlussfolgern dann direkt sowas wie: "Oh, ihr seid sehr aufs Geld fixiert." Manchmal lache ich darüber, manchmal macht mich das aber auch sauer.

Das Quotensystem ist in meinen Augen absurd. Es sollte ausschließlich auf Basis des ökonomischen Status gelten. Es gibt Menschen, die es ausnutzen. Ich selbst kenne einen Studenten, sein Vater hat vier Autos und er nutzte seinen Status trotzdem, um einen Studienplatz zu bekommen.


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