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Gerechtigkeit

Sie ist Jüdin und lebt in Berlin, er ist Muslim und floh aus Syrien. Jetzt leben sie zusammen

24.12.2015, 08:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Wie funktioniert die jüdisch-muslimische WG?

(Bild: Teresa Bechtold)

Als Abdullah Sa vor sechs Wochen nach Berlin gekommen ist, kannte er sich in der Stadt nicht aus, verstand kein Wort von dem, was die Menschen um ihn herum sagten. Doch der 24-Jährige hatte einen Vorteil gegenüber den anderen Neuankömmlingen aus seiner Heimat Syrien: Über eine gemeinsame Bekannte hatte er Kontakt zu Rebecca de Vries.

In der Nacht, in der Abdullah ankam, entschied sich die 32-Jährige spontan dazu, ihn in ihre Neuköllner Wohnung einziehen zu lassen.

Es dauerte ein paar Tage, bis Abdullah eine Postkarte in Rebeccas Küche bemerkte. Eingerahmt in ein buntes Ornament steht dort in arabischen Buchstaben das Wort „Jude“. Für Muslim Abdullah zunächst ein ein Schock: Denn Syrien steckt als Nachbarstaat Israels mittendrin im Nahostkonflikt, der den Hass zwischen Juden und Muslimen seit Jahrzehnten schürt.

Für diesen Beitrag haben wir Abdullahs Namen geändert.

Postkarte mit dem Wort "Jude": "Alle, außer du"

Postkarte mit dem Wort "Jude": "Alle, außer du" (Bild: Teresa Bechtold)

Wir haben Abdullah und Rebecca in ihrer Berliner WG getroffen.

Abdullah, wie hast du reagiert, als du die Karte gesehen hast?

Abdullah: Rebeccas Vater und ihr Bruder waren zufällig auch gerade in der Wohnung und ich habe gefragt „Wer ist hier jüdisch?“ und plötzlich haben alle die Hand gehoben und gesagt „Ich“.

Rebecca: Ich glaube die Antwort war: „Alle, außer du“.

Aufgrund des Nahostkonfliktes betrachten sich viele Juden und Muslime als Feinde. Was hast du in dem Moment in der Küche gedacht, Abdullah?

Abdullah: Es hat mir nicht so viel ausgemacht. Rebecca und ihre Familie sind die ersten Juden, die ich näher kennenlerne. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich stolz darauf, etwas zu erleben, das einige meiner syrischen Freunde nicht verstehen.

Und was verstehen sie nicht?

Abdullah: Naja, es ist nicht so, dass sie schockiert waren, als ich ihnen von Rebecca erzählt habe. Aber sie haben nachgefragt, wieso ich mit ihr zusammen wohne und wie es so funktioniert. Ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass es gut läuft und dass man wirklich mit den Menschen reden und sie kennenlernen muss, um sie zu verstehen. Manche von ihnen haben das akzeptiert.

Abdullah in seinem neuen Zimmer: "Es läuft gut"

Abdullah in seinem neuen Zimmer: "Es läuft gut" (Bild: Teresa Bechtold)

Wie hast du das Verhältnis zwischen Muslimen und Juden zu Hause in Syrien erlebt? Würdest du sagen, dass die syrische Gesellschaft antisemitisch ist?

Abdullah: Es ist nicht so, dass wir Juden hassen. Aber wir wachsen mit einer Art Warnung auf, bei Juden vorsichtig zu sein, ihnen nicht vollkommen zu vertrauen. Das liegt hauptsächlich am Sechstagekrieg von 1967, als Israel unter anderem gegen Syrien gekämpft hat. Deshalb werden Israelis allgemein als Feinde betrachtet. Aber das ist wirklich nur etwas Politisches.

Rebecca, hattest du Angst vor Abdullahs Reaktion – wenn er erfährt, dass du Jüdin bist?

Rebecca: Angst hatte ich keine, aber ich war neugierig. Es ist immer interessant zu sehen, wie Menschen auf meine Religion reagieren. In seinem Fall war es recht unkompliziert. Er hat direkt gesagt: „Oh, ok.“ Und dann hat er ein paar Fragen gestellt, wir haben vielleicht eine Stunde lang darüber geredet.

Abdullah und Rebecca

Er ist vor zwei Jahren aus seiner Heimat Damaskus in Syrien geflohen. Bevor der 24-Jährige nach Berlin gekommen ist, lebte er in Istanbul und arbeitete dort als Verkäufer auf einem Basar. Dort lernte er zufällig die Freundin von Rebecca kennen, die ihm später den Kontakt zu ihr vermittelte. In Berlin besucht Abdullah zurzeit den Deutschunterricht und hofft, sein in Damaskus begonnenes Studium als Arabisch-Englisch-Übersetzer bald wieder aufnehmen zu können.

Sie arbeitet als Koordinatorin für Flüchtlingsarbeit in Berlin. Die 32-Jährige engagiert sich ehrenamtlich bei Salaam-Shalom, einer Neuköllner Initiative, die sich für ein friedliches Miteinander von Juden und Muslimen einsetzt.

Prominente Juden wie Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden, haben in den vergangenen Wochen Bedenken über muslimische Flüchtlinge geäußert. Sie befürchten, dass Flüchtlinge antisemitische Ansichten aus ihren Heimatländern nach Deutschland bringen.

Rebecca, wie erlebst du das in der jüdischen Gemeinde? Existiert dort Furch oder Ablehnung gegenüber Flüchtlingen?

Rebecca: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt viele Juden, die Angst vor Flüchtlingen haben. Gleichzeitig gibt es aber auch die, die sich öffnen wollen und die Ankunft der Flüchtlinge als Chance sehen, um Kontakte zu knüpfen. Es gibt zum Beispiel jüdische Freiwillige, die offen als jüdische Gruppe in Flüchtlingsheimen helfen.

Ich finde, das Beste was wir machen können, ist auf Flüchtlinge zuzugehen, mit ihnen zu kommunizieren und Erlebnisse zu schaffen, die mögliche Vorurteile abbauen.

Abdullah in Istanbul: Ort der Vergangenheit

Abdullah in Istanbul: Ort der Vergangenheit (Bild: Abdullah Sa)

Trotz aller Vorurteile gibt es zwischen euren Religionen aber auch viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel essen sowohl Juden als auch Muslime kein Schweinefleisch. Haltet ihr euch im Alltag an diese religiösen Gesetze?

Abullah: Wenn es ums Fleisch geht, sind wir beide religiös, wir essen beide kein Schweinefleisch. Das ist zum Beispiel einer der Gründe, weshalb ich mich in Rebeccas Wohnung wohlfühle: Ich muss mir keine Sorgen darum machen, aus Versehen Schweinefleisch zu essen. Abgesehen davon esse ich allerdings sehr gern Fleisch.

Rebecca: Mein Haushalt ist vegetarisch. Das ist bequemer für mich, wegen der Trennung von Milch und Fleisch, die das Judentum vorschreibt. Das kann nämlich sehr kompliziert sein, vor allem wenn man mit Menschen zusammenlebt, die es nicht verstehen. So muss ich mir keine Gedanken darüber machen, welche Platte mit Fleisch in Berührung gekommen ist und was im Kühlschrank los ist. Für mich ist das viel leichter so.

Du vermisst Fleisch, Abdullah?

Abdullah: Naja, ich kann ja draußen Fleisch essen, aber ich bringe es nicht hierher. Das ist ok für mich.

Rebecca: Ich glaube, für Abdullah war es sehr viel schwer sich daran zu gewöhnen, dass mein Haushalt vegetarisch ist, als daran dass ich Jüdin bin.

Abdullah (lacht): Ja, definitiv.

Ihr wohnt jetzt seit sechs Wochen zusammen, da hat man sich schon ein bisschen besser kennengelernt. Gab es schon den ersten WG-Streit darüber, wer den Müll runterbringt oder wer den Abwasch macht?

Beide lachen.

Abdullah: Ja, gab es.

Postkarte in der Küche: "Du darfst raten, wer häufiger abwäscht"

Postkarte in der Küche: "Du darfst raten, wer häufiger abwäscht" (Bild: Teresa Bechtold)

Rebecca: Du darfst raten, wer häufiger abwäscht.

Abdullah: Hey, das ist nicht fair, gestern habe ich die Wohnung geputzt. Aber es stimmt, wir streiten darüber. Rebecca ist meist diejenige, die anfängt zu diskutieren. Sie wird sauer und dann räumen wir einen Tag lang auf.

Rebecca: Ist das so? Habe ich die schon mal einen ganzen Tag lang aufräumen sehen?

Abdullah (lacht): Naja, gestern habe ich wirklich geputzt…

Abdullah, hast du in den ersten Wochen schon etwas über die fremde Religion gelernt?

Abdullah: Letzte Woche waren wir bei Rebeccas Eltern in Osnabrück und haben Hanukkah gefeiert. Davor hatte ich wirklich überhaupt keine Ahnung, worum es bei diesem Fest geht. Es war eine schöne Erfahrung und wir haben sogar Chanukkias gebastelt, das sind Leuchter, die an Hanukkah entzündet werden. Wobei meiner nicht so schön geworden ist…

Rebecca: Er war sehr schön.

Abdullah: Und ich fange erst jetzt an, mehr übers Judentum zu erfahren. Wer weiß, wenn ich mit Deutsch lernen fertig bin, vielleicht lerne ich dann noch Hebräisch.

Rebecca de Vries, Abdullah Sa: "Gemeinsam Hanukkah gefeiert"

Rebecca de Vries, Abdullah Sa: "Gemeinsam Hanukkah gefeiert" (Bild: Teresa Bechtold)

Ist Weihnachten eigentlich ein Thema für euch? Ich habe hier einen Adventskalender rumliegen sehen.

Abdullah (lacht): Für mich ist es ein Thema. Wegen der Schokolade.

Rebecca: Es geht für uns wirklich hauptsächlich um die Schokolade. Aber zufällig sind wir zu einer Weihnachtsparty bei Freunden eingeladen. Für mich ist es nichts Religiöses, aber wenn ich eingeladen werde, dann freue ich mich. Sonst habe ich an den Weihnachtstagen nämlich nichts zu tun, alles hat geschlossen, alle sind beschäftigt.

Abdullah: Und du hast versprochen, dass es bei der Party Fleisch geben wird.

Rebecca: Und es wird Fleisch geben, also ist Abdullah auch glücklich.