Bild: Hatice Kahraman

11.05.2018, 18:08 · Aktualisiert: 12.05.2018, 16:46

Was zeichnet diese Beziehung aus, mit welchen Problemen sehen die zwei sich konfrontiert?

Armin und Ozan sind seit 2014 befreundet. Sie gehen ins Café, ins Theater oder kochen füreinander. Sie wären Freunde, wie alle anderen auch, doch sie sind besonders: Armin ist Jude, Ozan Muslim. Wie funktioniert eine Freundschaft zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Religionen? Was zeichnet diese Beziehung aus, mit welchen Problemen sieht sie sich konfrontiert? Hier erzählen zwei über eine Freundschaft, von denen viele sich nicht vorstellen können, dass sie überhaupt existiert.

Wer spricht?

Armin Langer ist Jude, er lebt in Berlin, ist 27 Jahre alt und hat jüdische Theologie studiert. Er arbeitet als freier Autor, Redner und hält vor allem Vorträge über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. In seinem Buch "Ein Jude in Neukölln" erzählt er von seinen Erfahrungen und einem friedlichen Miteinander zwischen den Religionen.

Ozan Keskinkilic ist Muslim. Er ist 28 Jahre alt, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und unterrichtet dort unter anderem über Rassismus und Migration. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Antisemitismus und Antimuslimischem Rassismus.

Armin Langer (links) und Ozan Keskinkilic.

Armin Langer (links) und Ozan Keskinkilic. (Bild: Hatice Kahraman)

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Ozan: Ich bin 2014 von Wien nach Berlin gezogen, um hier meinen Master zu machen. In dem Jahr habe ich im "Tagesspiegel" einen Artikel mit dem Titel "Muslime sind die neuen Juden" von Armin Langer gelesen. Da ich ihn bis dahin nicht kannte und einiges an dem Artikel zu kritisieren hatte – vor allem diese Überschrift – googelte ich ihn und stieß auf die Initiative "Salaam-Schalom", die Armin mit anderen gegründet hatte. Ich fand das interessant und wollte ihn unbedingt treffen – auch, um seinen Artikel zu kritisieren. Also schrieb ich ihm und wir vereinbarten ein Treffen.

Armin: Dazu muss ich sagen, dass ich ihn natürlich auch googelte und herausfand, dass er Hebräisch spricht. Ich war etwas skeptisch und wusste nicht, ob er in unsere Initiative "Salaam-Schalom" passen würde.

An diesem Nachmittag tragen beide ein Hemd – Ozan ein weißes und Armin ein dunkelblaues. Sie haben sich vorher abgesprochen, damit sie nicht die selbe Farbe tragen. Bei ihrem ersten Treffen war das so – seitdem telefonieren sie immer vorher, um nicht gleich auszusehen.

Was ist ​Salaam-Schalom?

Salaam-Schalom ist eine Initiative aus Berlin, die im Dezember 2013 gegründet wurde und für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Religionen steht. (Salaam Schalom) Dabei steht vor allem der jüdisch-muslimische Austausch im Vordergrund. Die Initiative entstand als Reaktion auf die öffentlichen Statements eines Rabbiners, der Neukölln wegen des hohen Anteils an Muslimen als „No-go-Area“ für Juden bezeichnet hatte. (Berliner Zeitung)

Ozan: Und dann hast du gesehen, dass ich ein ganz cooler Typ bin.

Armin: Genau. Wir hatten eine sehr kritische Diskussion über meinen Artikel. Und natürlich denke ich nicht, dass Muslime die neuen Juden sind.

Ozan: Nach dem Treffen habe ich verstanden, dass Armin Provokation als politisches Instrument nutzt. Wir haben über den Artikel, über die Initiative und über unsere Erfahrungen mit Antisemitismus oder antimuslimischem Rassismus gesprochen. Ich habe danach angefangen, an den Treffen der Initiative Salaam-Schalom teilzunehmen. So hat sich dann auch unsere Freundschaft entwickelt. Die war von Anfang an politisch.

Armin Langer hat jüdische Theologie studiert und lebt in Berlin.

Armin Langer hat jüdische Theologie studiert und lebt in Berlin.

Inwiefern politisch?

Armin: Seit Beginn unserer Freundschaft spielt es eine Rolle, wie Muslime und Juden in Deutschland wahrgenommen werden. Vor allem die Debatte um den angebliche "importierten" Antisemitismus, der von Muslimen ausgeht. Er muss nicht "importiert" werden, schon gar nicht durch Muslime, denn er war nie weg.

Ozan: Klar gibt es Antisemitismus auch unter Muslimen, aber sie zu "den Antisemiten" schlechthin zu erklären, einfach nur weil sie Muslime sind, ist ein Problem. Das Paradoxe an der Debatte ist ja, dass unsere Freundschaft in dieser typischen Erzählung über Juden und Muslime eigentlich gar nicht existieren dürfte. Wenn ich jedenfalls dem Klischee des bösen Muslims entspräche, dann müsste ich ja eigentlich planen, Armin umzubringen.

Armin: Ach komm, du willst doch nur, dass ich zum Islam konvertiere. Das hat er sogar einmal versucht! Wir waren bei mir und er fand einen Koran im Wohnzimmer. Er versuchte, mir klar zu machen, dass der Koran logisch wäre. Aber sorry Ozan, ich kann mit dem Aberglauben im Islam nichts anfangen.

Die Männer wissen, dass sie mit ihrer Freundschaft nicht in eine Schublade passen. Deswegen versuchen sie bewusst, zu irritieren. Mitten im Gespräch sagt Armin "InshaAllah", was Arabisch ist und soviel bedeutet wie "So Gott will". Ozan sagt daraufhin "Be’ezrát hashém", was die hebräische Version davon ist. Die Botschaft: Auch ein Jude kann Arabisch sprechen und ein Muslim Hebräisch.

Armin: Im Gegensatz zu dir versuche ich nicht, dich vom Judentum zu überzeugen. Im Judentum gibt es nämlich mehr Gebote als im Islam.

Ozan: Ach, du willst mich beschützen, weil es so anstrengend ist? Das ist ja echt lieb.

Beide lachen kurz, dann wird Armin wieder ernst.

Armin: Freundschaften zwischen Muslimen und Juden werden immer als etwas Exotisches dargestellt. Wir haben einmal eine Anfrage der "Bild"-Zeitung erhalten, die unwahrscheinliche Paare darstellen wollte. Da sollten ein Hund und eine Katze, ein Hase und eine Schildkröte und ein Muslim und ein Jude abgebildet werden. Natürlich haben wir nicht mitgemacht, weil jüdisch-muslimische Freundschaften eben nicht so exotisch sind, wie viele denken.

Ozan Keskinkilic unterrichtet an der Alice Salomon Hochschule in Berlin zu Rassismus und Migration.

Ozan Keskinkilic unterrichtet an der Alice Salomon Hochschule in Berlin zu Rassismus und Migration.

Welche Rolle spielen Islam- oder Antisemitismus-Debatten in eurer Freundschaft?

Armin: Natürlich reden wir darüber. Zum Beispiel auch nach dem Vorfall in Berlin, als ein Syrer einen Mann mit Kippa mit einem Gürtel schlug. Aber wir regen uns oft auch darüber auf, dass bei solchen Debatten direkt alle Muslime unter Generalverdacht gestellt werden und man davon ausgeht, dass alle Muslime antisemitisch wären.

Ozan: Mich fasziniert immer wieder, dass negative Vorfälle dazu führen, dass ganzen Gruppen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Aber andersherum passiert das nie. Positive Beispiele wie unsere Freundschaft werden als Ausnahme dargestellt. Es passt nicht in die Köpfe einiger Menschen, dass ein Jude und ein Muslim miteinander sehr gut befreundet sein können.

Seitdem die beiden sich kennen, haben sie nicht nur gemeinsam Vorträge über Rassismus gehalten – sie haben auch versucht, die Religion des anderen kennenzulernen und an religiösen Feierlichkeiten teilzunehmen. Beispielsweise hat Ozan mit Armin das jüdische Fest Chanukka gefeiert oder sie haben gemeinsam am islamischen Fastenbrechen teilgenommen.

Armin: Es ist für die Menschen einfacher in Schubladen zu denken: der Türke, der Ausländer, der Flüchtling. Das macht alles unkompliziert und man muss nicht mehr darüber nachdenken.

Wie reagiert euer Umfeld auf eure Freundschaft?

Ozan: Ich stelle Armin nicht als meinen jüdischen Freund vor. Man sagt ja nicht: Das ist Armin, er ist Jude.

Armin: Ich bin der Quoten-Jude.

Ozan: Das Ironische daran ist, dass ich mehrere jüdische Freunde habe und dass dies oft als ein Integrationsmerkmal wahrgenommen wird. Man denkt: Der Muslim hat jüdische Freunde, also muss er ja integriert sein. Dabei ist doch klar, dass nicht mal alle weißen Deutschen einen jüdischen Freund haben.

Armin: Von Juden und Muslimen wird erwartet, dass sie sich integrieren. Gleichzeitig werden Muslime immer als Antisemiten dargestellt. Das funktioniert nicht. Man kann nicht eine ganze Gruppe unter Generalverdacht stellen und dann gleichzeitig Integration erwarten.

Ozan: Ich frage mich manchmal, wie sich unsere Freundschaft entwickelt hätte, wenn wir in einer Gesellschaft ohne Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung leben würden. Wer wären wir dann und wie würden wir uns begegnen? So richtig gibt es darauf keine Antwort, aber ich glaube: Viele Freundschaften kommen gar nicht erst zustande, weil man Vorurteile hat. Dabei gibt Freundschaft einem Halt, es hilft einem, gegen Vorurteile standzuhalten. Und es bedeutet Solidarität, egal ob man selber davon betroffen ist oder nicht.


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Entenküken versteckt sich in Lkw, fährt durch halb Europa – und wird gerettet

11.05.2018, 17:59 · Aktualisiert: 11.05.2018, 18:00

Plötzlich ertönt ein Quaken.

Ein Entenküken ist erst einmal quer durch Europa gereist und dann Dank einer Zollkontrolle gerettet worden. Jetzt hat der kleine Passagier ein neues Zuhause gefunden, wie der "Bonner General-Anzeiger" schreibt.