Bild: Marc Röhlig

Gerechtigkeit

Junge Israelis und Palästinenser beantworten uns, ob Jerusalem Israels Hauptstadt sein sollte

07.12.2017, 14:45 · Aktualisiert: 07.12.2017, 16:41

Nachdem US-Präsident Donald Trump Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt hat, ist der Nahe Osten in Aufruhr. Denn Jerusalem ist einer der Knackpunkte im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern: Beide beanspruchen Teile der Stadt als Hauptstadt.

Vor Trump hat kein einziger US-Präsident Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt – und auch die internationale Gemeinschaft vermeidet es bisher.

Die Botschaften aller internationalen Staaten befinden sich in Tel Aviv. Jerusalem ist außerdem die Stadt, die alle drei Weltreligionen vereint: Die Juden beten an der Klagemauer, die Christen in der Grabeskirche und die Muslime in der Al-Aqsa-Moschee.

Während also die Israelis die Entscheidung Trumps feiern, reagiert die arabische Welt entsetzt. Die radikal-islamische Partei Hamas, die den Gazastreifen regiert, hat zu einer dritten Intifada aufgerufen (bento).

Darum geht es im Nahostkonflikt:

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Wie geht es weiter? Wir haben junge Israelis und Palästinenser gefragt, was sie von Trumps Entscheidung halten.

Bian, 25, Englisch-Lehrerin aus Nazareth

"Jerusalem bedeutet für mich Religion, Geschichte und eine persönliche Verbindung. Wir Palästinenser fühlen uns emotional genauso zu dieser heiligen Stadt hingezogen, wie es die Juden tun. Deshalb ist die Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu versetzen, meiner Meinung nach eine schreckliche Idee.

Sie kann nur eines bedeuten: Dass die USA davon überzeugt sind, dass Jerusalem nur Israel gehört – als dessen Hauptstadt. Damit würde die palästinensische Führung mit leeren Händen dastehen.

Das macht mich traurig und perplex. Ich fürchte, dass dieser Schritt mehr Chaos in unser Land bringen und unsere Nation weiter spalten wird. Ich persönlich kann nur auf eine faire Lösung hoffen, die alle wieder an einen Tisch bringen wird."

Netanel, 28, aus Jerusalem, studiert Politikwissenschaften, Nahoststudien und Arabisch

"Jerusalem ist das Zuhause meiner Seele. Trumps Plan, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, hat keinen großartigen Einfluss auf mein Leben, da ich bereits in einem Umfeld lebe, in dem die meisten Menschen die Stadt als die Hauptstadt Israels ansehen.

Das ist auch meine Meinung und deshalb denke ich, dass das nur ein natürlicher Schritt ist. Die USA sind weltweit unser wichtigster Verbündeter.

Ich glaube, dass dies eine gute Entscheidung für die jüdische Mehrheit, aber eine schlechte für die arabische Minderheit in Jerusalem ist.

Seit der Gründung Israels war West-Jerusalem schon immer unsere Hauptstadt. Das Problem war immer nur Ost-Jerusalem. Für die Araber außerhalb von Israel bedeutet dies eine Hürde für den Friedensprozess. Sie wollen keinen palästinensischen Staat ohne Jerusalem als ihre Hauptstadt.

Meiner Meinung nach sollte Israel ein großer, binationaler Staat für Juden und Araber gleichermaßen mit Jerusalem als vereinte Hauptstadt sein. Wir sollten alle zusammenleben, das wäre besser für Juden und Araber. Alle sogenannten Palästinenser sollten Bürger mit denselben Rechten in diesem großen Staat Israel sein. Das ist die einzige Lösung für den Konflikt."

Mohammed, 30, aus Gaza Stadt, studiert Palästina-Studien

"Ich bin nicht überrascht über die Nachrichten. Trump ist völlig unberechenbar. Er versteht weder die sensible Lage, in der sich die heilige Stadt befindet, noch versteht er, wie komplex eine Lösung ist, die nun seit den Osloer Verträgen immer wieder verschoben wird. Die Zurückhaltung der internationalen Gemeinschaft gegenüber der fortlaufenden Ungerechtigkeit und Erniedrigung der Palästinenser ist nicht länger hinnehmbar.

Die Palästinenser sehen Jerusalem als ihr gottgegebenes Land und die Hauptstadt ihres zukünftigen Staates. Auch für mich ist Jerusalem genau das: die Hauptstadt Palästinas. Sie ist der Kern dieses Konflikts, der nun knapp zwei Jahrhunderte andauert.

Trumps Handeln wird Folgen nach sich ziehen, die sich noch niemand von uns vorstellen kann. Es bedeutet auch das Ende der naiven Vorstellung, dass eine international anerkannte Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern unter US-amerikanischer Führung stattfinden könnte. Trump gießt Öl ins Feuer und das wird für mehr Instabilität in der Region sorgen."

Mary, 23, aus Tel Aviv, studiert Kunstgeschichte

"Ich glaube, dass Trumps Entscheidung uns einen großen Schritt vorwärts bringt, und das in einer Art, die wir nie zuvor gesehen haben. Mein Großvater hat ein Judenghetto in Rumänien überlebt und meine Großmutter wurde von den Deutschen in Libyen verfolgt. Wir sind nach Israel gekommen, um in Frieden zu leben, damit eines Tages meine Kinder nicht mehr zur Armee müssen.

Aber heute leben wir in Angst. Die Welt sieht uns als die brutalen Besatzer, aber was die Welt nicht sieht, sind die Kinder und Erwachsenen, die sich auf der Straße vor dem Geräusch eines Motorrads erschrecken, weil sie den Auspuffknall für eine weitere Bombe halten.

Sie sehen nicht die Mütter, die nachts ihre Augen nicht zumachen können und um ihre Kinder weinen, die zur Armee geschickt wurden. Alle bisherigen Maßnahmen haben offensichtlich nicht funktioniert. Alles, was unsere derzeitige Situation verbessert, ist uns mehr als willkommen. Wenn Trumps Schritt mein Leben und das Leben des jüdischen Volkes verbessert, uns besser schlafen lässt und unsere Busfahrten sicherer macht, dann ist dieser Schritt mehr als willkommen."

Hier erfährst du mehr Hintergründe zum Konflikt:


Gerechtigkeit

Warum streiten sich alle um Jerusalem?

07.12.2017, 14:19

US-Präsident Donald Trump hat Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Die US-Botschaft soll von Tel Aviv dorthin verlegt werden – die Jahrtausende alte Stadt soll dadurch als einzig echte Hauptstadt Israels geadelt werden (bento).

Trump hat damit in einem Jahrzehnte andauernden Streit eine Basta-Entscheidung getroffen – mit noch unbekannten Auswirkungen auf die Region. 

Die israelische Regierung jubelte, arabische Regierungen der Nachbarländer kritisierten Trumps Schritt hingegen. Bereits am Donnerstag rief die palästinensische Terrororganisation Hamas zu einer neuen Intifada auf, so werden die arabischen Aufstände in Israel genannt (SPIEGEL ONLINE).

  • Was macht Jerusalem für Juden und Muslime so wichtig? Was bedeutet Trumps Entscheidung für den Konflikt? Hier sind die wichtigsten Antworten.