Gerechtigkeit

Der IS ist am Ende – lockt aber Kinder mit dämlichen, neuen Cartoons

12.07.2017, 15:58 · Aktualisiert: 12.07.2017, 16:25

Das Kalifat des "Islamischen Staats" erstreckt sich fast über ganz Afrika. Er schluckt den gesamten Nahen Osten, vereinigt Zentralasien. Selbst Spanien, Portugal, Griechenland, der Balkan und Teile Österreichs gehören angeblich zum Gebiet der Terrormiliz. Die Grenze verläuft direkt hinter Bayern. Der "Islamische Staat", er legt sich wie ein schwarzer Schleier über die Welt.

Das ist natürlich reines Wunschdenken.

Wunschdenken, das in einem neuen Cartoon von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verbreitet wird. Der Cartoon heißt "Mumin und Afaf" und soll den Alltag einer Familie im IS-Hoheitsgebiet beschreiben. Die Namen gehören einem Jungen und seiner Schwester und stehen in ihrer Bedeutung für "der Gläubige und die Enthaltsame".

Der Comic ist die jüngste Propagandaaktion, mit der der IS Kinder bearbeitet.

Dschihadisten verbreiten die Zeichnungen im Netz und in gedruckter Form auch in den eroberten Gebieten des IS. Nach Angaben arabischer Medien soll er auch in Gebieten aufgetaucht sein, wo der IS bereits zurückgedrängt wurde – über "Missionierungsstationen" wird dort weiter Werbung für die Terrormiliz gemacht.

Die Beobachtungsseite SITE, die Netzpropaganda von Islamisten analysiert, hält den Cartoon für authentisch.

Die Bilder sind einfach gezeichnet, aber gefährlich. Sie suggerieren Kindern, dass Krieg normal ist:

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Was der IS in seinen Kinder-Comics zeigt, ist grob verzerrt. 

Der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi wird dort als "Kalif" eines islamischen Reiches dargestellt. Das Land soll sich über Nordafrika und den Nahen Osten erstrecken.

Tatsächlich kontrolliert der IS nur einige Verbindungsstraßen und Kleinstädte in Syrien und im Irak dazwischen liegt Wüste. Das Gebiet, das die Terroristen ab 2014 erobert hatten, ist bereits wieder stark geschrumpft. Die Großstadt Mossul im Irak wurde in den vergangenen Tagen nach mehrjähriger IS-Herrschaft befreit, vor der vermeintlichen IS-Hauptstadt Rakka in Syrien stehen gegnerische Milizen.

Ob Baghdadi, der "Kalif", selbst noch lebt, ist unklar. In der Vergangenheit meldeten russische Geheimdienste seinen Tod, jetzt geht auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte davon aus. 

IS-Propagandakanäle selbst äußerten sich bislang nicht zu ihrem Anführer. Wirkliche Klarheit über den Tod Baghdadis kann es erst geben, wenn seine Leiche gefunden wird – oder IS-Anhänger selbst einen neuen "Kalifen" ausrufen.

Aber die verdrehte Wirklichkeit ist das Ziel der IS-Propaganda.

Den Terroristen geht es darum, eine Gegenwirklichkeit zu zeigen. Die Bande von Mördern stilisiert sich als Erlöser und Erschaffer eines gelobten Landes – und je nach Kanal wird dieses unterschiedlich beworben.

  • Jugendliche im Westen sollen mit knalligen Videos und möglichst entspannten Alltagsaufnahmen aus dem IS-Gebiet geködert werden. Sogar Posieren mit Nutella gehört zu diesem "Jihadi Cool" genannten Rekrutierungswerkzeug:

  • Junge Muslime in den Kampfgebieten selbst werden vor allem mit vermeintlich islamischen Regeln und Appellen an die Frömmigkeit umworben. Auch die soll möglichst modern daherkommen – zum Beispiel mit Instagramfotos, die vor dem "unislamischen" Undercut warnen:

Die für Kinder produzierten Cartoons und Comics sind die perfideste Variante dieser Propaganda.

Auf YouTube wurde jüngst ein Kanal gesperrt, der in Zeichentrickvideos einen "braven Widerstandskämpfer" im Kampf gegen die Obrigkeit begleitete. Dieser Kämpfer entpuppte sich als IS-Soldat (BBC). Auch auf dem Messengerdienst Telegram verbreiten sich Comics. Ein Bild zeigt einen Mann, der das Weiße Haus in Washington mit schwarzer Farbe übermalt.

Das Gute ist: Die Propaganda wird weniger und schlechter. 

Je mehr der IS militärisch in Bedrängnis gerät, desto weniger Möglichkeiten hat er, Gelder einzustreichen. Er beherrscht keine Ölfelder mehr, kann weniger Menschen Schutzgelder abpressen. All das schlägt auch auf die Infrastruktur der Miliz – ihr bleiben weniger Mittel, um für sich zu werben. Videos, Online-Magazine und Fotos, die Ende 2014 verbreitet wurden, hatten eine sehr viel professionellere Aufmachung als aktuelle Beiträge.

Auch große Plattformen wie Facebook, Twitter und Telegram engagieren sich mittlerweile stärker, islamistische Inhalte schneller zu löschen. Was bleibt, ist trotzdem die Strahlkraft der IS-Miliz in der Region. 

Die Bürgerkriege in Syrien und im Irak nur militärisch zu unterstützen, ist daher zu wenig. Was es braucht, ist eine Perspektive für Kinder und Jugendliche – damit die Gehirnwäsche des IS nicht das einzige ist, was ihnen bleibt.

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