Gerechtigkeit

So arbeiten die Rattenfänger vom "Islamischen Staat"

23.01.2016, 09:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Wir haben uns Dabiq angeschaut, ihr wichtigstes Propagandamagazin

In ihren Videos enthaupten sie Geiseln, zersprengen oder verbrennen Kriegsfeinde, pfählen ihre Gegner. In ihren Schriften fabulieren sie von der "Endschlacht", schwadronieren von "Kreuzzügen" und "Märtyrern".

Wie keine andere Terrorgruppe zuvor wirbt der "Islamische Staat" um seine Sache – und nutzt dabei das Internet für seine Propaganda. Die Dschihadisten kapern auf Twitter trending topics, organisieren sich auf Facebook oder verschicken ihre Botschaften über eigene Onlinemagazine und Radiostreams. Der Grundtenor: Wir bauen uns einen utopischen Staat und du kannst Teil davon werden.

Ausschnitt aus IS-Magazin "Dabiq"

Ausschnitt aus IS-Magazin "Dabiq"

Da sich vor allem Twitter, YouTube und Facebook seit einiger Zeit mehr anstrengen, die IS-Propaganda schnell zu löschen, betreiben die Dschihadisten auch eigene Kanäle. Für Android gibt es eine Messaging-App, ein eigenes Medienzentrum organisiert Radiosendungen, Magazine und die Verbreitung von DVDs. Al-Furqan heißt der Ableger für arabische Zielgruppe, Al-Hayat addressiert die westliche Welt: So werden die großen Propagandafilme mittlerweile unter anderem auf Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch angeboten.

Keine Terrorgruppe betreibt Propaganda so gut wie der IS

Immer wieder fallen vor allem junge Muslime auf die Propaganda herein und hoffen auf ein besseres Leben im "Islamischen Staat". Wer kann es ihnen verdenken: Der IS versteht es perfekt, seinen "Staat" als tatsächlich existierendes Land zu inszenieren. Und seinen Kämpfern verspricht er ein Leben im Jenseits.

Ein Beispiel: Im November wurde der berüchtigte Islamist "Jihadi John" von einer US-Drohne getötet. "Jihadi John", mit bürgerlichem Namen Mohammed Emwazi, enthauptete ab Sommer 2014 in verschiedenen Videos mehrere westliche Geiseln. Im IS-Propagandamagazin "Dabiq" steht nun ein Nachruf auf Emwazi: Sein Tod wird dort als "Erreichen der Shahadah", des Martyriums, gefeiert. Der Tod, er ist hier kein Grund zur Trauer, sondern zum Feiern.

Unser Video zeigt und erklärt Beispiele:

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Wie der IS denkt – und wie man seine Propaganda durchschauen kann – zeigt sich gut an "Dabiq", dem Zentralorgan der Terrormiliz. Vier Beispiele der IS-Masche:

1. So inszeniert sich der IS als "Endgegner"

Zitat aus der ersten Seite von "Dabiq"

Zitat aus der ersten Seite von "Dabiq"

Das Magazin borgt sich seinen Namen von einem gleichnamigen nordsyrischen 3000-Seelen-Dorf. Dort könnte laut islamischer Überlieferung eines Tages die Apokalypse beginnen. Der IS stellt in unregelmäßigen Abständen PDF-Versionen von "Dabiq" ins Netz. (Die Dschihadisten-Beobachterseite Jihadology.net sammelt sie hier.)

Das Zitat von Abu Mussab al-Sarkawi steht auf der ersten Seite des Magazins. Sarkawi war Anführer von Al-Kaida im Irak. Er wurde 2006 getötet, aus seinem Al-Kaida-Ableger entstand später der IS. Für den IS soll der Spruch bedeuten, dass schon Sarkawi wusste, wie groß seine Bewegung einst werden würde. Tatsächlich ist er aber seit zehn Jahren tot und "Kreuzfahrerarmeen" sind bislang nicht im syrischen Dabiq gelandet.

2. So prahlt der IS mit angeblichen Eroberungen

Schon im Namen geriert sich der "Islamische Staat" als tatsächliches Land. Aus Sicht des IS gehören ihm große Teile im Irak und Syrien sowie "Provinzen" ("wilaya") von Nordafrika bis nach Afghanistan. In "No Respite", einem der bekanntesten Propagandavideos des IS, prahlt die Miliz gleich in mehreren Sprachen, "achtmal so groß" wie Belgien zu sein.

Tatsächlich ist die Miliz auf dem Rückzug: Anfang 2015 kontrollierte der IS je rund ein Drittel in Syrien und im Irak, nun soll er in Syrien wieder 20 Prozent seiner Fläche und im Irak gar 40 Prozent eingebüßt haben. (The Independent)

Auszug aus einem "Dabiq"-Interview

Auszug aus einem "Dabiq"-Interview

Generell "besitzt" der IS keine Gebiete, sondern kontrolliert Städte, Dörfer und Verbindungsstraßen zwischen Syrien und dem Irak. Da im Osten Syriens und im Westen des Irak viel Wüste liegt, kann der IS die Herrschaft über kilometerweites unbewohntes Land beanspruchen. Professionelle Karten (wie die von Historiker Agathocle de Syracuse) färben die tatsächlichen IS-Gebiete daher dunkler ein als dessen Einflussgebiet.

In der jüngsten Ausgabe "interviewt" der IS nun sich selbst – beziehungsweise den "Wali" (Patron) seiner "Provinz" Khurasan. Khurasan ist eine historische Bezeichnung für den heutigen Osten des Iran und Teile Afghanistans. Der IS bezieht es allerdings auf Afghanistan und Teile Pakistans. Der Patron behauptet, "tamkin in der Provinz erreicht zu haben". Das islamische Wort "tamkin" meint eigentlich die "Unterordnung" der Frau – hier behaupten die Dschihadisten sich Teile Afghanistans Untertan gemacht zu haben und eigene Gesetze eingeführt zu haben.

Das ist gelogen: Zwar ist Afghanistan alles andere als stabil, aber der IS kann dort bislang keine Gebiete erobern, die denen in Syrien nahe kommen. Vielmehr liefern sich die IS-Kämpfer in der Grenzregion zu Pakistan Grabenkämpfe mit den Taliban. Das ging so weit, dass die Taliban bereits einen Beschwerdebrief an IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi schickten. (Analyse der "Provinz" Khurasan der Soufan Group)

Plakat zu den Attentätern von #ParisAttacks in "Dabiq"

Plakat zu den Attentätern von #ParisAttacks in "Dabiq"

3. So hypt der IS seine Kämpfer

Die Köpfe hinter dem IS sind vor allem Geheimdienstler und Soldaten aus der ehemaligen irakischen Armee. Vom Islam nehmen sie sich nur die Versatzstücke, die ihnen ins Konzept passen. Um ihren Krieg zu führen, brauchen die IS-Strategen daher immer wieder junge willige Kämpfer, die sie mit Märtyrerträumen und Staatsutopien begeistern können. In Videos und auf Bildern sehen sie wie verwegene Actionhelden aus.

Viele im Netz verbreiteten Propagandavideos zeigen aber auch gar keine Gewalt – sondern Alltagsszenen aus dem selbsternannten "Kalifat": An islamischen Feiertagen gibt es rosa Zuckerwatte, Väter bekunden in die Kamera, dass "alles prima" sei. Andere Filme zeigen, wie mit vereinten Kräften eine neue Fleischerei gebaut wird oder wie die neu gegründete Feuerwehr Ertrinkende rettet.

Die Realität sieht anders aus: "Raqqa is being Slaughtered Silenty" – eine Gruppe von Aktivisten, die aus dem syrischen Rakka berichtet – protokolliert regelmäßig Hinrichtungen, Versorgungsengpässe und Menschenrechtsverletzungen. Rakka gilt als heimliche Hauptstadt des IS, hier hat die Miliz ihre wichtigste Basis aufgebaut. Frauen dürfen sich nicht mehr frei bewegen, das Internet wird zensiert, Lebensmittelpreise steigen. ("Raqqa_SL" zu zwei Jahren IS-Herrschaft)

Den vielleicht spannendsten Einblick lieferte eine mutige junge Frau, die mit versteckter Kamera ihren Alltag in Rakka filmte:


Die unabhängigen Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet von mindestens 1800 Kindersoldaten (die sogenannten "Caliphate Cubs"), die für den IS kämpfen müssen. Aktivisten aus dem syrischen Deir al-Sor berichten von Belagerungen und Hungersnöten.

4. So versucht der IS, aus dem Islam Kapital zu schlagen

In seiner Anfangsphase reichten dem IS Actiontrailer und wütende Tweets – gerade um sich von der Terrorgruppe Al-Kaida abzusetzen und den Nachwuchs zu ködern. Bei Al-Kaida redeten Gelehrte vom Sieg des Islam, beim IS hingegen wurde tatsächlich gekämpft.

Mittlerweile will sich die Miliz jedoch auch ein religiöses Fundament legen: Anführer Abu Bakr al-Baghdadi lässt sich als Kalif anreden, als oberster islamischer Führer. Die religiösen Texte in "Dabiq" werden länger und umfangreich mit Koranzitaten und Hadithen, den Anekdoten aus dem Leben des Propheten Mohammed, gefüttert:

Ausschnitt aus "Dabiq"

Ausschnitt aus "Dabiq"

Die Koranzitate mögen authentisch sein, oft sind sie jedoch aus dem Zusammenhang gerissen. Noch willkürlicher sieht der Umgang mit den Hadithen aus: Die Propheten-Geschichten wurden von Gelehrten in der Frühzeit des Islam gesammelt und auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Manche gelten als "gut", andere als eher "zweifelhaft".

Im Beispiel oben zitiert der IS einen angeblichen Hadith über tapfere Märtyrer vom anerkannten Gelehrten Nu'aim bin Hammad. Die Authentizität des Spruches ist jedoch nicht belegt. Als sicher gilt hingegen ein anderer Hadith, den Bin Hammad im "Buch über Aufruhr und Gemetzel" niederschrieb: "Glücklich ist der, der Zwietracht vermeidet!"

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