26.05.2018, 14:25 · Aktualisiert: 27.05.2018, 19:22

Wir haben sie gefragt.

Maeve O’Hanlon wusste nicht, was Abtreibung war – bis sie einen Film mit Kylie Minogue sah. Maeve war damals zwölf und guckte "The Delinquents": Kylie spielt darin die junge Lola, die ungewollt schwanger und von ihren Eltern zu einer Abtreibung gezwungen wird. Was sie in dem Film sah, hinterfragte die heute 38-jährige Maeve jahrelang nicht: Wenn Frauen schwanger werden, das Kind aber nicht bekommen wollen oder sollen, treiben sie es eben ab.

Ihre Einstellung änderte sich, als ihre eigenen Freundinnen Kinder erwarteten. „Sie erzählten von diesem magischen Gefühl, wenn neues Leben in dir heranwächst“, sagt Maeve. Da sei ihr klar geworden: Wenn das Leben sei, müsse Abtreibung Mord sein.

Seitdem ist die Ingenieurin Teil der "Pro Life"-Bewegung, die sich gegen Schwangerschaftsabbrüche ausspricht. In Irland gehörte sie mit dieser Meinung lange zur Mehrheit. In dem Land herrscht eines der striktesten Abtreibungsverbote Europas – es steht in der Verfassung und bestraft Verstöße mit bis zu 14 Jahren Gefängnis.

Doch das wird sich jetzt ändern. Am Freitag waren mehr als drei Millionen irische Bürger dazu aufgerufen, über ein Recht auf Abtreibung abzustimmen. Nach Auszählung aller Wahlkreise wurde am Samstagabend das amtliche Wahlergebnis bekannt gegeben: 66,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler stimmten für die Reform (Spiegel Online). Damit könnten Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche bald legal sein, bei Lebensgefahr für die Mutter auch bis zur 24. Woche. Das Recht auf Abtreibung soll möglicherweise sogar in der Verfassung festgehalten werden. In den Straßen von Dublin wird gefeiert, einige singen in Anlehnung an "Talking about a Revolution" von Tracy Chapman: "Finally the tables are starting to turn, talking about a referendum".

Der Volksentscheid spaltete das Land seit Monaten, Tausende reisten extra zurück nach Hause, um daran teilnehmen zu können (bento). In Irland ging es bei diesem Entscheid nicht nur um die Frage, ob Abtreibung legal sein sollte. Sondern auch um den Kampf gegen eine Art katholische Moraldiktatur, die das Land lange prägte – und den Wandel hin zu einer moderneren, offeneren Gesellschaft.

Worüber genau wurde abgestimmt?

Im Zentrum stand die Streichung des achten Verfassungszusatzes, des "8th Amendment". Er stellt ungeborenes Leben auf die gleiche Stufe mit dem Leben der Mutter. Praktisch resultierte das in einem völligen Abtreibungsverbot. Seit der Einführung 1983 kämpfen vor allem Frauenrechtsbewegungen dagegen an. 

Über die Jahre lockerte die Politik zwar die Gesetzeslage: Seit 2013 dürfen Frauen ohne Strafverfolgung abtreiben, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist – allerdings nicht in Irland selbst.

Der UN-Menschenrechtsausschuss hatte die irische Regierung schon 2016 dazu aufgefordert, das Gesetz zu überarbeiten, das "grausam, unmenschlich und erniedrigend" sei (Zeit Online). Er betrachtet den Zugang zu Abtreibung als Voraussetzung für zahlreiche weitere Menschenrechte (Human Rights Watch).

Es ist Freitag, der Tag der Abstimmung. Maeve und die anderen Mitglieder der "Pro Life"-Bewegung nutzen die letzen Stunden, um die Irinnen und Iren davon zu überzeugen, gegen die Reform zu stimmen. Seit die Regierung im September vergangenen Jahres den Volksentscheid ankündigte, trägt Maeve einen Fötus aus Kunststoff in ihrer schwarzen Handtasche mit sich herum.

Auf einer Parkbank im Zentrum Dublins holt sie ihn heraus. Der kleine Fötus ist nur etwas größer als eine Walnuss, menschliche Konturen sind bereits zu erkennen. "So groß ist ein Baby nach zwölf Wochen", sagt sie. Und meint damit: Das ist mehr als ein Zellklumpen, das ist Leben. Sie spricht schnell, als engagiertes Mitglied der "Pro Life"- Bewegung trägt sie ihre Argumente zurzeit im Stundentakt immer wieder Journalisten aus der ganzen Welt vor.

Abtreibungsgegnerin Maeve O'Hanlon.

Abtreibungsgegnerin Maeve O'Hanlon. (Bild: bento)

Sie wirkt dabei meist wie eine verständnisvolle Lehrerin, gleichzeitig ist sie aber immer wieder aufgebracht: Weil die Menschen nicht verstünden, worum es hier ginge. "Wenn der achte Zusatz gestrichen wird, nehmen wir dem ungeborenen Leben das einzige Recht, das es hat."

Für viele "No"-Wähler – jene, die gegen die Reform sind ­– garantiert dieser Paragraf einen Mindestschutz für das ungeborene Kind. Falle dieser Zusatzartikel weg, sei das, als wäre das Ungeborene kein Lebewesen mehr, sagt Maeve. Wie könne man es dann überhaupt noch schützen? Beginne Leben dann erst mit der Geburt?

Sie öffnet ein Bild auf ihrem Smartphone: ein Ultraschall eines zwölf Wochen alten Fötus im Bauch einer Freundin. „Wenn wir einen Wassertropfen auf dem Mars finden, sprechen wir von Leben auf dem Mars. Aber bei einem zwölf Wochen alten Fötus mit einem Herzschlag soll es das nicht sein?“

Die Diskussion gehe völlig am eigentlichen Problem vorbei, findet Maeve:

Frauen die ungewollt schwanger werden, befinden sich in einer Krisensituation. Und der einzige Weg, ihnen zu helfen, ist Leben zu beenden?
Maeve

Statt darüber zu diskutieren, solle man die Energie lieber dafür verwenden, sich um die Unterstützung werdender Mütter zu kümmern. Man solle das Sozialsystem verbessern, die Gesundheitsversorgung, mehr Wohnungen bauen, sagt Maeve. Damit keine Frau Angst haben müsse, mit dem Kind allein gelassen zu werden. Damit Abtreibung nicht zum Regelfall werde.

Aber braucht es dafür ein Verbot, das in der Verfassung verankert ist? Politiker, Ärzte und Aktivisten in Irland zweifeln das schon seit einiger Zeit an. Auch, weil mehr als 170.000 irische Frauen seit 1980 ins Ausland gereist sein sollen, um abzutreiben. Und Tausende sich jedes Jahr illegal Abtreibungspillen nach Hause bestellen, und sie ohne ärztliche Aufsicht einnehmen (Irish Times). Wäre es nicht besser, Frauen eine sichere Umgebung zu schaffen, in der sie diese schwierige Entscheidung treffen können?

In Dublin kleben "Yes" und "No"-Plakate an diesem Freitag an jeder Straßenlaterne, viele tragen ihre Meinung auf Buttons und Stickern, T-Shirts oder Pullis mit sich herum. Vor allem die Befürworter lassen sich daran leicht erkennen.

So auch Jenny Ryder. Sie ist 22 und studiert am Trinity College in Dublin Geschichte und Politik. Auf ihrem grünen Shirt steht groß "Yes", ihre Entscheidung trägt sie mit Stolz. "Für mich ist die Reform ein Symbol für einen größeren Wandel", sagt sie. Irland sei auf dem Weg, eine offenere Gesellschaft zu werden.

Jenny Ryder hat für die Reform gestimmt – und ist stolz darauf.

Jenny Ryder hat für die Reform gestimmt – und ist stolz darauf. (Bild: bento)

2015 stimmten die Bürger in einem Volksentscheid für die gleichgeschlechtliche Ehe. Jenny hat zwei Mütter, die Entscheidung war für ihre Familie besonders emotional. Dass Frauen die Kontrolle über ihr Leben und ihren Körper bekommen, sei ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. "Wir müssen Frauen das Vertrauen entgegenbringen, die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Auch in Irland ist es vor allem die junge Bevölkerung, die auf einen Wandel drängt. "Abtreibungen finden statt, das ist die Realität", sagt der 24-jähirge Barney Doherty. "So zu tun, als gäbe es das nicht, und die Frauen quasi ins Ausland zu schicken, ist heuchlerisch."

Er hat vier Schwestern und arbeitet für die sozialistische Partei "People before Profit". Seit einer Woche verteilt er fast täglich in der Innenstadt "Yes"-Sticker und Infoblätter. Für ihn ist die Reform mehr als eine Abstimmung über Abtreibung: Sie ist der letzte Schritt zur Teilung von Staat und Kirche, die Frauen in seinen Augen unterdrückt. "Das Leben ist kompliziert, es ist nicht schwarz oder weiß. Jeder sollte das Recht haben, die für sich beste Entscheidung zu treffen", sagt Barney.

Barney hat ebenfalls für "Ja" gestimmt, für ihn geht es auch um mehr Selbstbestimmung für Frauen.

Barney hat ebenfalls für "Ja" gestimmt, für ihn geht es auch um mehr Selbstbestimmung für Frauen. (Bild: bento)

Während sich Befürworter wie Jenny und Barney leicht an Stickern und Kleidung erkennen lassen, tragen die Abtreibungsgegner ihre Meinung nicht so offen zur Schau. Trotzdem erkennt man ab und an jemanden an dem kleinen, roten "No"-Button auf der Kleidung.

Sonia Eglangton zum Beispiel, sie ist 27 und Mutter einer sechsjährigen Tochter. Das Kind wurde zehn Wochen zu früh geboren. "Ich habe Bilder von abgetriebenen Babys gesehen, die so groß waren wie sie", erzählt Sonia. "Das kann doch nicht erlaubt werden." Sie habe von drogenabhängigen Frauen gelesen, die acht Mal abtreiben ließen. "Menschen sind verantwortungslos", sagt sie. Sonia befürchtet, eine Reform könnte Abtreibung bagatellisieren.

Trotzdem findet auch Sonia die Diskussion darüber wichtig. In Extremfällen wie Vergewaltigung oder Lebensgefahr für die Mutter sollte ein Abbruch möglich sein.

Es sind keine leichten Fragen, die sich die Bürger von Irland an diesem Tag stellen mussten: In welchem Verhältnis steht werdendes Leben zur Selbstbestimmung der Frau? Sollte man das gegeneinander aufwiegen dürfen? Wann fängt Leben eigentlich an?

Sonia ist die Diskussion über Abtreibung wichtig – sie hat trotzdem für "Nein" gestimmt.

Sonia ist die Diskussion über Abtreibung wichtig – sie hat trotzdem für "Nein" gestimmt. (Bild: bento)

Eine eindeutige Antwort darauf haben die wenigsten. Deswegen folgen viele schlicht einer Intuition.
Das Gefühl der 29-jährigen Enam sagt: Töten sei falsch, immer. Auch, wenn der Fötus erst zwölf Wochen alt sei, erst Recht bei bis zu sechs Monaten. Bei gesundheitlicher Gefahr für die Mutter, da sei es vielleicht legitim.

Und was ist mit Vergewaltigungen oder psychischer Belastung?

"Es gibt Therapien. Eine Abtreibung ist nicht unbedingt weniger traumatisch, als ein ungewolltes Kind zu bekommen", sagt sie. Und: "Eine Vergewaltigung ist ebenso wenig die Schuld des Kindes wie die der Mutter."

Aber: Ist die Reform dann nicht richtig, damit über ein neues Gesetz breiter diskutiert werden kann?

"Ich fühle mich mit einem 'Nein' trotzdem wohler."

Enam findet Abtreibung in manchen Fällen okay – fühlt sich mit dem "Nein" aber besser.

Enam findet Abtreibung in manchen Fällen okay – fühlt sich mit dem "Nein" aber besser. (Bild: bento)

Paul Whelan hat Angst, dass, wenn Abtreibungen in Irland erlaubt werden, eine ähnliche Situation wie in Großbritannien eintritt: Dort ist der Abbruch legal, und 90 Prozent der Babys mit Down-Syndrom werden abgetrieben (BBC).

Ein Freund von ihm habe eine Tochter mit der Genmutation. Sie sei 20 und begleite ihn manchmal ins Pub. Er bestelle ihr immer ein alkoholfreies Bier. Der 52-Jährige lacht, als er das erzählt. "Sie denkt dann, sie trinkt wie die alten Männer." Wie könne man solch ein Leben verwehren? „Die Leute wissen nicht, für was sie da stimmen. Ich kenne Frauen, die haben in ihren Zwanzigern abgetrieben und bereuen es bis heute.“

Paul hat Angst, dass in Irland nach der Reform eine Situation wie in Großbritannien eintreten könnte.

Paul hat Angst, dass in Irland nach der Reform eine Situation wie in Großbritannien eintreten könnte. (Bild: bento)

Befürworter wie Barney sehen in der nun bevorstehenden Reform eine Chance, einen Anfang. Denn die Gelegenheit ist da: Nach der Verfassungsänderung müssen Parteien und Parlament ein neues Gesetz ausarbeiten. „Wir müssen auch über sexuelle Aufklärung in Schulen sprechen, Verhütung sollte kostenfrei sein. All diese Diskussionen sollten wir jetzt führen", sagt er.

Maeve ist am Samstag in Ihrem Heimatort Cork in der Stadthalle, wo sie die Auszählung begleitet. Das Ergebnis trifft sie. „Ich bin überrascht, dass es so eindeutig ist. Ich denke trotzdem nicht, dass die Bürger von Irland für eine bedingungslose Abtreibung gestimmt haben. Ich glaube, sie hatten einfach Angst, dass sich nichts ändern würde, wenn sie dagegen stimmen.

Sie müssten jetzt dafür kämpfen, dass "aus der Reform keine unbeschränkte Abtreibungserlaubnis wird". Und sie müssten endlich darüber sprechen, warum Frauen abtreiben. Das sei eine Debatte, die sie kaum gehabt hätten. Sie werde sich weiterhin darum bemühen, sie zu führen.


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15-Jähriger findet betrunken nicht nach Hause und bittet Polizei um Hilfe

26.05.2018, 12:21 · Aktualisiert: 26.05.2018, 12:21

Viele kennen die Situation: Man hat am Abend ein (oder zwei. Oder drei. Oder vier.) Gläser zu viel getrunken und macht sich dann auf den Heimweg. Der dauert mitunter ein wenig länger, weil man sich vielleicht nicht mehr ganz auf den Fußweg konzentrieren kann. In den meisten Fällen wacht man morgens auf und fragt sich, wie man es eigentlich so betrunken noch ins Bett geschafft hat. Aber: Nach Hause findet man irgendwie immer.