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Gerechtigkeit

Revolution oder Strohfeuer? Was Exil-Iraner über die Proteste denken

06.01.2018, 10:49 · Aktualisiert: 06.01.2018, 10:49

"Die Iraner tragen gerade viel Schmerz in ihren Herzen", sagt Shahab. Er könne das spüren. "Krass" sei es, sagt auch Dariush, auch wenn er nur aus der Ferne zuschaut. Shahab und Dariush kommen beide aus dem Iran – leben aber in Deutschland.

Seit mehr als einer Woche verfolgen beide die Entwicklungen in ihrer Heimat. Kommt es zu einer Revolution, gar zu einem Bürgerkrieg? Oder sind die Proteste schon wieder in sich zusammengefallen, wie Jalal es glaubt?

Wir haben sie und andere Exil-Iraner zu ihrem Blick auf die Proteste befragt.

Für deinen Überblick – so ist die Lage im Iran:

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Weil viele Angehörige im Iran haben und fürchten, das Regime könne ihnen Leid zufügen, sind einige unserer Protagonisten anonymisiert und möchten sich auch nicht mit einem Foto zeigen.

Shahab, 38, Schriftsteller

"Ich bin immer noch in Schockstarre – seit sieben Tagen schon. Was gerade im Iran passiert, elektrisiert mich. Das Einzige, was meiner Meinung nach klar ist: Die islamische Regierung hat verloren. Vielleicht stürzt sie nicht in den kommenden Tagen, aber sicher in den kommenden Monaten. Die Iraner tragen gerade viel Schmerz in ihren Herzen, ich kann das richtig spüren.

Die Mullahs haben im Iran alle Macht, alles Geld. Wenn sie noch länger in der Verantwortung bleiben, wird es nur noch schlimmer. In wenigen Wochen jährt sich die Revolution von 1979 wieder. Dann werden noch mehr Menschen auf die Straße gehen und zeigen, dass sie genug haben.

Die islamische Regierung hat längst verloren.

Es ist allerdings schwer, an klare Informationen heranzukommen. Das Regime blockiert immer wieder das Internet, das macht die Kommunikation schwer. Ich selbst habe eine Messenger-Gruppe, in der ich rund 1000 Abonnenten betreue. Meine Freunde schicken mir Fotos und Videos von Protesten, wenn sie ein paar Minuten Internet haben – ich leite es dann an alle weiter. So kann ich an diesem großen Moment ein bisschen teilhaben."

Politik in Iran

Der Iran nennt sich selbst Islamische Republik – und ist eine Mischform aus Gottesstaat und Demokratie. Ein Präsident wird zwar gewählt, er ist aber vom sogenannten Wächterrat abhängig. In diesem Gremium sitzen Juristen und geistliche Führer.

Noch über dem Präsidenten steht der geistige Führer, aktuell Ayatollah Ali Khamenei. Er bestimmt die Hälfte des Wächterrates, ernennt den Präsidenten und befehligt die Streitkräfte. Bei ihm liegt also die größte Macht.

Ihm untersteht auch die Pasdaran genannte Revolutionsgarde. Die Miliz schikaniert jeden, der sich nicht an die strengen Regeln hält.

Jalal, 32, macht eine Ausbildung als Grafiker

(Bild: privat)

"Ich glaube, es ist schon wieder vorbei. Ich war die vergangenen Tage die ganze Zeit dabei, habe die Nachrichten verfolgt – aber ich denke nicht, dass es jetzt noch eine Revolution geben wird. Es fehlt einfach ein Anführer, der die Protestler eint und an ein großes Thema, auf das sich alle einigen können. Bisher geht jeder in seiner Stadt wegen eigener Sorgen auf die Straße.

Was auch ein Problem ist: Die Proteste wurden vor allem aus dem Ausland gesteuert. Exil-Iraner, die wissen, worauf es bei Social Media ankommt, haben den Demonstranten Ideen geliefert – welche Fotos sind ikonisch, wie verhält man sich bei Angriffen der Polizei. Nun, da das Internet im Iran blockiert wird, bricht dieser Kontakt aber ab. In meiner Heimatstadt, einer Kleinstadt im Norden, ging der Protest zum Beispiel richtig schief. 40 bis 50 Menschen wollten auf die Straße gehen, die Polizei hat sie gleich festgenommen. Dann hat sich niemand mehr was getraut.

Es war allerdings richtig toll, dass so viele Frauen in all den Städten demonstriert haben – das hat mich echt gefreut. Es ist wichtig, dass Frauen im Iran endlich für ihre Rechte einstehen und es der Regierung zeigen. Ich bin nämlich nicht so optimistisch, wenn man die Proteste allein den Männern überlassen würde."

Shirin*, 26, studiert Zahnmedizin

"Meine Familie und ich kamen 1999 nach Deutschland und seitdem habe ich nicht mehr viel mit dem Iran zu tun. Klar, ich habe noch Verwandte dort, aber wir schreiben uns nicht regelmäßig. Es ginge auch gar nicht: Im Iran werden viele Apps zensiert. Wenn mir Bekannte schreiben wollen, müssen sie sich erst jede Menge Filterprogramme aufs Handy ziehen, um überhaupt Messenger zu nutzen.

So lange es im Iran Öl gibt, wird alles so bleiben, wie es ist.

Wie es mit den Protesten weitergeht, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wird es wie bei den letzten Aufständen auch: Menschen demonstrieren, dann gibt es Tote, dann verebbt alles wieder. Das war schon 2009 so. Das wird auch jetzt wieder so sein. Sorry, falls ich damit zu zynisch klinge.

Das Einzige, was die Regierung im Iran zu Fall bringen könnte, wäre ein Eingriff von außen. Aber warum sollte der Westen daran Interesse haben? So lange es im Iran Öl gibt, wird alles so bleiben, wie es ist. Die Mullahs gibt es auch in 20 Jahren noch – egal, wie oft da jemand demonstriert."

Aufstände in Iran

Irans Jugend ist schon länger unzufrieden – sie fühlt sich durch die alten Männer im Wächterrat nicht mehr repräsentiert. 2009 kam es zur "Grünen Bewegung", einem vor allem von Akademikern in Teheran getragenen Protest. 

Die nächsten Proteste gab es 2011. Wieder gingen vor allem Akademiker demonstrieren, dieses Mal motiviert durch den Arabischen Frühling in den Nachbarländern. Beide Bewegungen wurden jedoch niedergeschlagen, Dutzende Anführer festgenommen.

Die neue Protestbewegung ist anders: Sie wird von einer breiten Gruppe der Bevölkerung getragen. Und sie entzündet sich in vielen Städten, auch kleineren und sehr frommen Orten. 

Elham, 37, Studentin

"Die Proteste sind das Beste, was unserem Land passieren kann. Denn es muss sich endlich etwas ändern. Eigentlich braucht der Iran nur das, was andere auch schon haben: Menschenrechte. Die können wir aber nur bekommen, wenn wir alle zusammen aufstehen und sagen, was uns stört.

Ein großes Problem dabei ist der Informationsaustausch. Es herrscht eine starke Zensur, nichts geht rein oder raus. Von der Pressefreiheit ganz zu schweigen. Aber ich probiere jede nur mögliche Information zu bekommen oder jeden Weg zu nutzen. Alles was ich bekomme, teile ich mit allen wichtigen Menschen. In der Hoffnung, dass am Ende irgendwo etwas ankommt."

Dariush*, 27, Doktorand der Zahnmedizin

"Ich blicke der Situation im Iran mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Klar, die Verhältnisse müssen sich ändern, ich betrachte das alles aber auch mit einer großen Skepsis. 'Hat das wirklich einen Sinn?', frage ich mich. Denn wenn nicht alle an einem Strang ziehen, wird sich längerfristig gesehen auch nichts verändern. Ich glaube ein friedlicher Protest würde da mehr erreichen. Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen funktioniert nicht.

Wie krass es dort gerade ist, zeigt sich auf Instagram. Die Videos, die es schaffen, online zu gehen, zeigen viel Leid durch die gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Meiner Familie im Iran geht es glaube ich ganz gut. Viel Kontakt habe ich nicht zu ihr. Die halten sich eher raus. Zu groß ist die Angst vor irgendwelchen Konsequenzen."

Lida Ansari, 27, Studentin

"Ich habe totale Angst um meine Freunde im Iran. Ich selbst hatte die letzten Jahre in Italien studiert und kam vor einem halben Jahr zurück. Weil ich Atheistin bin, war das Regime aber hinter mir her und ich bin vor vier Monaten geflohen. Jetzt bekomme ich die Proteste nur aus der Ferne mit. Und auch nur, wenn etwas durch die Nachrichtensperre kommt. Der Protest wird romantisiert, wie gefährlich er ist, erfahre ich nur von Freunden.

Meine Freunde haben große Angst – trotzdem gehen sie jeden Abend wieder auf die Straße.

Einige wurden festgenommen, andere werden von der Polizei mit Tränengas attackiert. Sie haben große Angst – trotzdem schreiben sie mir, dass sie jeden Abend wieder auf die Straße gehen. Teheran ist mittlerweile komplett abgeriegelt, die Stadt ist fest in der Hand der Geheimdienste. Aber in kleineren Städten ist nicht so viel Polizei, dort können die Menschen demonstrieren gehen.

Mich freut, dass vor allem Frauen mitmachen. Es geht ihnen nicht darum, ob sie ein Kopftuch tragen müssen oder nicht – aber sie wollen endlich gleichberechtigt sein. Frauen haben im Iran nicht die gleichen Rechte wie Männer, nicht die gleichen Freiheiten. Sie werden in allem limitiert."

Frauenrechte in Iran

Frauen sind im Iran nicht gleichberechtigt. Bestimmte Berufe dürfen sie nicht ausüben, im Ehe- und Sorgerecht werden sie benachteiligt. Außerdem mussten Frauen in der Öffentlichkeit lange Zeit ein loses Kopftuch tragen – auch wenn es im Koran keine genaue Regelung gibt, wie sich Frauen bedecken sollen.

Das Kopftuchgesetz wurde jüngst gelockert, in Teheran werden Frauen nicht mehr festgenommen (bento). Es bleibt jedoch bestehen. Damit einher geht: Sicherheitskräfte können Frauen in der Öffentlichkeit so immer schikanieren und ihre Kleidung kontrollieren.

*Name geändert.


Streaming

"The Big Bang Theory" und was diese Woche bei Amazon Prime Video noch neu ist

06.01.2018, 10:42

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