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12.07.2018, 16:05 · Aktualisiert: 17.07.2018, 14:26

Und das unter Lebensgefahr

Die junge Maedeh hat sich die Lippen in mattem Dunkelrot geschminkt, auf ihrem Shirt steht "Das gönn' ich mir". Sie hat es unter der Brust verknotet, ihr Bauch ist zu sehen. Zu einem persischen Rapsong wirft sie ihre Arme in die Luft, lächelt in die Kamera, kreist mit der Hüfte.

Maedeh Hojabri tanzt. Und ganz Iran kann dabei zusehen – obwohl es ihr eigentlich verboten wurde.

Maedeh, manche schreiben, sie sei 17, andere halten sie für 19, gilt in Iran gerade als Anführerin eines neuen Protests. Eines Protests, in dem es ums Tanzen geht.

In Iran wollen immer noch alte Männer am besten wissen, was junge Frauen tun oder lassen dürfen. Tanzen gehöre sich für Frauen nicht, behaupten Religionsgelehrte – im islamischen Iran ist es daher für Frauen in der Öffentlichkeit verboten. Das gilt auch für soziale Medien wie Instagram. Dort hatte Maedeh immer wieder Videos hochgeladen, die sie beim Tanzen zeigten.

Maedeh wurde daraufhin festgenommen. Und musste im Fernsehen Reue zeigen.

In der im Iran bekannten TV-Show "Der falsche Weg" musste sie unter Tränen um Vergebung bitten. Sie verkündete, dass sie mit ihren Videos niemanden zum Tanzen ermutigen wollte. Und dass sie bereut. "Tanzen ist ein Verbrechen", sollte sie schließlich sagen. (BBC, Al-Monitor)

Doch das erzwungene Geständnis ging nach hinten los: Seit einer Woche laden immer mehr Iranerinnen und Frauen auf aller Welt Tanzvideos ins Netz. Nun ist auch Maedeh zurück, von angeblicher Reue nichts zu sehen:

Das Video ist keinen Tag alt, bereits mehr als 61.000 Mal wurde es angesehen. In den Kommentaren ermutigen sie viele. "Bleib wie du bist", schreiben sie. Und: "Du bist großartig!"

Auf ihrem alten, vom Regime gelöschten Instagram-Kanal soll Maedeh mehr als 600.000 Follower gehabt haben. Der neue zählt immerhin schon wieder knapp 91.000 Fans. Die Strafmaßnahme des Regimes, der öffentliche TV-Pranger – er ging nach hinten los.

Was Maedeh wahrscheinlich ermutigt hat: der Hashtag #DancingIsNotACrime.

Unter ihm und seiner persischen Entsprechung sammeln Frauen seit einer Woche Protestvideos von sich, in denen sie sich tanzend zeigen. Manche tanzen daheim vor dem Spiegel oder im Wohnzimmer. Andere trauen sich auf die Straßen – wo es besonders unerwünscht ist.

Das ist nicht ungefährlich. Im Koran gibt es zwar keine Stelle, die etwas gegen tanzende Menschen hat. Die iranischen Gelehrten um den 78-jährigen Ajatollah Ali Khamenei erklären es dennoch zum Tabu. Erst am Montag wurden in der iranischen Provinz Hormozgan acht Frauen verhaftet, weil sie "gemodelt" haben sollen. Das berichtet die Menschenrechtsorganisation NCR Iran, die sich für Frauenrechte in der islamischen Republik einsetzt.

Das Regime schaut hin, wenn sich Frauen auf Telegram, Instagram und Twitter zeigen. Doch es ihnen mittlerweile egal:

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Viele der Videos werden von Masih Alinejad und ihrer Gruppe "My Stealthy Freedom" geteilt und weiter verbreitet. Alinejad ist eine iranische Frauenrechtlerin und betreibt "My Stealthy Freedom" aus dem Ausland.

Nicht immer ist klar, ob die Aufnahmen wirklich in Iran aufgenommen wurden. Wie groß der Protest in Iran selbst ist, bleibt also ungewiss. Was #DancingIsNotACrime allerdings ist: Ein Zeichen dafür, dass nicht alle Iranerinnen und Iraner mit den strikten Regeln des Regimes einverstanden sind.

"My Stealthy Freedom" organisiert auch den "White Wednesday": Kopftuch-Gegnerinnen sammeln dabei Fotos von Frauen in weiß oder mit weißem Kopftuch als Zeichen des Protests. Sie schwenken die Tücher und zeigen ihr offenes Haar. Eine Aktivistin wurde genau deshalb gerade verurteilt:

In unserer Gesellschaft wird die Rolle und Identität der Frau allein durch den Mann definiert.
Masih Alinejad

Alinejad, die Gründerin von "My Stealthy Freedom", stört, dass die iranische Gesellschaft einen falschen Blick auf den Islam habe. "In einigen Fällen interpretieren Männer die Religion so, als könnten sie über ihre Frauen verfügen", sagt sie. Ihre Aktionen auf Facebook und Twitter sollen daher immer wieder aufrütteln. Sie sollen zeigen, dass die junge Generation nicht mehr so denkt. (bento)

Längst sind die Tänze mehr als nur Tänze. Sie sind ein Zeichen für das Aufbegehren der Jugend.

Irans Kleriker setzen auf einen starken Staat nach islamischen Regeln. Und dazu gehört ihrer Meinung nach auch, Kleidungsvorschriften für Frauen festzulegen und Proteste zu ersticken. Doch die Mehrheit der Iraner ist unter 30 Jahren (Iran Census, PDF) – ihre Lebenswirklichkeit hat mit den strengen Ansichten des Wächterrats nur noch wenig gemein.

Erst Ende vergangenen Jahres hatten viele junge Iraner gegen das Regime demonstriert. Die Wut hatte sie auf die Straße getrieben, Sicherheitskräfte schlugen die Aufstände nieder. (Mehr zu den Protesten bei bento)

Die Demonstranten hatten sich vor allem über den Messenger Telegram verabredet, teilten Videos der Aufstände und Nachrichten. Nun bleibt der Protest im Netz lebendig. Oder wie es eine Nutzerin auf Twitter formuliert:

Die Maßnahmen der Behörden, die Verderbtheit zu verhindern, hat dazu geführt, dass sie viel mehr sichtbar geworden ist

Gerechtigkeit

Berliner Polizist soll in Chats rechtsextreme Parolen verwendet haben

12.07.2018, 15:37 · Aktualisiert: 12.07.2018, 15:58

3 Fragen, 3 Antworten

Ein Anti-Terror-Ermittler der Berliner Kriminalpolizei steht nach einem Medienbericht im Verdacht, mit seinem Vorgesetzten im Jargon von Neonazis kommuniziert zu haben. Unter anderem sollen sie in internen Chats die Ziffer "88" verwendet haben – ein Code für "Heil Hitler".