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Gerechtigkeit

Warum ein syrischer Flüchtling in Hamburg Karaoke-Partys veranstaltet

19.08.2016, 10:05 · Aktualisiert: 19.08.2016, 12:54

Sing mit mir, Habibi

Inmitten des syrischen Bürgerkriegs feiert Anas Aboura mit seinen Freunden eine Karaoke-Party: Etwa 20 Menschen sitzen in einer Bar im Zentrum von Damaskus. Eine Frau mit Kopftuch singt ein arabisches Lied ins Mikrofon. Ihre Stimme ist kaum zu hören; die anderen grölen, lachen und klatschen zu laut.

Am Ende hält Anas sein grinsendes Gesicht in die Kamera. Er hat das Video im September 2014 aufgenommen – kurz bevor er aus Syrien floh, um seinem Militärdienst zu entkommen.

Wenn Anas in seiner neuen Heimat Hamburg zu Karaoke-Partys geht, vermisst er etwas: "Das sind nicht meine Lieder", sagt er. Ihm fehlen die orientalischen Melodien, die arabischen Liebeshymnen: die Musik, die für ihn und andere Flüchtlinge so wichtig ist – und die hier kaum jemand kennt.

In der Fotostrecke: So sieht Karaoke aus

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Also hat Anas beschlossen, eine eigene Karaoke-Party zu veranstalten: Einen Abend lang wird er versuchen, die Barrieren zu überwinden, die Sprache und Kultur zwischen Menschen auftürmen. Er wird versuchen, Flüchtlinge und Deutsche gemeinsam zum Feiern zu bringen.

Und er wird versuchen, große Worte mit Leben zu füllen: Heimat und Integration.

Samstagabend, 20.15 Uhr, in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel: Anas Aboura lehnt neben der Bar an der Wand, eingeklemmt hinter einem Stehtisch. "Guten Abend an alle! Danke, dass ihr gekommen seid." 30 Köpfe drehen sich in seine Richtung – viele Flüchtlinge, aber fast genauso viele Deutsche. "Ich möchte irgendjemanden bitten, anzufangen."

Niemand meldet sich.

"Wer möchte anfangen zu singen?"

Stille.

Eigentlich singt Anas nie; zu schüchtern, sagt er. Doch heute bleibt ihm nichts anderes übrig: Er presst die ersten Zeilen des arabischen Klassikers ins Mikrofon. Durch die Lautsprecher klingt seine Stimme blechern. Dann reicht er das Mikro weiter, einfach hinein ins Publikum.

Es ist wichtig, dass wir unsere Kultur hierher mitbringen. Das ist die andere Seite von Integration.
Anas Aboura

Die Gäste sitzen auf Hockern im Saal verteilt. Rote Scheinwerfer tauchen alles in ein schummriges Licht, Zigarettenrauch beißt in der Nase. Ganz hinten thronen zwei ältere Hamburgerinnen in Sesseln aus bräunlichem Brokat. Unter ihren Füßen liegt ein Orientteppich, darauf Shisha.

In vielen syrischen Häusern gibt es so eine "orientalische Ecke", sagt Anas, deshalb wollte er sie auch den Deutschen zeigen. "Es ist wichtig, dass wir unsere Kultur hierher mitbringen. Das ist die andere Seite von Integration." Schon lange im Voraus hat Anas sich überlegt, wie er an diesem einen Abend möglichst viel von seiner Kultur vermitteln könnte; das Singen ist nur ein Teil davon.

Der gleiche Ort fünf Tage vorher:

Anas Aboura schreitet den kahlen Konzertsaal ab. Ein kleiner Mann mit kurzen schwarzen Haaren und Vollbart. Er ist 29 oder 30 Jahre alt, so genau weiß er das nicht; in seinen Dokumenten steht nur das Geburtsjahr: 1986.

Um seinen Hals baumelt ein Band mit Kampnagel-Aufdruck, die Schlüssel daran klirren bei jedem Schritt: von der Bar zur Bühne zu den Hockern in der Ecke, am Technikpult vorbei, zurück zur Bar. Hinter Anas trottet ein Kumpel aus Damaskus; er wird helfen, den Saal zu dekorieren. Anas redet in Arabisch auf ihn ein, zündet sich eine Zigarette an, zieht, redet, zieht, redet.

Eine befreundete Dramaturgin aus dem Kampnagel-Team hat ihm geholfen, einen Raum zu organisieren. Das Material für die Deko hat Anas entweder von Freunden geliehen oder auf dem Flohmarkt gekauft. Er hat auf Facebook Werbung gemacht, außerdem steht im Kampnagel-Programm ein Hinweis auf seine Karaoke-Party – auf Deutsch, Englisch und Arabisch.

Anas hat eine syrische Band eingeladen, die zwischen den Karaoke-Songs traditionelle Musik spielen soll. Und ein paar arabische Lieder will er unbedingt singen lassen – solche, die von Syrien erzählen oder eine politische Botschaft haben. "Diese Lieder verbinden uns mit unserer Heimat, sie wecken Erinnerungen", sagt Anas. Damit alle Besucher verstehen, worum es in den Liedern geht, möchte er die Songtexte ins Englische übersetzen. Ein zweiter Kumpel hilft ihm, auch er ist beim Vorbereitungstreffen dabei.

"Bis wann brauchst du die Übersetzungen?", fragt er.

"Es reicht, wenn du sie eine halbe Stunde vor Eröffnung fertig hast", antwortet Anas.

"Wirst du nur arabische Songs spielen?"

"Nein, auch englische. Ich will nicht, dass sich die Deutschen langweilen oder ausgeschlossen fühlen."

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Anas hat sich umsonst gesorgt: Spätestens eine Dreiviertelstunde nach Beginn der Karaoke-Party sieht niemand mehr so aus, als würde er sich ausgeschlossen fühlen.

Die beiden älteren Damen sitzen immer noch in ihren Sesseln, um sie herum hocken inzwischen sieben junge Männer. Sie kommen aus Syrien und Marokko, aus Ghana und Nigeria; jetzt wohnen sie in Billstedt oder Harburg. Die Shisha wandert von Mund zu Mund, süßer Rauch wabert um die Gesichter.

"Ich habe so was noch nie geraucht", sagt die eine Frau zur anderen, "aber schmeckt ganz gut, ne?"

Dann wendet sie sich an den jungen Syrer ihr gegenüber: "Ist da eine Droge drin?"

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Drüben auf der Bühne spielt die syrische Band inzwischen. Gesang und Laute verbreiten einen Hauch von Schwermut, doch die Trommel treibt die Menschen auf die Tanzfläche: Da stampfen Füße auf den Boden, rühren Hände in der Luft, wackeln Hintern und Bäuche.

Inzwischen sind mehr als 60 Besucher da. Einige kennen Anas, andere sind gekommen, weil sie von der Karaoke-Party gelesen haben und neugierig waren – so wie die Damen mit der Shisha. Eine Frau hat ihre beiden Töchter mitgebracht; die Kleinen hüpfen um einen dunkelhaarigen Mann herum, ihre blonden Zöpfe schlingern durch die Luft.

Kaum hat die Band ihr letztes Lied gespielt, klettert der nächste Karaoke-Sänger auf die Bühne. Auf einem Tisch daneben stapeln sich Zettel mit den englischen Übersetzungen, doch die schaut niemand an; auch nach englischen Liedern hat noch keiner gefragt.

Um kurz nach 23 Uhr trauen sich die ersten Deutschen auf die Bühne, eine Frau und ein Mann: Sie haben den Text eines arabischen Popsongs dabei, in lateinischen Buchstaben notiert. "Habibi, Habibi", singen sie – das arabische Wort für "mein Liebling". Bei den Strophen bleiben sie immer wieder hängen, doch das macht nichts: Syrien, Deutschland, Ghana – alles tanzt. Und jeder, der Arabisch kann, singt mit.

Anas Aboura lehnt an seinem Stehtisch und lächelt. Die Leute von Kampnagel haben gesagt, wenn alles klappt, könnte es schon im Sommer die nächste orientalische Karaoke geben. Und vielleicht kommen dann noch mehr Gäste.

Kampnagel-Karaoke

Es hat geklappt: Weil Anas Abouras erste Karaoke-Party so erfolgreich war, gibt es jetzt eine zweite. Sie findet am Samstag, 20. August, im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg statt. Beginn ist um 21 Uhr. Mehr Infos gibt es hier.

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