Gerechtigkeit

Flüchtlinge, ein Jahr später: "Ich würde mich freuen, wenn ich endlich deutsche Freunde finde"

23.08.2016, 10:40 · Aktualisiert: 23.08.2016, 18:46

Was treibt euch an und wovon träumt ihr?

Vor rund einem Jahr kamen Zehntausende Flüchtlinge in Deutschland an, empfangen von Luftballons, Kuscheltieren und Care-Paketen.

Wir haben fünf Menschen, die heute in Bremen leben, gefragt: Wie habt ihr das erste Jahr erlebt? Was treibt euch an und wovon träumt ihr?

Ahmad, 20, aus Qamischli, Syrien. Abiturient

Seit ich in Deutschland bin, habe ich viele neue Menschen kennengelernt; die meisten sind Flüchtlinge. Viele haben einen anderen kulturellen Hintergrund als ich, so wie meine beiden besten Freunde: der eine ist Türke, der andere Araber, ich selbst bin Kurde.

Einen habe ich in der Erstaufnahmestelle kennengelernt. Dort habe ich ausgeholfen, als sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Ich spreche fließend Arabisch und Kurdisch und verstehe inzwischen auch recht gut Deutsch.

Seitdem ich Deutsch gelernt habe, fühle ich mich hier wohler. Denn die Deutschen scheinen sehr viel Angst vor uns zu haben und uns hier nicht haben zu wollen. Wenn ich sie anspreche, halten sie ihre Taschen fest oder gehen einen Schritt zurück. Das macht mich sehr traurig; denn ich möchte nichts Böses.

Am meisten würde es mich freuen, wenn ich endlich auch deutsche Freunde finden würde. So kann ich nämlich meine Sprachkenntnisse verbessern. Diese brauche ich, wenn ich hoffentlich im nächsten Jahr ein Medizinstudium beginne.

Helin, 22, aus Kobane, Syrien. Abiturientin

Was mich in Deutschland besonders glücklich macht: Hier kann ich sein, wer ich sein will. Ich kann das Leben führen, was ich will. Und das als Frau!

Ich wurde mit 15 Jahren zwangsverheiratet, mein Mann war zu dem Zeitpunkt 38 Jahre alt. Mit der Heirat starben all meine Hoffnungen und Träume. Ich existierte nur noch.

Nachdem vor drei Jahren in Kobane der Krieg ausbrach, sind wir nach Istanbul geflohen. Dort habe ich endlich all meinen Mut zusammengefasst und mich von meinem Mann scheiden lassen. Selbst meine Verwandten sagten, dass meine Scheidung inakzeptabel sei. Deswegen bin ich nach Deutschland geflohen. Für einen Neuanfang.

Im Slider: Warum ein Syrer in Hamburg eine Karaoke-Party veranstaltet

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Ich habe keinen Anspruch auf meine Kinder, sie dürfen nicht bei der geschiedenen Frau leben; so schreibt es die Gemeinde vor. Für uns gelten diese Regeln, denn mein Mann und ich haben nicht standesamtlich geheiratet, sondern vor Gott.

In Deutschland habe ich bisher mit keiner Behörde darüber geredet. Ich wüsste auch nicht, wo ich hingehen sollte, um sie zu mir zu holen. Sie fehlen mir sehr; bis heute hatte ich keinen Kontakt zu ihnen.

Ich werde nun fleißig Deutsch lernen, hoffentlich studieren und alles dafür geben, meine Kinder zu mir zu holen.

Matin, 19, aus Derik, Syrien. Maurer

Meine Familie lebt an der syrisch-türkischen Grenze. Dort gibt es keine Arbeit, kein Leben, keine Zukunft. Dafür aber Angst vor einem Krieg, der jeden Augenblick auch in meiner Heimatstadt ausbrechen könnte.

Darum bin ich für meine Familie von hier aus eine größere Hilfe, als wenn ich in Derik leben würde. Denn ich habe hier, über einen Freund, Arbeit gefunden und schicke jeden Monat Geld zu meinen Eltern. Das ist auch der Hauptgrund, weswegen ich hier bin. Ich möchte hier niemandem zur Last fallen. Ich bin sehr dankbar, hier in Sicherheit leben zu dürfen.

Ahmad, 20, aus Tartus, Syrien. Hafenarbeiter

Ich bin vor neun Monaten nach Deutschland geflohen und fühle mich noch immer nicht ganz angekommen. Denn ich wurde schon mehrfach rassistisch beschimpft: mit Sätzen wie "Geh dahin, wo du hergekommen bist" oder "Ausländer raus". Ich war in den Momenten sehr wütend – trotzdem blieb ich ruhig und habe nichts gesagt oder getan.

Wenn es nach mir ginge, würde ich gleich morgen zurück nach Syrien fliegen. Allerdings müsste ich dann auch in den Krieg ziehen, das will ich nicht. Denn ich lehne Krieg und Gewalt ab.

Dank eines Bekannten habe ich Arbeit in einem Hotel gefunden, in Syrien habe ich zwar im Hafen gearbeitet, aber immerhin verdiene ich ehrliches Geld.

Ich werde solange in dem Hotel arbeiten, bis endlich wieder der Frieden in Syrien einkehrt. Dann sitze ich im ersten Flieger zurück in meine Heimat.

Amin, 26, aus Aleppo, Syrien. Teppichdesigner

Ich bin seit rund neun Monaten in Deutschland und irgendwie glücklich. Denn hier lebe ich im Frieden und bin weit entfernt vom Krieg, in Syrien hätte ich kämpfen müssen.

Meine Eltern sind in Syrien geblieben, deswegen habe ich täglich Angst um sie. Meine zwei Schwestern konnten auch fliehen und leben in der Nähe von Frankfurt. Es macht mich glücklich zu wissen, dass sie in Sicherheit sind, auch gibt es mir Kraft, dass wir uns regelmäßig sehen können. Am liebsten würden wir auch zusammenwohnen, bisher hat es wegen der ganzen Bürokratie nicht geklappt.

Ich würde gern nach Syrien zurückkehren, deswegen hoffe ich, dass bald Frieden einkehrt. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich bald endlich meine Aufenthaltsgenehmigung bekomme. Denn wenn ich noch länger hier bleiben muss, fände ich es beruhigend, wenigstens eine Zukunft planen zu können. Zurzeit kann ich das nicht.

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