Gerechtigkeit

Warum gibt es in vielen arabischen Ländern regelmäßig sexuelle Gewalt gegen Frauen?

07.01.2016, 17:14 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Ein Erklärungsversuch

Nachdem Bassem seiner Angebeteten per WhatsApp Nacktfotos von sich geschickt hatte, war die Sache klar: Das Mädchen will einfach nichts von ihm. Der 26-jährige Ägypter hatte sie, eine Studentin aus Dänemark, in der Hauptstadt Kairo kennengelernt. Er half ihr beim Umzug. Sie lud ihn zum Dank zum Essen ein. Er grübelt, ob das eine Aufforderung zum Sex war. Sie erzählt von ihrem Verlobten. Er schickt trotzdem Nacktfotos. Und sie bricht den Kontakt ab.

"Ich dachte, eure Frauen sind unkompliziert", erinnert sich Bassem später, "das sieht man doch in jedem Film." Dann scrollt er durch sein Handy, zeigt Werbeanzeigen mit halbnackten Models, zeigt ein Foto von Nicki Minaj. Den Film "Sex and the City" versteht er eher als Dokumentarfilm denn als Hollywood-Fantasie.

So wie Bassem denken natürlich längst nicht alle arabischen Männer - und doch steht dieser schiefe Blick symptomatisch für das, was in der arabischen Welt unter sexueller Freiheit verstanden wird. Und wie Frauen von vielen Männern betrachtet werden. Denn deren Darstellung fußt in der Region längst nicht mehr allein auf Koranzitaten – sondern bei jungen Männern zunehmend auf dem, was ihnen der Westen vorgibt. Die Femme fatale aus dem Kino, das leichte Mädchen aus den Musikcharts.

Vor allem Ägypten sticht mit Negativbeispielen heraus

Während des Arabischen Frühlings 2011 kam es auf dem Tahrir-Platz im Herzen von Kairo mehrfach zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen von Demonstrantinnen. Auch in den Jahren danach standen der Platz und seine Nebenstraßen immer wieder in den Schlagzeilen. Banden junger Kerle bedrängten und begrabschten Frauen in der Öffentlichkeit. Nach einer Uno-Untersuchung geben 99,3 Prozent aller Ägypterinnen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. (Egyptian Streets)

Der ägyptische Dienst HarassMap dokumentiert seit 2005 Übergriffe auf Frauen. Allerdings trauen sich viele Opfer nicht, Vorfälle zu melden.

Oft ist die Gewalt politisch gewollt: Der heutige Präsident Abdel Fatah al-Sisi hatte - damals noch als Armeegeneral - seine Soldaten zu "Jungfrauentests" angehalten. Mit dem Griff in den Schritt sollte auf dem Tahrir-Platz das Jungfernhäutchen von Demonstrantinnen kontrolliert werden – angeblich, um sie vor Vergewaltigungen zu schützen.

Häusliche Gewalt wird in Marokko nicht geahndet

Aus dem nordafrikanischen Marokko gibt es ebenfalls immer wieder Geschichten von öffentlichen Vergewaltigungen. Nach einer Untersuchung des marokkanischen Menschenrechtsrates vom Oktober 2015 werden sechs Millionen Frauen im Land – mehr als ein Drittel – regelmäßig Opfer von Gewalt. Die meisten Übergriffe werden von Ehemännern verübt. Vergewaltigung in der Ehe stellt im marokkanischen Gesetz bislang kein Verbrechen dar. So wie auch in Deutschland häusliche Gewalt lange Zeit kein Thema war: Erst seit Ende der Neunzigerjahre gilt Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland als Verbrechen.

Frauenpower: Eine Sicherheitskamera zeichnet auf, wie eine Frau einen Grabscher auf einem Markt im marokkanischen Inzkan ausknockt.

Auch am Golf sind Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt. Aus Saudi-Arabien sind Fälle bekannt, in denen Haushälterinnen von ihren Arbeitgebern gequält und misshandelt werden. Einer indischen Putzfrau soll dort im vergangenen Jahr von ihrem Dienstherrn die Hand abgehackt worden sein. In den Vereinigten Arabischen Emiraten entging eine 24-jährige Norwegerin nur knapp einer Haftstrafe wegen "Unzucht". Sie war vergewaltigt worden und hatte Anzeige erstattet – die Polizei stellte sich jedoch auf die Seite des Täters. (SPIEGEL ONLINE)

Es liegt nicht allein am Islam

Was auffällt: Der Islam spielt in all diesen Beispielen keine direkte Rolle. Muslime werden nicht häufiger oder seltener zu Sexualstraftätern als Anhänger anderer Religionen. Im Gegenteil: In einer Studie des Mediendienstes Integration sprachen sich mit jeweils über 80 Prozent gleich viele Christen und Muslime in Deutschland für Gleichberechtigung aus. Und gerade bei Jugendlichen spielt auch das klassische Rollenbild (Frau: Küche, Mann: Büro) kaum noch eine Rolle.

Dass es im arabischen Raum dennoch in weiten Teilen der Gesellschaft sexuelle Unterdrückung gibt, ist vor allem Ausdruck politischer Frustration. "Wenn man über sexuelle Tabus und Frustration redet, ist es unmöglich, nicht über Religion zu reden. Wenn man über Religion redet, muss man auch über Politik sprechen", sagt die libanesische Frauenrechtlerin Joumana Haddad.

Eine Ägypterin vor einem Graffiti, das an den Beginn des Arabischen Frühlings erinnert: den 25. Januar

Eine Ägypterin vor einem Graffiti, das an den Beginn des Arabischen Frühlings erinnert: den 25. Januar (Bild: Marc Röhlig)

Bei den Übergriffen geht es oft nicht wirklich um Sex

Die britisch-ägyptische Soziologin Shereen El Feki pflichtet ihr bei. Gerade mit Blick auf Ägypten sei die patriarchalische Haltung vieler Männer vor allem in der politischen und wirtschaftlichen Wirklichkeit am Nil verankert. Das gesellschaftliche Rollenbild fordert: Männer müssen die Chefs sein. Aus diesem Denken wirke sich das Überlegenheitsgefühl auf das Schlafzimmer aus, schreibt sie in "Sex and the Citadel", das sich mit Sexualität im arabischen Raum beschäftigt. Die sexuellen Übergriffe haben demnach mit Sex in erster Linie gar nichts zu tun – weder in arabischen noch in europäischen Ländern. Es geht allein um ein Sich-groß-Machen.

Dieses Aufplustern ist laut der libanesischen Literaturwissenschaftlerin Samira Aghacy seit Jahrzehnten erzogen. In arabischen Büchern, Comics und Filmen ist der Mann stets der Held und Beschützer der Familie – damit ähneln sie eigentlich westlichen Erzählmustern.

Gleichzeitig herrscht im arabischen Raum seit Jahren eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Sehr viele Jugendliche finden keine Anstellung, haben kein Geld und können sich so auch keine teure Hochzeit leisten. Der öffentliche Raum ist weitgehend von Männern dominiert, es gibt vielerorts eine starke Geschlechtertrennung, Kontakte zwischen Männern und Frauen sind nicht selbstverständlich.

Händchen halten geht, Küssen geht nicht

Für junge unverheiratete Paare (die es in arabischen Ländern genauso gibt wie in Deutschland) ist es oft nicht leicht, sich Freiräume zu schaffen. Händchen halten im Park geht zwar, Küssen ist jedoch verpönt. Gleichberechtigung erkämpft sich die junge Generation daher nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit vielen kleinen Grenzüberschreitungen.

Je mehr die Welt zusammenwächst, desto größer ist jedoch auch das Ohnmachtsgefühl der Abgehängten. "Viele Männer fühlen sich impotent, marginalisiert und unfähig, [… ] dem Aufbau ihres Heimatland etwas besteuern zu können", sagt Aghacy. "Das lässt sie frustriert zurück – und diesen Frust lassen sie häufig an Frauen aus."

#هتعمل_إيه لو شفت حالة تحرش جنسي؟ لازم نقف هنا عند حاجة مهمة جداً، الوضع المرعب لتجاهل الناس لحالات التحرش الجنسي وإست...

Posted by حركة بصمة | Imprint Movement on Sonntag, 25. Oktober 2015
Comic-Strip des Künstlers Ahmad Nady gegen sexuelle Gewalt. Die Frau sagt: „Was soll das? Es reicht!“

Gerade dabei werden Männer oft durch islamisches Recht geschützt. In der Scharia – der Grundlage für die islamische Rechtsprechung – gibt es mehrere Vorschläge, wie zum Beispiel eine Vergewaltigung zu ahnden ist. Allerdings sind die kein bindendes Recht. Strafen für Männer reichen von Entschädigungszahlungen bis hin zur Steinigung. Da der Koran an prominenter Stelle die Männer als höherwertig einstuft ("Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie vor diesen ausgezeichnet hat", Sure 4,34), tragen Frauen in den Augen vieler Richter jedoch oft eine Mitschuld. Wobei hier gilt: Auch in Deutschland kämpfen Opfer von sexueller Gewalt bei der Polizei und vor Gericht immer wieder darum, ernst genommen und nicht herabgewürdigt zu werden.

Doch auch die Gegenbewegung gibt es

Längst engagieren sich junge Araber in Frauenrechtsbewegungen; sind Teil des Teams vom ägyptischen Dienst "HarassMap" oder der libyschen Frauenorganisation Nataj. Ein gleichberechtigter Blick entwickelt sich vor allem in der jungen Studentenschicht. Auch Soziologin El Feki beobachtete in ihren Studien, dass die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo Seite an Seite standen – frei von den anerzogenen Geschlechterrollen. Die Gewalt ging vom alten Regime aus. In den jungen Köpfen hingegen hatte sie keinen Platz.

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Quellen