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Gerechtigkeit

Warum Anna Lena Bankel #imzugpassiert erfunden hat – und was sie sich von Männern wünscht

28.03.2016, 14:55 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Am Freitagnachmittag setzt die Kunststudentin Anna Lena Bankel, 33, eine Reihe von Tweets ab. Mit dem Hashtag #imzugpassiert schildert sie, wie sie im Zug angestarrt und bedrängt wurde:

Zu diesem Zeitpunkt ahnt Bankel nicht, dass ihr Hashtag wenige Stunden später trenden und eine Diskussion auslösen wird. Über alltägliche sexuelle Belästigung, über Doppeldeutigkeiten, über Frauenabteile in Zügen und über die Frage, warum Männer solche Erlebnisse oft verharmlosen.

Unter #imzugpassiert beginnen Frauen, ihre Erlebnisse bei Zugfahrten zu teilen, einige Männer unterstützen sie. Später wird das Hashtag teils von wütenden Männern gekapert: Sie beleidigen, verharmlosen.

Bankels Tweets waren eine Reaktion auf die Meinung des österreichischen Journalisten Hanno Settele. "Belästigung? Melden und raus mit ihm nächste Haltestelle. Per Polizei. Ist nicht so schwer", hatte er geschrieben (bento). Er bezieht sich damit auf die Entscheidung der Mitteldeutschen Regionalbahn, in Zügen zwischen Leipzig und Chemnitz künftig Abteile für Frauen zur Verfügung zu stellen. Damit solle das Sicherheitsgefühl weiblicher Fahrgäste gestärkt werden. Settele hält das für unnötig:

Wir haben mit Anna Lena Bankel gesprochen und sie gefragt, warum sie das Hashtag erfunden hat – und wo genau die Grenze zwischen angemessener Ansprache und unerwünschter Anmache verläuft:

Was wolltest du mit dem Hashtag erreichen?

Mir war wichtig, dass es nicht nur um strafbare sexuelle Belästigung geht. Darüber hinaus gibt es einen großen Graubereich, der einfach nervt. Ich hatte das Gefühl, das Hashtag könnte eine Debatte auslösen. Mir war aber bewusst, dass die wiederum gekapert werden könnte von Leuten, die einfach ihren Frust ablassen wollen.

Wenn der Zug leer ist und plötzlich setzt sich ein Mann direkt neben mich, dann weiß ich nicht, wie ich das verstehen soll.

Welche Erfahrungen hast du persönlich gemacht?

Ich habe tatsächlich alle Vorfälle, in denen ich mich belästigt gefühlt habe, getwittert. Das sind keine traumatisierenden Erfahrungen. Trotzdem: Mich stört die regelmäßige Raumnahme und die aufgedrängte Einladung, sich mit der jeweils anderen Person auseinander zu setzen.

Natürlich machen Frauen das auch. Ich bin schon älteren Damen begegnet, die über alles reden möchten. Aber einige Sachen sind unheimlich: Wenn der Zug leer ist und plötzlich setzt sich ein Mann direkt neben mich, dann weiß ich nicht, wie ich das verstehen soll. Ich muss mir überlegen, ob ich mich umsetzen soll oder etwas sagen muss. Mich nervt, dass ich mich in dem Moment so lang damit beschäftigen muss.

Warum reicht es deiner Meinung nach nicht, theoretisch die Polizei rufen zu können?

Vielen Frauen wird nicht geglaubt, die Beweisschuld liegt sofort bei der Frau. Außerdem sind viele Dinge gar nicht strafbar: Das Strafrecht bildet nur das ab, was die Gesellschaft gerade als Unrecht empfindet. Das passt nicht immer mit dem subjektiven Unrechtsempfinden zusammen. Vergewaltigungen in der Ehe zum Beispiel sind auch noch nicht so lange strafbar.

Spezielle Abteile nur für Frauen – ist das wirklich die Lösung?

Im Nachtzug von Wien nach Udine bin ich in einem Frauenabteil gefahren. In einzelnen Zügen gibt es schon vereinzelt solche Abteile, aber wir sind weit von einem Zwang entfernt.

Ich finde es merkwürdig, dass teilweise von Segregation gesprochen wird, wenn Frauen sich einen kleinen Schutzraum wünschen. Warum gibt es keinen vergleichbaren Aufschrei mit Blick auf Burschenschaften? Da dürfen Frauen nicht rein. Auch das ist ein Schutzraum. Allerdings wollen die Männer lediglich ihr Netzwerk nicht teilen, es geht nicht darum, dass Männer sich vor Übergriffen der Frauen schützen wollen.

Ein bento-Leser hat uns geschrieben, dass er nach #imzugpassiert Angst hat, unbewusst jemanden bedrängt zu haben, auch weil in den Tweets oft nur von Blicken die Rede war. Andererseits fragt er sich, ob nicht auch einige Frauen bisweilen Blicke überinterpretieren würden. Was antwortest du ihm?

Jeder und jede kann Grenzen überschreiten, das passiert mir auch, zum Beispiel wenn ich eine Transperson ungewöhnlich lange anschaue. Selbstreflexion ist ganz wichtig: Man kann sich für falsche Handlungen entschuldigen. Oder man informiert sich als Mann im Gespräch mit einer Frau darüber, wie das, was man macht, ankommt. Genau dazu trägt mein Hashtag bei: Es will aufdecken, was alles als zu viel empfunden wird – auch weil es sich häuft. Ich finde es gut, wenn Menschen sich damit auseinandersetzen, welche Grenzen sie überschreiten, auch unbewusst.

Was wünschenswert ist, muss eine Generation gemeinsam erarbeiten.

Ich finde es wichtig, dass man den Gegenüber lesen und auch nonverbale Signale wahrnehmen kann: Wenn ein Mann eine Frau anspricht und sie nicht vom Buch aufschaut, hat sie wahrscheinlich kein Interesse an einer Unterhaltung. Wo genau die Grenze verläuft, würde ich gerne weiter öffentlich diskutieren. Was wünschenswert ist, muss eine Generation gemeinsam erarbeiten.

Gibt es einen Unterschied zu der Generation unserer Eltern?

Auf jeden Fall. An den Filmen aus den 50er Jahren sieht man ja, dass damals der Klaps auf den Po einen sympathischen Mann kennzeichnete.

Welchen Hashtag würdest Du dir von Männern wünschen?

Ich fände es interessant, wenn Männer schreiben würden, warum sie sich als Feminist bezeichnen.