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Bild: Ibrahim

Gerechtigkeit

Ibrahims Flüchtlingstagebuch: "Von Deutschland kannte ich nur die Flagge"

09.03.2016, 18:00 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Wie sich Ibrahim Deutschland vorgestellt hat – und wie es nun wirklich ist. Teil 3 unserer Serie.

Was ich über Deutschland wusste? Ich hatte absolut keine Ahnung, was mich erwartet. In Afghanistan habe ich deutsche Soldaten kennengelernt, das war das einzige Mal, dass ich mit Deutschland in Berührung gekommen bin. Ich habe sie anhand der deutschen Flagge erkannt, die sie auf den Uniformen trugen.

Jetzt habe ich diese Flagge in meinen Whats-App-Namen eingebaut.

Was für ein Bild haben Flüchtlinge von Deutschland?

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Als ich aus Afghanistan aufgebrochen bin, hatte ich Deutschland nicht als Ziel im Kopf. Ich dachte, dass ich in Iran bleiben könnte. Aber dort war ich als afghanischer Flüchtling nicht willkommen. Polizisten waren oft gewalttätig, Diebe haben gezielt Jagd auf afghanische Flüchtlinge gemacht und sie ausgeraubt. Ich habe bei Verwandten gewohnt, die auch aus Afghanistan geflüchtet waren. Die waren nicht nett zu mir. Sie haben mir nicht erlaubt, zur Schule gehen, ich musste stattdessen hart arbeiten.

Diese Verwandten sind weiter Richtung Europa geflohen. Sie haben mich nur mitgenommen, weil ich gut Englisch spreche. Sie wollten weiter nach Schweden. Ich wollte nur weg von ihnen. Also bin ich in Deutschland geblieben.

Wer ist Ibrahim?

Ibrahim ist 18 Jahre alt, er kommt aus dem Dorf Daimerdad, das westlich der afghanischen Hauptstadt Kabul liegt. Um Lebensmittel für sich und seine Mutter einzukaufen, musste er zweimal im Monat durch ein Tal, das von den Taliban kontrolliert wurde. Er floh zuerst nach Pakistan, um von dort in den Iran einreisen zu können. Von der Türkei aus hat ihn ein Schlepper mit dem Boot nach Griechenland gebracht. Zu Fuß hat er die Balkanroute Richtung Österreich genommen. Seit Oktober ist er in Deutschland. Er lebt im "Internat Solling“ in Holzminden, im Weserbergland.

(Bild: Ibrahim)

Mein erster Eindruck hier: Die deutschen Polizisten waren die ersten, die mich nicht herumgeschubst haben. Als ich in Deutschland angekommen bin, hat mir gleich ein Helfer gezeigt, wo ich frische Klamotten holen und wo ich den Arzt treffen konnte und wo ich mich anmelden musste. So viel Nettigkeit hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Ein gutes Bauchgefühl.

"Ich habe zum ersten Mal wieder das Gefühl, ein Mensch zu sein und kein störendes Etwas"
Ibrahim

Ich hatte vorher die Befürchtung, dass ich als Flüchtling hier nicht willkommen sei. Wie in Iran. Zuerst habe ich mich in Deutschland alleine gefühlt. Dann habe ich angfangen, Tagebuch zu schreiben, das hat mir geholfen. Spätestens, seitdem ich hier auf der Schule bin, sind Angst und Einsamkeit verschwunden. Alle Leute sind nett zu mir. Zwei Schüler haben mir zum Beispiel gezeigt, wann ich in welchem Raum Deutschunterricht habe.

In Deutschland habe ich wieder das Gefühl, Mensch zu sein und kein störendes Etwas.

Übersetzung und Protokoll: Hanna Gieffers

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