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Bild: Ibrahim

Gerechtigkeit

Ibrahims Flüchtlingstagebuch: Mein erster Geburtstag

24.02.2016, 09:50 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Der Afghane Ibrahim wird 18 – und rätselt, wie man das in Deutschland feiert. Teil zwei unserer Serie.

Am Samstag bin ich 18 geworden. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich meinen Geburtstag wenigstens ein bisschen gefeiert.

Mein schönstes Geschenk war streng genommen gar kein richtiges Geschenk. Am Sonntagabend hat mein Handy vibriert, mein Freund Amir hat mich über Facebook angerufen. Er kommt aus meinem Heimatdorf in Afghanistan, wir sind zusammen aufgewachsen.

Wer ist Ibrahim?

Ibrahim ist 18 Jahre alt, er kommt aus dem Dorf Daimerdad, das westlich der afghanischen Hauptstadt Kabul liegt. Um Lebensmittel für sich und seine Mutter einzukaufen, musste er zweimal im Monat durch ein Tal, das von den Taliban kontrolliert wurde. Er floh zuerst nach Pakistan, um von dort in den Iran einreisen zu können. Von der Türkei aus hat ihn ein Schlepper mit dem Boot nach Griechenland gebracht. Zu Fuß hat er die Balkanroute Richtung Österreich genommen. Seit Oktober ist er in Deutschland. Er lebt im "Internat Solling“ in Holzminden, im Weserbergland.

Ich lag im Bett und war kurz davor einzuschlafen. Als ich mein Handy ans Ohr gehalten habe, habe ich aber nicht Amir gehört, sondern meine Mutter. Amir hat sie tatsächlich in Afghanistan gefunden. Das werde ich ihm nie vergessen. Ich hatte zehn Monate keinen Kontakt zu ihr. Endlich weiß ich, dass es ihr gut geht. Es tat so gut, ihre Stimme zu hören.

Teil 1 des Flüchtlingstagebuchs:

Wir haben 20 Minuten geredet. Ich habe ihr erzählt, dass ich jetzt in Deutschland in einem Internat bin. Sie war so froh, dass ich lebe und in Sicherheit bin. Sie hatte Angst, dass mir auf meiner Reise und besonders in Iran etwas zugestoßen war. Mit brüchiger Stimme hat sie aber auch gesagt, dass sie mich vermisst. Sie hat verstecken wollen, dass sie weint. Ich kenne sie aber zu gut.

Karel (r.) ist einer von Ibrahims Freunden im Internat Solling in Holzminden. Sein Zimmer teilt sich Ibrahim mit Felipe (r. im Aufmacherfoto).

Karel (r.) ist einer von Ibrahims Freunden im Internat Solling in Holzminden. Sein Zimmer teilt sich Ibrahim mit Felipe (r. im Aufmacherfoto). (Bild: Ibrahim)

Über meinen Geburtstag haben wir gar nicht gesprochen. In Afghanistan ist das kein wichtiges Datum. Viele Leute in meinem Dorf wissen gar nicht, an welchem Tag sie geboren sind. In offiziellen Dokumenten wird oft nur das Geburtsjahr angegeben. Ich weiß, dass ich irgendwann im Februar 1998 geboren bin. Aber wann genau? Keine Ahnung. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich mir einfach einen Tag ausgesucht. Den 20. Februar fand ich sympathisch.

Jetzt bin ich also 18. Ich habe gehört, dass man in Deutschland ab dem Alter zu den Erwachsenen zählt. In Afghanistan hat das Alter gar keine besondere Bedeutung. Viel wichtiger ist für Jungen der 15. Geburtstag und für Mädchen der Neunte. Ab diesem Alter fangen sie richtig mit dem Beten an. Von da werden sie als volles Mitglied der Gesellschaft angesehen. Aber selbst an diesen wichtigen Tagen wird man nicht beschenkt.

Jeden Tag liest Ibrahim in seinem neuen Buch, dass er zum Geburtstag geschenkt bekommen hat.

Jeden Tag liest Ibrahim in seinem neuen Buch, dass er zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. (Bild: Ibrahim)

Zu meinem 18. Geburtstag habe ich ein einziges richtiges Geschenk bekommen. Meine Lehrerin, Frau Holtzmann, hat mir ein Buch über "Deutsch als Fremdsprache" geschenkt. Das fand ich so nett von ihr. Ansonsten wussten nicht viele, dass ich Geburtstag habe. Den ganzen Tag saß ich mit den Jungs aus dem Internat vor Videospielen. Mit Felipe, meinem Zimmerpartner, und mit meinem Kumpel Karel. Da ich bisher nie meinen Geburtstag gefeiert habe, habe ich eine große Party gar nicht vermisst.

Aber vielleicht ist das mit dem Geburtstagfeiern an einem bestimmten Tag gar nicht so schlecht. Wenn so schöne Dinge passieren, wie ein Anruf meiner Mutter.

Übersetzung und Protokoll: Hanna Gieffers

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