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Gerechtigkeit

"Hotmigrants": Auch Hipster müssen flüchten

17.03.2016, 13:50 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Dürfen Flüchtlinge nicht gut aussehen?

Der Account Hotmigrants wurde mittlerweile gelöscht.

Dieses Bild auf Instagram: Ein Mann mit Hipsterbart lächelt in die Kamera, #greatsmile steht daneben. Seine Frisur sitzt, Brusthaare ragen aus dem Ausschnitt heraus. Im Hintergrund stehen Zelte und Flüchtlinge. "Handsome fella at the border crossing between Greece and Macedonia", steht in der Bildunterschrift.

Anfang vergangener Woche wurde das Foto auf dem Instagram-Account @Hotmigrants als erstes Bild hochgeladen. Seither sind mehr als 30 neue Bilder hinzugekommen, 3500 Follower hat der Account bereits. "Hot Migrants" – "sexy Migranten" – ist nicht etwa ein Pornokanal. Vielmehr ein Instagram-Account, der Bilder der Flucht ironisch brechen will.

Alle Fotos zeigen: schöne Männer auf der Flucht.

Flucht, das geht doch immer mit schrecklichen Fotos, mit Entbehrungen und Elend einher. Oder? Diese Fotos landen zumindest auf den Titelseiten der Zeitungen: Hagere Araber stehen an Stachelzäunen und sehen verzweifelt aus. Sie sitzen in viel zu kleinen Booten, später zusammengepfercht in Zügen und Bussen, die sie möglichst unauffällig an der reisenden Wohlstandsgesellschaft Europas vorbeikarren sollen.

Adrette Frisuren, Smartphones und Marken-Rücksäcke – was für uns in Europa selbstverständlich ist, sprechen viele Menschen Flüchtlingen bewusst oder unterbewusst ab - weil sie nicht dem Klischee eines Menschen auf der Flucht entsprechen. Viele sehen darin einen "Luxus", der Flüchtlingen nicht zustehe.

Dieses Foto wurde vor drei Tagen gepostet. Der Mann trägt eine rote Jacke und einen perfekt gestutzten Bart. “Der junge Santa” wie "Hotmigrants" schreibt, wurde an einer Zugstation gesichtet, als die Grenzen nicht geschlossen waren. Vertaggt ist das Foto mit dem hashtag #Beardlife. Normalerweise findet man unter #Beardlife Models mit Tattoos und Manbuns – keine Flüchtlinge.

Die Fotos stammen von YouTube-Videos, sagt der Betreiber von "Hotmigrants" bento. Wer er ist, verrät er nicht, er wolle lieber anonym bleiben. Nur so viel: Seine Eltern und Großeltern stammen selbst aus einer Konfliktregion im Nahen Osten, er lebt in Washington D.C.

Viele kritisieren den Account als oberflächlich, er spiele mit dem Elend von Flüchtlingen. Kommentare unter den Posts reichen von "Fuck off und hör' auf, sie auszuspionieren" bis zu "Dieser Account ist einfach nur widerlich!" Der Betreiber selbst sagt, er könne die Aufregung nicht ganz verstehen.

Wie passt das zusammen?

Was auf "Hotmigrants" passiert, kann man makaber nennen. Man kann es aber auch als eine humorvolle Antwort auf die Flut von Bildern verstehen, die uns seit Monaten erreicht. Und die tendenziell ein eher negatives Bild von Migration zeichnen. Diese Fotos vermitteln hauptsächlich: Migranten sind arm und ungebildet.

Doch auch das ist eine Wahrheit: Nicht jeder, der flüchtet, ist automatisch mittellos. Oder hässlich.

Nach Europa kommt nicht der eine Flüchtling, sondern Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Aus Syrien fliehen sowohl ehemalige Viehhirten aus Ostsyrien mitsamt ihrer Großfamilie, als auch Architekturstudenten aus Damaskus.

Doch Flucht ist nicht nur teuer, sondern auch gefährlich. Deshalb fliehen – aus Syrien – häufiger die wohlhabenden, urbanen Menschen aus dem infrastrukturell besser angebundenen Westen. Der Osten hingegen ist eine schlecht angebundene Wüstenregion – und fast komplett unter Kontrolle der Terrormiliz "Islamischer Staat".

Fotostrecke

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Viele Geflüchtete werden auf ihrem Weg nach Europa nicht nur ihrer Existenz, sondern auch ihrer Individualität beraubt. Hier in Deutschland, Österreich oder Italien sind sie plötzlich "die Anderen", die vorerst von "unseren" Subkulturen ausgeschlossen bleiben. Die guten Klamotten haben eben nicht mit in den Fluchtrucksack gepasst. "Hotmigrants" will dieses schiefe Bild zurechtrücken.

In Großstädten wie Damaskus oder Aleppo hatten vor allem auch die Geflüchteten aus der Ober- und Mittelschicht ihre eigenen Communitys. Zwar sind diese kaum mit In-Viertel in Wien oder Hamburg vergleichbar – der angesagte Stil orientiert sich aber auch dort an den Vorbildern westlicher Regionen. An den Posen, Klamotten und Frisuren: In den Frisörsalons des Nahen Ostens hängen Fotos von Lionel Messi oder Ronaldo.

Frauen zeigt "Hotmigrants" bislang keine. Die meisten seien kamerascheu und würden sich in den richtigen Momenten von der Kamera abwenden, sagt der Betreiber. Dennoch will er um einen anderen Blick auf Flüchtlinge werben: "Nicht jeder Moment auf der Flucht ist schrecklich. Es gibt Momente, in denen man das Elend vergessen kann." Einige Instagram-Nutzer warfen ihm vor, eigentlich nur hübsche Männerbilder für die gay community zu sammeln. "Nicht wirklich", meint er.

Es bleibt fragtlich, inwiefern es hilfreich ist, die politisch ohnehin vorbelastete Gruppe der Flüchtlinge zusätzlich zu objektifizieren. Auch könnten sich durch diese Fotos jene bestätigt fühlen, die schon jetzt gegen Flüchtlinge hetzen. Die glauben, dass Flüchtlinge freiwillig ihre Heimat verlassen. Zudem könnten die Bilder Neid hervorrufen.

Der "Hotmigrants"-Betreiber versucht, mit Humor zu antworten.

Der Slogan seines Accounts lautet: "Handsome men on their journey to Europe. Their countries might be falling apart but their sex appeal still goes strong". Das sei eigentlich augenzwinkernd gemeint. "Aber vielleicht mögen Menschen auch einfach keine Scherze über ernste Themen", sagt er.

Wie findet ihr die Idee, die zu @Hotmigrants führte?

Der Account Hotmigrants wurde mittlerweile gelöscht.

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