Bild: dpa/Oren Ziv

06.07.2018, 18:28

"Und die Österreicher trinken in Ruhe Tee"

Deutschland wird künftig restriktiver mit Flüchtlingen umgehen, die zuvor in einem anderen EU-Land Asyl beantragt haben – so will es die Bundesregierung. Am Montag hatten sich erst CDU und CSU auf einen Kompromiss geeinigt, der Asylbewerber an der deutsch-österreichischen Grenze künftig in "Transitzentren" festsetzt (bento). In der Nacht zum Freitag wurden in einer Einigung mit der SPD daraus "Transferzonen", außerdem sollen Asylverfahren künftig beschleunigt werden (bento).

Kurz zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel auch eine Verschärfung der europäischen Asylpolitik erwirkt – "geschlossene Lager" inklusive (bento).

Unklar ist bislang, wie sich diese Maßnahmen genau umsetzen lassen – und ob Flüchtlinge nicht trotzdem Wege finden, Schutz zu suchen.

Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, findet sie in sozialen Netzwerken. Dort gibt es speziell auf Facebook Dutzende Gruppen, auf denen sich Flüchtlinge auf Arabisch Tipps geben und Links zu Infoseiten anbieten. Es gibt sie für viele Länder und in vielen Variationen.

Innerhalb der Gemeinschaft geht es aber immer um dasselbe: Deutschtests, die Übersetzung komplizierter Behördensprache, die ganz alltäglichen Probleme – zum Beispiel, welches der beiden Daten auf einer Eierpackung den Ablauf kennzeichnet.

Seit einigen Tagen geht es aber vor allem auch um eins: die Grenzpläne von CDU und CSU.

In den Gruppen wird über den Asylstreit diskutiert – fernab der öffentlichen Debatten einflussreicher Figuren. Hier, auf Facebook, unterhalten sich die, die von den Folgen der Pläne wohl am meisten betroffen sein werden. In zum Teil geschlossenen Gemeinschaften sprechen sie über ihre Ängste, ihr Unverständnis. Und sie machen Scherze.

bento hat sich in mehreren Gruppen umgeschaut – darunter in der mit mehr als 232.000 Mitgliedern größten ("Syrisches Haus in Deutschland").

Wie nehmen diejenigen den Streit wahr, um die es bei diesem Streit geht?

Unter dem Hashtag "Transitzentrum" fragt diese Facebook-Seite ihre Nutzerinnen und Nutzer: "Wird die deutsche Einigung Realität?"

Gemeint ist der Kompromiss zwischen CDU und CSU:

(Bild: Screenshot: bento)

Unter diesem Post schreibt dazu ein Nutzer:

Europa und der Westen plündern Afrika und nun schotten sie sich auch noch ab.

Ein anderer hält dagegen, es dürfe nicht für jeden Schutz gewährt werden, der stehe nur echten Kriegsflüchtlingen zu. "Wir wären ohne diesen erdrückenden Krieg nicht gekommen", schreibt er. Europa sei nun nicht gezwungen, jedem "Auswanderer" zu helfen.

Es geht jetzt in den Kommentaren auch um den jüngsten EU-Gipfel. Jemand postet einen Link zu den Einigungen.

Die meisten Schutzsuchenden versuchen derzeit, von Afrika aus über das Mittelmeer zu kommen. Die EU will deswegen bereits in nordafrikanischen Staaten "Sammellager" einrichten, in denen über Asylanträge von Flüchtlingen entschieden wird. Außerdem sollen "Anlandeplattformen" in Nordafrika eingerichtet werden; also Zonen, in die schiffbrüchige Flüchtlinge zurückgebracht werden können.

Ein Nutzer argumentiert, die von der EU gedachten Lager in Nordafrika seien für viele doch sicher immer noch besser als ihr altes Leben.

Die Idee dieser Facebook-Gruppen ist immer: eine Plattform für Flüchtlinge schaffen.

Die Uno-Flüchtlingshilfe bewertet die Gruppen deshalb als positiv: Flüchtlinge könnten sich darin gegenseitig helfen. Schaut man in Gruppen deutscher Flüchtlinge, ist Hilfe zur Selbsthilfe tatsächlich der Kern vieler Diskussionen.

Nutzerinnen und Nutzer geben sich Tipps fürs Deutschlernen, aber natürlich wird auch die aktuelle Stimmung im Land besprochen. Bei vielen Kommentaren scheint durch: Wer in Deutschland ist, fühlt sich längst als Teil der deutschen Gesellschaft. Die Grenzprobleme betreffen die Flüchtlinge, die schon hier sind, nicht mehr.

Dass die Asylpolitik eine größere Stimmung beschreibt, wird kaum thematisiert. Eher geht es um Detailfragen. Und die bleiben dann oft unbeantwortet. Denn angesichts der aktuellen Debatte – und dem Tempo, in dem sich die Asylregeln ändern – bleiben viele ratlos und ängstlich zurück. Oder sie reagieren zynisch.

"Früher glaubten die Menschen an Gott, heute sind Flüchtlinge ihre Religion", schreibt einer – und lädt dazu ein Bild der AfD-Bundestagsfraktion hoch. Dieser feine Sarkasmus ist eine arabische Spezialität, daheim in autokratischen Regimen war es oft die einzige Chancen, Herrscher zu kritisieren.

Ein anderer Leser kommentiert zu den Asylplänen der deutschen Politiker:

Während sich noch alle die Köpfe zerbrechen, trinken die Österreicher einen Tee und verschärfen ihre Grenzkontrollen.

Generell werde die aktuelle Asylpolitik vor allem mit Witzen begleitet, sagt Khaled, ein Migrant aus Tunesien, zu bento. Er studiert in Berlin und ist in mehreren Facebook-Gruppen Mitglied und engagiert sich auch selbst mit Links.

Mit Freunden beobachte er die Entwicklung bei WhatsApp und auf Facebook – aber echte Diskussionen gebe es kaum: "Es gibt viel Unzufriedenheit, aber eine Ernsthaftigkeit kommt nicht auf".

Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Flüchtlinge angesichts der aktuellen Debatte längst resiginiert haben.

Ein Flüchtling namens Roj schildert den Fall, dass er seit drei Jahren in Österreich lebt – seine Ehefrau aber in Deutschland registriert wurde. Nun ist er verunsichert, ob er künftig noch einreisen darf. Die einstimmigen Antworten: "Abwarten".

Noch am vergangenen Sonntag wurde in einer Gruppe erst die Nachricht von Seehofers Rücktrittsankündigung geteilt, "Zehufer" transkribierte ein Nutzer den Namen des CSU-Chefs. Dazu lud er ein Foto von Seehofer hoch und schrieb, dass er zurücktreten wolle:

Am Anfang teilten Nutzerinnen noch Lachsmileys und Comics in den Kommentaren darunter. Auf einem Bild stürzt Seehofer von einem Hochhaus, Merkel guckt aus dem Fenster, hält einen Sack hin und ruft "Nimm bitte den Müll mit".

Bald war klar, dass die Meldung nicht mehr stimmt. Die ersten kommentierten, dass es wohl doch anders komme. Ein Nutzer namens Melhem fasste die Diskussion schließlich zusammen:

Wir werden wohl niemals aufhören, auf Wanderschaft zu bleiben.

Haha

Neymar fällt und die Belgier machen daraus ein Trinkspiel

06.07.2018, 17:28

"Bottoms up when Neymar falls."

Brasiliens Star-Fußballspieler Neymar könnte der große Star der Weltmeisterschaft werden – wäre da nicht eine Kleinigkeit: Sein theatralisches Hinfallen und das noch theatralischere Rollen auf dem Rasen während des Spiels. Damit wurde er auf Twitter sogar schon zum Meme. (bento)