Bild: Reuters / Dado Ruvic

Gerechtigkeit

Flüchtlinge oder Geflüchtete? Was unsere Sprache anrichtet

20.10.2015, 08:36 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Ströme, Massen, Krise: Wie wir über Menschen reden, die vor dem Krieg fliehen, macht Angst. Eine Sprachwissenschaftlerin erklärt, welche Begriffe besser passen.
Frau Tereick, wir lesen derzeit viel von Flüchtlingsströmen (FAZ), die es einzudämmen gilt, von einer Flüchtlingskrise ( BILD) undFlüchtlingsmassen (Tagesschau). Diese Formulierungen machen Angst, mancher fühlt sich bedroht. Woran liegt das?

Wenn man von Geflüchteten als "Fluten" spricht, erzeugt man ein Bild von einem Innen und einem Außen. Das "Innere" der Gesellschaft wirkt bedroht. Außerdem ruft die Metapher weitere Assoziationen auf, wie jene vom “Dammbruch" oder "Ertrinken". In der Linguistik spricht man von Kollektivsymbolen, dazu gehören auch Sätze wie: "Das Boot ist voll" oder "Wir müssen die Notbremse ziehen“. Sie stellen die Gesellschaft als Schiff oder Eisenbahn dar, und sie entindividualisieren die Geflüchteten: Man sieht nicht mehr den Einzelnen, sondern nur noch die "bedrohliche Masse“.


Viele empfinden die Endung "-ling" als entmenschlichend.

Sind Begriffe wie Geflüchtete oder Heimatvertriebene besser?

"Geflüchtete" wird verwendet, um die Endung "-ling" zu vermeiden. Viele empfinden sie als entmenschlichend und sagen ihnen eine Nähe zu Wörtern wie Schädling nach. Als nächstes komme dann die Schädlingsbekämpfung. 2009 war "Flüchtlingsbekämpfung“ Kandidat für das "Unwort des Jahres“ (Welt). "Geflüchtete" gilt deswegen tatsächlich als angemessener, es fokussiert auf den Prozess und die Erfahrung der Flucht.

Das Wort "Heimatvertriebene" hat eine sehr spezifische Bedeutung. Wer es verwendet, zieht einen Vergleich zu den Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem damaligen deutschen Ostgebieten vertrieben wurden. Von Konservativen wird dies als Provokation empfunden. Die Verwendung des Ausdrucks ist also eine politische Stellungnahme, die oft auch daran erinnern soll, dass in den 1950er Jahren mehrere Millionen Geflüchtete erfolgreich integriert wurden.


#Refugeeswelcome wird auch in Deutschland genutzt. Hilft es, den Begriff "Flüchtling" aus dem Englischen zu übernehmen, um die negative Konnotation herauszufiltern?

"Refugee" und "Flüchtling" sind neben alltagssprachlichen auch juristische Begriffe: Der Refugee-Status kann einem Menschen zu- oder aberkannt werden kann. Mit solchen Ausdrücken ist viel Macht verbunden.


Inwiefern beeinflusst die Sprache, wie wir den Geflüchteten begegnen?

Die Wirkung der sprachlichen und bildlichen Darstellungen in den Medien ist groß. Dafür gibt es viele Beispiele. Zuletzt haben wir dies an den Bildern des verstorbenen Aylan gesehen (FAZ). Umgekehrt nehmen die Medien aber auch Stimmungen auf. Es ist zum Beispiel überaus bemerkenswert, dass etwa die "Bild"-Zeitung fast von einem Tag auf den anderen von einer negativen zu einer positiven Berichterstattung wechselte (BR.de).

Jana Tereik

Jana Tereik wurde 1984 in Duisburg geboren und studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Heidelberg. Anschließend verbrachte sie ein Jahr als Visiting Research Fellow am King’s College London. Nach der Promotion an der Universität Hamburg am Institut für Germanistik arbeitet sie seit 2014 als Sprachwissenschaftlerin an der Universität Vechta. 

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