Bild: Lucas Wahl

Gerechtigkeit

Humans of Hamburger Hauptbahnhof

01.10.2015, 10:20 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Seit Wochen kommen Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof an. Mehr als hundert Menschen warten dort, um zu helfen.

Katrina

“Im Mai habe ich meinen Rucksack gepackt und bin in die Türkei, nach Gaziantep an der syrischen Grenze. Man nennt den Ort auch das ‘Tor zum Islamischen Staat’. Ich konnte einfach nicht wegschauen. Dort habe ich eine syrische Familie kennengelernt, die mich in ihr kleines Zimmer eingeladen hat. Ihr letztes Geld haben sie an dem Tag für mein Essen ausgegeben.

Mittlerweile haben sie ihre Flucht fortgesetzt: Erst mit dem Boot nach Griechenland, dann zu Fuß weiter. Auf dem langen Weg ist die Tante verdurstet. Als sie mir aus Ungarn geschrieben haben, habe ich fünf Stunden lang geweint. Sie hatten kein Geld mehr. Von Hamburg aus konnte ich nichts machen.

Vor zwei Wochen sind sie in Deutschland angekommen. Bald besuche ich die Familie in Bonn – wenn sie dann noch da sind.

Die Flüchtlinge, die hier in Hamburg ankommen, haben niemanden, keine Kontaktperson. Sie müssen wenigstens Essen bekommen und ein Platz zum Schlafen."


Ibrahim

“Mit dem Flugzeug über Beirut nach Barcelona, dann mit dem Auto nach Dortmund und Hamburg. So bin ich aus meiner Heimatstadt Lettakia in Syrien nach Deutschland gekommen. Für mich war das der einzige Weg nach Europa.

Vor zehn Monaten habe ich mein Abitur in Syrien gemacht und habe beschlossen wegzugehen. Durch den Krieg kann ich dort nicht studieren. Mein Traum ist es, hier Journalist zu werden und Filmkritiken zu schreiben. Aber erst muss ich noch besser Deutsch lernen – irgendwann werde ich die Sprache perfekt sprechen. Immer wenn ich im Bus oder in der Bahn bin, spreche ich einfach mit Leuten.

Viele Flüchtlinge hier haben kein Geld und können kein Englisch. Denen möchte ich helfen. Einmal habe ich zwei Mädchen dabei geholfen, Geld für die Busfahrt nach Österreich zu sammeln. Nach zwei oder drei Stunden hatte ich es zusammen, und sie konnten zu ihren Familien. Ich war genau wie die.”


Elif

“Meine ganze Freizeit verbringe ich hier am Bahnhof, um zu helfen. Manchmal komme ich schon morgens um 5 Uhr vor der Arbeit hierher. Bald habe ich vier Tage frei. Da werde ich rund um die Uhr hier sein, um die Schlafplätze zu koordinieren.

Mein Glaube bringt mich dazu, hier zu helfen. Ich bin Muslima und im Islam sind alle Menschen gleich gestellt. Egal, wo sie herkommen. Ich kann nicht zu Hause sitzen, wenn ich weiß, dass ich hier gebraucht werde.

Viele Menschen beschweren sich, dass Flüchtlinge iPhones und Nike-Schuhe haben. Aber wer sagt, dass Kriegsflüchtlinge arme Menschen sind? Ich habe schon Ärzten geholfen, Anwälten und Doktoren.

Vor kurzem war ein drei Wochen alter Säugling hier, der in Deutschland das erste Mal warme Milch bekommen hat. Wer offen ist und nachfragt, sieht, wie es hier wirklich ist. Aber ich darf das alles nicht zu nah an mich heranlassen. Ich muss funktionieren – wie eine Maschine.”


Mina

“Bevor ich zum ersten Mal am Hauptbahnhof mitgeholfen habe, hatte ich keine Ahnung, was diese Menschen durchgemacht haben. Die Nachrichten sind voll von Flüchtlingen, und trotzdem weiß man nichts. Seit zwei Wochen komme ich fast jeden Tag hierher. Morgens Schule, nachmittags und abends helfen.

Wir erleben viele besondere Momente. Einmal sollte ich zwei syrische Familien zu ihrer Unterkunft bringen. Sie saßen draußen vor dem Hauptbahnhof, es war eisig kalt. Man hat Verzweiflung in ihren Gesichtern gesehen, Müdigkeit – und dass sie einfach nicht mehr konnten.

Ich bin mit ihnen zu einem Pfadfinder-Heim gefahren. Als wir dort ankamen und sie bemerkt haben, dass es eine Dusche gibt, eine Toilette, eine Küche mit Essen und mehrere Schlafräume – da war die Verzweiflung weg. Sie haben gelacht. Das hat auch mich glücklich gemacht.

Es gibt viele Leute, die uns Helfer ansprechen und fragen, warum wir das machen. Das macht mich aggressiv. Ich versuche dann immer, die Situation zu erklären. Wie gut wir es haben, und wie scheiße es denen geht. Und dass diese Menschen doch auch nur eine Chance haben wollen. So wie wir.”


Waled

“Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien – genau wie ich. Sie sind wie eine Familie für mich. Als ich nach Deutschland kam, ging es mir genauso wie ihnen jetzt. Ursprünglich stamme ich aus Syrien. Später habe ich mit meiner Familie sieben Jahre in Libyen gelebt. Von dort sind wir vor dem Bürgerkrieg geflohen.

Meine Aufgabe hier ist es, die Leute abzuholen und für andere Helfer zu übersetzen. Sobald ein Zug kommt, renne ich zum Gleis und begleite die Flüchtlinge zu unserem Sammelpunkt in der Bahnhofshalle.

Vom deutschen Staat wünsche ich mir, dass die Flüchtlinge nicht im Zelt schlafen müssen. Wir haben hier viele Familien mit kleinen Kindern, die können im Winter nicht in einem Zelt übernachten. Schon ein paar Wohnwagen wären toll.

Jeden Tag bin ich rund 15 Stunden am Bahnhof. Am Wochenende schlafe ich sogar hier – entweder im Schauspielhaus oder in einer Moschee gleich um die Ecke. Helfen ist besser als Nichtstun.”


Lina

“Mir ist eine kleine Familie besonders in Erinnerung geblieben. In ihrer Heimat hatten sie schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, deshalb hatten sie zuerst große Angst. Aber als sie Essen bekamen, waren sie so glücklich. Die strahlenden Augen der Tochter werde ich nicht mehr vergessen.

Ich helfe seit zweieinhalb Wochen mit. Das Team ist großartig. Die Menschen strahlen trotz der anstrengenden Arbeit immer Freude aus. Wir sind eine riesige Familie. Der Zusammenhalt hilft mir, dran zu bleiben.

Jeder wusste, wo er anpacken sollte. Mich beeindruckt vor allem die Freude und Kraft, die alle in die Arbeit stecken; das muss man miterlebt haben. Es ist ein tolles Gefühl, wenn jemand ‘Danke’ sagt. Aber die Arbeit hier kostet auch Kraft.”


Rona

“Wenn ich hier helfe, werde ich überhaupt nicht müde. In den vergangenen drei Tagen habe ich jeweils nur ein bis zwei Stunden in meinem Auto geschlafen. Ein Hotel zu nehmen, lohnt sich nicht. Als ich dann einmal nach Hause gefahren bin, habe ich 24 Stunden am Stück geschlafen. Es ist total verrückt. Normalerweise brauche ich neun oder zehn Stunden Schlaf pro Tag.

Ich bin seit zwei Wochen in Deutschland. Eigentlich bin ich mit sieben Bekannten hergekommen, aber die sind schon längst wieder zurück nach Dänemark. Ich bleibe noch. Weil ich Afghanisch spreche, arbeite ich hier vor allem als Übersetzerin.

Viele, die hier ankommen, haben Angst. Vor allem Mütter mit kleinen Kindern. Sie weinen oft, das überträgt sich auf die Kinder. Ich versuche dann, Witze zu machen, und schenke ihnen Luftballons aus Einweghandschuhen: Das bringt sie zum Lachen.”


Jalo

“Mein Vater ist in Auschwitz geboren und hat dort seine Familie verloren. Wir sind Sinti. Das Thema Flucht ist Teil meiner Geschichte. Für mich ist die Hilfe hier eine Herzensangelegenheit.

Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Reza, einem zwölfjährigen Afghanen, der aus dem Iran hierher geflohen ist. Er war mit seinem besten Freund auf der Flucht, aber den hat er auf dem Weg verloren.

Ich habe ihn durchs Dolmetschen kennengelernt. Ursprünglich wollte er in die Schweiz, aber das ist fast unmöglich. Ich bin schnell zu seiner Bezugsperson geworden. Inzwischen habe ich die Vormundschaft für ihn beantragt.

Bis jetzt hat Reza zwei Nächte bei mir geschlafen, um sich zu erholen. Sonst wohnt er in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Hamburg habe ich ihm schon gezeigt. Ich habe ihm gesagt, es sei seine neue Heimat.”