Bild: Eliane F.

Gerechtigkeit

Wie ein Arzt aus Frankfurt in Ägyptens härtestem Folterknast landete

12.01.2016, 09:52 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

#FreeAhmedSaid

Wenn du im Aqrab-Gefängnis landet, so erzählt man sich in Ägypten, ist dein Leben so gut wie vorbei. Al-Aqrab – zu Deutsch "der Skorpion" – gilt als schrecklichster Folterknast des Landes: 320 Zellen im Wüstensand südlich der ägyptischen Hauptstadt Kairo, keine einzige mit Tageslicht. Oppositionspolitiker und Wirtschaftsgrößen, Journalisten und Studenten werden hier eingesperrt, viele ohne Urteil oder gar Anklage.

Überlebende berichten von Folter mit Stöcken, Kabeln oder mit Stromstößen, Vergewaltigungen seien an der Tagesordnung. Die meisten Gefangenen müssten in dürren Hemdchen in nass-kalten Zellen ausharren. Bis zu 20.000 Inhaftierte würden sich die Räume teilen, mehr als 2000 sollen seit Anfang der Neunziger schon gestorben sein.

Das Gefängnis war bereits zu Zeiten des Diktators Mubarak und seiner Militärregierung berüchtigt. Mubarak wurde 2011 gestürzt, demokratische Wahlen versprachen einen Wandel. Bis das alte Regime wieder die Macht übernahm. Der jetzige Diktator Abdel Fattah al-Sisi nutzt das Gefängnis wieder verstärkt: Oppositionelle kommen ins Gefängnis. Genaue Zahlen gibt es nicht, Beobachter sprechen von rund 300 Toten in den vergangenen beiden Jahren. Der nationale Menschenrechtsrat beklagt zudem eine Auslastung aller ägyptischen Gefängnissen zu 160 Prozent.

Aus dem Familienbesuch in Ägypten wurde ein Alptraum

All das muss man wissen, um sich vorzustellen, wie sich Ahmed Said derzeit fühlen muss. Der 33-jährige Ägypter sitzt seit Ende vergangenen Jahres im Aqrab-Gefängnis, verurteilt zu zwei Jahren Haft wegen der Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration. Das Regime geht mit aller Härte gegen seine Kritiker vor, lässt sie in Gefängnissen verschwinden – und spielt dabei noch Rechtsstaat.

Eigentlich war Ahmed nur auf Besuch in Ägypten – denn seine Wahlheimat ist seit einigen Jahren Deutschland. Hier verliebte er sich in Eliane. Eliane, 28, kommt aus Berlin und bangt nun um das Leben ihres Freundes. Seit 2015 sind sie verlobt, ihre gemeinsame Zukunft wollten sie sich in Deutschland aufbauen. Zur Hochzeitsvorbereitung gingen beide nach Ägypten, seitdem ist nichts mehr wie zuvor.

bento hat mit Eliane gesprochen, die in Ägypten bei Ahmeds Familie ausharrt.

Alle Angaben stützen sich auf die Angaben von Familie und Freunden von Ahmed. Wir konnten das nicht unabhängig prüfen, klingt aber plausibel.

Ahmed wurde vor knapp zwei Monaten, am 19. November 2015, nachmittags in einem Café im Kairoer Zentrum verhaftet. Er hatte am Vormittag an einer Gedenkveranstaltung für Opfer des Regimes teilgenommen, erinnert sich Eliane, die mit seiner Schwester unterwegs war. "Wir haben ihn dann irgendwann nicht mehr erreichen können. Da wussten wir schon, dass was nicht stimmt."

Karikatur des ägyptischen Künstlers Andeel: "Hör zu ... falls du zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühlt bekommst, deine Menschenrechte werden verletzt, dann sag einfach Bescheid."

Mitten in der Nacht wird klar: Ahmed wurde festgenommen

Erst um vier Uhr morgens entdeckt die Familie Ahmeds Namen auf einer Liste von Inhaftierten an einer Polizeistation. Später erfährt sie, dass er stundenlang von Mitarbeitern des Geheimdienstes verhört wurde. Einen Anwalt durfte er zunächst nicht informieren.

"Ich habe in den ersten Tagen kaum gegessen oder geschlafen."
Eliane

"Freunde sind gekommen und haben mir Essen gebracht", sagt Eliane. "Aber ich saß nur an Laptop und Handy und habe auf Neuigkeiten gewartet." Neben Ahmed wurden am gleichen Tag noch zwölf weitere Teilnehmer der Gedenkveranstaltung festgenommen. Die Untersuchungshaft wurde für alle immer wieder verlängert.

Am 13. Dezember, nach drei Wochen, wurden sie einem Richter vorgeführt. Der Prozess wird eilig abgehakt: Die Anwälte dürfen Plädoyers halten, die Anklagten selber werden nicht befragt. Nach nur zwei Stunden verhängt der Richter eine zweijährige Haftstrafe für Ahmed. Ende Dezember wird er grundlos in das berüchtigte Aqrab-Gefängnis verlagert. Mittlerweile werden deutsche Politiker auf den Fall aufmerksam, der Bundestag äußert sich ebenfalls.

Aktivisten haben eine im Dezember gestartete Tourismuskampagne aus Ägypten mit Szenen von Polizeigewalt umgeschnitten: statt #thisisegypt zeigen sie #this_is_the_real_egypt.

Weil beide nur verlobt sind, durfte Eliane ihren Freund weder im Gefängnis noch vor Gericht sehen. "Wir hatten uns 2013 auf einer Demo in Frankfurt kennengelernt", erzählt sie. Ahmed hatte als Gastarzt am Universitätsklinikum gearbeitet und hoffte auf eine Facharztausbildung.

Neuigkeiten dringen nur selten aus dem Knast

"Es war ein bisschen kompliziert", sagt Eliane: Ahmed musste 2014 wieder nach Ägypten, die Distanz machte beiden zu schaffen. Schließlich kann er nach Deutschland zurück, Eliane bekommt ein halbes Jahr später ein Stipendium für Kairo, dort will sie Arabisch lernen und seine Familie kennenlernen. Ein Freund veröffentlicht die Liebesgeschichte der beiden auf Facebook. Nun lebt Eliane bei Ahmeds Familie und bangt mit ihnen, Neuigkeiten erfahren sie über Anwälte.

​Was passierte in Ägypten seit dem Arabischen Frühling?

Als Anfang 2011 der Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Menschen euphorisch. In der ersten freien Wahl des Landes kürten sie 2012 den Muslimbruder Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten. Dieser verteilte Posten jedoch vor allem an Unterstützer der Bruderschaft – das Volk fürchtete eine schleichende Islamisierung. Im Sommer 2013 gingen wieder Tausende auf die Straße, angeführt von einer aus der Armee finanzierten Protestgruppe. Der General Abdel Fattah al-Sisi stürzte schließlich Mursi und ließ sich 2014 selbst zum Präsidenten wählen. Ägypten, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.

Wie herrscht Sisi seitdem?

Zum Machterhalt geht Sisi mit aller Härte vor, Justiz und Polizei arbeiten Hand in Hand. Rund 41.000 Menschen wurden laut Menschenrechtsaktivisten allein bis Mitte 2014 inhaftiert. Seither gibt es keine verlässlichen Zahlen mehr. Mehr als 1000 Menschen kamen bei Niederschlagungen von Protesten gegen Sisi um, die Muslimbrüder werden im Land als Terroristen geächtet. Hunderte wurden in eiligen Willkürprozessen zum Tode verurteilt. Ein Antidemonstrationsgesetz verbietet seit Ende 2014 jeden Protest.

Seit Sisi im Sommer vergangenen Jahres bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und später beim britischen Premier David Cameron zur Audienz durfte, hat er die Zügel daheim noch einmal drastisch angezogen. Ein Antiterrorgesetz bestraft Journalisten, die abweichend von der Staatsmeinung berichten. Viele studentische Protestgruppen von 2011 wurden als staatsfeindlich eingestuft. Kinder und Jugendliche verschwinden spurlos (Bericht der "Arab Organisation for Human Rights in UK" als PDF); Studenten, Oppositionspolitiker und Journalisten werden gefoltert und umgebracht (Daily News Egypt). Selbst für das Posten einer Sisi-Karikatur mit Mickey-Maus-Ohren folgen langjährige Haftstrafen (Deutschlandradio).

"Zwei Dinge waren besonders hart", sagt Eliane. Ahmed sei mehrmals gefoltert worden und er habe sich freiwillig in Hungerstreik begeben. "Wir waren vollkommen desorientiert nach diesen Neuigkeiten." Ihm seien die Augen verbunden worden, dann sei er geschlagen worden. Außerdem habe man Ahmed mit Elektroschocks und brennenden Zigaretten traktiert. "Du weißt nicht, was wirklich hinter den Gefängnismauern geschieht und malst dir schließlich alles Mögliche aus."

Elektroschocks, Brandmale und überfüllte Zellen

Familienangehörige dürfen Ahmed einmal am Tag für eine halbe Minute sehen. Die Zelle müsse er sich mit 15 Insassen teilen, berichtet er. "Es ist so eng, dass sich keiner richtig hinsetzen kann, schlafen müssen sie aufeinander oder abwechselnd", sagt Eliane. Im Gefängnis würden Kakerlaken herumflitzen, bereits im Treppenhaus rieche es nach Kot. Essen gebe es auch keines – die Familie bringt Ahmed daher immer etwas mit.

Ein erster Berufungsprozess zur zweijährigen Haftstrafe war für Ende Dezember angesetzt, wurde dann jedoch auf den 13. Januar verschoben. Die Anträge einiger Mitangeklagter waren noch nicht geklärt. "Es ist reine Willkür ohne Regeln", sagt Eliane über das ägyptische Justizsystem. Ihr bleibe nur noch Hoffnung – "aber ich finde, dass Hoffnung gefährlich ist. Ahmed und ich haben uns darauf geeinigt, dass wir vom Schlimmsten ausgehen."

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