Bild: Christina Kufer

Gerechtigkeit

Diese Schule bringt Flüchtlingen etwas ganz Besonderes bei

23.04.2016, 09:00 · Aktualisiert: 23.04.2016, 17:55

Akram Alfakwheeri kam zu Fuß über die Balkanroute nach Deutschland – er will hier lernen.

Der Duft von schwerem Männerparfüm hängt über dem Klassenzimmer mit den DDR-Einbauschränken und dem Linoleumboden. Eine kleine Gruppe sitzt zusammen. Nerdbrillen, Karohemden und ziemlich viele Sneaker. Arabisch mischt sich mit Englisch, Deutsch und Programmiercodes. "Using turbolinks 2.5.3" oder "ubuntu@ReDi-49" steht auf den Bildschirmen. Mittendrin sitzt Akram Alfakwheeri, graues Hemd, Man-Bun.

Der 25-Jährige ist einer von 40 Studenten an der ReDi School of Digital Integration, einer Programmierschule für Flüchtlinge in Berlin. Seit Februar bringen Ehrenamtliche hier Syrern, Afghanen oder Eritreern die Programmiersprache Ruby bei. Nur Laptop-Spenden allein reichen eben nicht, sagt die Gründerin der Schule, Anne Kjaer Richert. "Wir wollen den Flüchtlingen beibringen, ihre eigenen Lösungen zu programmieren."

Eine ganz besondere Lernsituation: So geht es den Flüchtlingen an der Berliner Programmierschule – die Fotostrecke:

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Nicht ganz so easy war der Weg, den Akram hinter sich hat. Er studierte in Damaskus Informatik, als der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach. 2012 wurde seine Fakultät von Assads Armee angegriffen, Kommilitonen wurden verhaftet und gefoltert. Der Campus lag außerhalb der Stadt, Checkpoint um Checkpoint wurde errichtet. Akram blieb wochenlang zu Hause, zu gefährlich war der Weg zur Uni. Als seine Mutter ein Visum für Kanada bekam, verließ auch er das Land, ging mit 300 US-Dollar in der Tasche nach Istanbul.

Akram (rechts) lernt hier mit seinen neuen Kommilitonen.

Akram (rechts) lernt hier mit seinen neuen Kommilitonen. (Bild: Christina Kufer)

"Dort habe ich mich an allen Universitäten in der Umgebung für Informatik beworben", erzählt Akram. Überall wurde er abgelehnt. Er schlug sich mit Nachhilfestunden und als Call-Center-Agent durch, entwickelte schließlich eine Geschäftsidee: Er wollte türkische und arabische Händler über eine Plattform vernetzen.

Das verbinden Flüchtlinge mit Deutschland – die Fotostrecke:

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Doch er scheiterte und bewarb sich weiter für Visa, Studiengänge und Einwanderungsprogramme. "Teilweise habe ich sechs Bewerbungen pro Woche verschickt", sagt er. Dann der Glückstreffer: Er bekam die Zusage für ein Erasmus-Semester an einer griechischen Uni. Als er damit fertig war, machte er sich zu Fuß mithilfe von Schleusern über die Balkanroute auf nach Deutschland.

Zweimal wurde er von der ungarischen Grenzpolizei entdeckt und verbrachte mehrere Wochen im Gefängnis. Beim dritten Anlauf schaffte er es nach Deutschland. "Ich hatte nur die Klamotten, die ich am Körper getragen habe", erzählt er.

Seinen Computer hat ihm ein Freund später mitgebracht. "Die Reise wäre für einen Laptop viel zu gefährlich gewesen." Seit einem dreiviertel Jahr ist er jetzt in Deutschland, drei Jahre wird er auf jeden Fall bleiben dürfen. Zurzeit macht er vormittags ein Praktikum in einer Softwarefirma, nachmittags geht er zum Deutschunterricht und abends in die ReDi School.

Seit Anne Kjaer Richert 2015 gemeinsam mit Freunden die Programmierschule gegründet hat, haben schon viele ihrer Studenten eigene Ideen für Start-Ups entwickelt: Virtual Reality-Kommunikation beispielsweise, um mit den Verwandten in Aleppo in Kontakt zu bleiben. Oder ein Tracking-System, um sich als Flüchtling anzumelden.

Regelmäßig präsentieren die Studierenden ihre Ideen bei Unternehmen wie dem Autobauer VW und dem IT-Unternehmen Cisco. Neulich hat eine Gruppe die App "German Bureaucracy Game" vorgestellt, ein Spiel über den Registrierungsprozess beim Lageso, der zentralen Aufnahmestelle für Geflüchtete beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Um einen Job in Deutschland zu finden, genüge es aber nicht, nur ein guter Programmierer zu sein, sagt Anne. Man benötige "50 Prozent 'what you know' und 50 Prozent 'who you know'." Dieses Netzwerk soll die ReDi School sein – und die Idee scheint bisher ganz gut aufzugehen. Vor Kurzem war sogar Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu Besuch und hat Unterstützung versprochen.

Akrams Familie ist seit dem Krieg in Syrien weit über die Welt verstreut: Seine Mutter und einer seiner Schwestern in Kanada, sein Bruder in Schweden, die andere Schwester noch in Damaskus. Akram selbst lebt in einer WG im Berliner Stadtteil Wedding.

Seit er Ende 2015 dorthin gezogen ist, hat er kein Event in der Start-Up-Szene ausgelassen. Und die Begegnung mit Zuckerberg hat ihn angespornt: Gerade hat er sich bei einem europäischen Innovationswettbewerb beworben. Es ist zwar noch eine "Baby-Idee", wie er selbst sagt, geboren in der ReDi School. Aber er will es versuchen.

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