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Gerechtigkeit

Griechische Flüchtlingscamps: "Hier ist es schrecklicher als in einem Gefängnis"

08.11.2016, 10:02 · Aktualisiert: 17.03.2017, 18:11

Ein überfülltes Lager aus Matsch und Dreck ohne ausreichende Versorgung: Das griechische Flüchtlingscamp Idomeni war wochenlang in den Medien. Ganz Europa konnte mit eigenen Augen verfolgen, unter welchen Bedingungen Flüchtlinge dort leben mussten. Dann wurde das Camp geräumt und die Flüchtlinge verschwanden in staatlichen Lagern.

Seitdem sieht niemand mehr, wie es ihnen dort geht. Ich bin deshalb in den Norden Griechenlands und nach Lesbos gefahren, um zu erfahren, wie es den Menschen in den Camps geht. Allein auf den griechischen Inseln halten sich derzeit laut Behörden mindestens 15.000 Migranten auf, Platz in Lagern gibt es nur für die Hälfte.

Camp Softex, Thessaloniki

Das Lager Softex befindet sich unweit vom Zentrum der nordgriechischen Stadt Thessaloniki. In zwei Fabrikhallen und in Dutzenden Zelten sind hier rund 1300 Menschen untergebracht. Soldaten bewachen die Eingänge. In den Hallen ist es laut und stickig, auf den Plätzen davor staubig und karg.

Tim Lüddemann
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Auf einer selbst gebauten Holzpritsche sitzt Mohamed Reza. Der 47-jährige blickt mich skeptisch an. "Wir können über alles reden", sagt er. "Aber nicht über das Camp oder die Flucht. Das hat keinen Sinn", sagt er. Reza ist aus Syrien geflohen und seit mehr als einem halben Jahr in Griechenland. Er war in Idomeni, hat die Proteste, den Schlamm und den Medienhype dort mitbekommen. Dann die Räumung des Lagers und die Unterbringung in dieser Halle.

In dem Camp sollen sich Banden gebildet haben, es soll eine Vergewaltigung gegeben haben. Seitdem patrouilliert Polizei auf dem Gelände, die Stimmung bleibt angespannt. Das Essen ist eintönig, von einem selbst gebautem Falafelstand abgesehen. Egal in welches Camp ich weiterfahre, Softex wird als besonders schlechter Vergleich herangezogen.

Camp Moria, Lesbos

Aber es geht noch schlimmer: Auf der griechischen Insel Lesbos befindet sich das Camp Moria. Stacheldraht, Polizeibewachung, Kilometer weit vom nächsten Ort entfernt – schon optisch schreckt das Lager ab. Eigentlich für nur knapp 1000 Personen ausgelegt, beherbergt es mittlerweile mehr als 4000.

Vor den Toren von Moria treffe ich Sisiya Bande. Der 34-jährige ist aus Burkina Faso geflohen. "Hier in Moria ist es schrecklicher als in einem Gefängnis", sagt er. "Dort weisst du wenigstens, wann du wieder rauskommst." Im Camp gäbe es immer das gleiche Essen, oft sei es verdorben. "Viele müssen seit Monaten in Zelten und sogar auf dem Boden schlafen", sagt er. Die Atmosphäre im Camp ist aufgeheizt, die Wut unter den Flüchtlingen groß.

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Als ich das Lager besuche, wird die Wasserversorgung abgestellt – ohne Begründung. Die Menschen haben mehrere Tage keine Möglichkeit, sich oder ihre Kleidung zu waschen. Immer wieder kommt es zu Unruhen. Mitte September steckten Bewohner das Lager in Brand, vor ein paar Tagen erneut. Journalisten wird der Eintritt verwehrt, Fotos von drinnen gibt es kaum.

Camp Pipka, Lesbos

Ganz anders ist das Camp Pipka auf Lesbos. Pipka ist ein Lager für besonders schutzbedürftige Personen. Hier leben Frauen, Kinder, Menschen mit Traumata und anderen Verletzungen. Als ich das Camp Pipka betrete, fühle ich mich zuerst an ein Ferienressort an der Ostsee erinnert. Ein billiges Ferienressort zwar, aber es ist komplett anders als in Softex oder Moria. Kiefern stehen um einen Hof mit Bungalows. Kinder spielen auf einem Spielplatz, Erwachsene sitzen zusammen und erzählen.

Rund 100 Menschen leben in dem Camp. Der Bedarf sei zehn Mal so hoch, sagen die Helfer der Freiwilligenorganisation "Lesvos Solidarity".

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Ich treffe Nadia Abudije. Die 20-jährige Krankenschwester kommt aus Marokko und ist seit vier Monaten in Griechenland. Als eine der wenigen hat sie bereits jetzt Asyl bekommen, lebt aber weiter in dem Lager. "Ich bekomme kein Geld von der griechischen Regierung und Arbeit finde ich leider nicht", sagt sie. Im Camp gibt psychologische Betreuung, die Atmosphäre ist angenehm. Nadia Abudije kann ihren Alltag selbst organisieren. Deshalb ist sie noch hier, will aber nicht bleiben. "Lager bleibt Lager und das ist nie schön", sagt sie.

Ein ganz anderes Konzept verfolgt die "No border kitchen" auf Lesbos. Anarchisten haben in einer Bucht vor mehreren Monaten eine öffentliche Küche aufgemacht. Sie bieten den Flüchtlingen eine Alternative zu der eintönigen Verpflegung im Camp an. Freiwillige und Flüchtlinge kochen gemeinsam. Ali aus Syrien und Martin aus Deutschland sind zwei von ihnen. Als ich sie treffe, sind sie zuerst angespannt und skeptisch. Die "No border kitchen" mag Journalisten nicht.

Tim Lüddemann
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Fotos von den Kochzelten oder einzelnen Personen sind verboten. Dann tauen sie aber doch noch auf und erzählen mir von ihrem Projekt. Anders als in staatlichen Camps sollen sich hier Flüchtlinge und Helfer auf Augenhöhe begegnen. "Wir kochen und machen gemeinsam Politik, Freiwillige und Helfer", sagt Ali. Martin unterbricht ihn: "Nicht Freiwillige und Helfer, einfach Freunde."

Auch hier sind die Bedingungen einfach, die Ausstattung minimal. Aber ich habe das Gefühl, dass die Stimmung gelöster ist und die Menschen hier wirklich durchatmen können.

bento über Flüchtlinge und Helfer

bento berichtet aus Griechenland

Wo bleibt die Hilfe der EU?

Auf meiner Reise bekomme ich den Eindruck, dass Griechenland mit der Versorgung der Flüchtlinge überfordert ist. Nicht überall ist es so schlimm wie in Softex oder Moria, aber nur selten so gut wie in Pipka oder bei der "No Border Kitchen". Noch Monate später leben die Menschen in großen Hallen oder in Zelten unter einfachsten Bedingungen.

Die Zustände sind chaotisch. Dringend werden Beamte aus EU-Ländern benötigt, um bei den Asylverfahren zu helfen. Eigentlich hatten sich die Länder dazu verpflichtet, als Teil des Flüchtlingsdeals mit der Türkei wollten sie Experten nach Griechenland schicken. Doch die EU-Staaten fürchten um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und lassen Griechenland deshalb alleine.


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