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Bild: Goodgame Studios

Gerechtigkeit

Goodgame Studios schmeißt Schwerbehinderten raus

14.12.2015, 14:29 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Er wollte mit Kollegen einen Betriebsrat gründen.

In "Goodgame Empire" kann man sich wie ein kleiner König fühlen. In dem Online-Strategiespiel regiert man eine mittelalterliche Stadt, befiehlt seinen Untertanen, Rohstoffe zu sammeln und in den Krieg gegen andere Städte zu ziehen.

Mehr als 70 Millionen Menschen weltweit spielen "Empire". Der Erfolg seines Topsellers machte den Hamburger Entwickler Goodgame Studios (GGS) in wenigen Jahren zum größten deutschen Spieleunternehmen – und zu einem Aushängeschild der deutschen Digitalwirtschaft. 2009 im Keller der beiden Brüder Kai und Christian Wawrzinek gegründet, machte Goodgame fünf Jahre später bereits 202 Millionen Euro Umsatz und 35 Millionen Euro Gewinn.

Die Wawrzineks wurden mit Preisen überhäuft und von Politikern hofiert. Und sie haben weiterhin große Pläne: "Wir wollen bis 2020 eine der Top-Gamingfirmen der Welt werden", sagt Kai Wawrzinek. Bis dahin wollen die Hamburger zu Branchenriesen wie Activision Blizzard oder Electronic Arts aufschließen.

Glaubt man zahlreichen aktuellen und ehemaligen Goodgame-Mitarbeitern, hat der Erfolg eine hässliche Kehrseite. In ihren Schilderungen ähnelt die Führungskultur bei Goodgame der in den mittelalterlichen Königreichen, die die Firma so erfolgreich machten: Mitarbeiter werden mies bezahlt, mögliche Kritiker werden rabiat entfernt, die Gründung eines Betriebsrates behindert.

Die Zerquetschten sind wir.
Ehemaliger Goodgame-Mitarbeiter

28 Goodgame-Mitarbeiter, viele noch keine dreißig Jahre alt, sitzen an einem Montagmorgen in einem Seminarraum des DGB-Hauses in Hamburg. Bis zum 25. November waren sie Kollegen, im Marketing, als Entwickler, Game Writer oder Spieletester. Dann hat Goodgame alle von einem Tag auf den anderen rausgeworfen.

28 Leute aus Goodgames 1200-Leute-Belegschaft, an einem einzigen Tag. "1280 und ein paar Zerquetschte", sagt einer der Entlassenen. "Die Zerquetschten sind wir."

Die Szenen, die die Goodgame-Mitarbeiter vom Tag der Massenentlassung schildern, kennt man sonst nur aus Hollywood-Filmen über die rauen Methoden an der Wall Street: Manche hätten morgens an ihrem gesperrten Computer-Passwort gemerkt, dass etwas nicht stimmt und seien dann in einem Konferenzraum gebeten worden.

Nach einem sehr kurzen Entlassungsgespräch ohne Angabe von Gründen mussten sie unter Aufsicht ihren Schreibtisch leer räumen. Einige direkte Vorgesetzte hätten sich nach dem Rauswurf bei ihnen entschuldigt: "Die Entscheidung kam von ganz oben", habe einer gesagt. Vor dem Betriebsgelände hätten die anderen Gefeuerten schon gewartet.

Man kannte sich: Die meisten von ihnen hatten sich für einen Betriebsrat bei Goodgame eingesetzt. Im Mai hatten sie zum ersten Mal der Gewerkschaft Verdi geschrieben, um sich über das Procedere zu informieren.

Inzwischen hat Verdi die Vertretung der Gekündigten übernommen. Der Vorwurf der Gewerkschaft ist ernst: Die Behinderung einer Betriebsratswahl kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden.

Die Ex-Beschäftigten beklagen, dass das GGS-Management selbst für konstruktive Vorschläge taub ist: Drei von ihnen hätten schon im Sommer das Gespräch gesucht. Sie wollten die Kritik vortragen, wegen derer sie einen Betriebsrat forderten: die schlechte Bezahlung, der wenige Urlaub, die unnötige Bürokratie seit der Aufteilung des Unternehmens in autonome Entwicklerstudios Anfang des Jahres. Keine Woche später seien zwei von ihnen plötzlich versetzt worden. Auf eigenen Wunsch, sagt GGS.

Völliger Unsinn, sagt Verdi.

In einem Channel des Büro-Messengers Slack hätten sie dann diskutiert, wie sie die Wahl am besten angehen. Rund zwei Prozent der Goodgame-Mitarbeiter seien an dem Tag entlassen worden. Fast alle seien Mitglied in diesem Slack-Channel gewesen.

Die Wawrzinek-Brüder führen den größten Spielehersteller Deutschlands

Die Wawrzinek-Brüder führen den größten Spielehersteller Deutschlands (Bild: Goodgame Studios)

GGS erklärt, man habe von den Diskussionen über einen Betriebsrat erst nach dem 25. November erfahren. Wenn die Beschäftigten einen Betriebsrat wünschten, stehe man dem "selbstverständlich nicht im Wege". Als Grund für die Kündigungen nennt die Firma betriebliche Gründe, "unter Berücksichtigung von Leistungs- und Verhaltensdefiziten bei einzelnen Mitarbeitern".

Dieser Vorwurf macht die Gekündigten fassungslos. "Das ist eine kleine Branche, so etwas spricht sich rum", sagt eine. Außerdem sei der Grund vorgeschoben: Jeder der Entlassenen habe mindestens ein Jahr für Goodgame gearbeitet, viele haben bento gute und hervorragende Bewertungen ihres Arbeitgebers vorgelegt, teils wenige Monate alt.

Goodgame feuerte offenbar ohne Rücksicht auf Verluste: Einer der Entlassenen ist schwerbehindert mit dem höchstmöglichen Grad der Behinderung, heißt es von Verdi. In solchen Fällen muss das Unternehmen laut Gesetz alle Möglichkeiten prüfen, den Angestellten innerhalb des Unternehmens weiterzubeschäftigen.

Obwohl GGS weiterhin Stellen in seinem Bereich ausschreibt, trotz einer hervorragenden Bewertung in der jüngeren Vergangenheit wurde er sofort gekündigt. Auch in seinem Kündigungsschreiben nennt GGS keine Gründe.

Trotz dieser Erlebnisse erinnern sich viele Ex-Goodgamer auch jetzt noch an den Zusammenhalt in der Firma. Auf dem Campus im Stadtteil Bahrenfeld herrsche Uni-Atmosphäre, mit Pool, Freibier und Grillpartys. "Du arbeitest mit coolen Leuten in deinem Alter, ihr habt die gleichen Hobbies. Da blickst du über manches hinweg", erklärt einer, warum er so lange bei GGS blieb.

Hinter dem glänzenden Start-up-Image, das die Firma in Werbefilmen pflegt, sieht es oft eher schäbig aus. Selbst mit Hochschulabschluss verdienen viele Goodgamer gerade um die 2000 Euro brutto. Der Anfang 2014 eingeführte Mindestlohn brachte manchen Goodgamern spürbar mehr Geld.

Darüber reden sollen sie lieber nicht: Arbeitsverträge enthalten eine Verschwiegenheitsklausel, die es Angestellten verbietet, selbst mit ihren Kollegen über ihr Gehalt zu sprechen. Das Unternehmen bezeichnet das als "übliche Vertraulichkeitsregelung", arbeitsrechtlich ist eine solche Klausel fast immer unwirksam. Viele junge, unerfahrene Goodgamer hielten sich trotzdem daran, heißt es.

Der Urlaubsanspruch lag lange bei 24 Tagen, kaum höher als es das Gesetz erlaubt – zwischen Weihnachten und Silvester müssen zudem regelmäßig Urlaubstage genommen werden, so dass Goodgame-Mitarbeiter im laufenden Jahr nur 20 Urlaubstage zur freien Verfügung haben. Nach der Massenkündigung im November gewährte die Geschäftsführung einen weiteren Urlaubstag für jeden. "Vorher hieß es immer, dass das unmöglich ist", sagt eine Gekündigte.

Wenn ihr bei H&M Klamotten sortiert, habt ihr sechs Wochen Urlaub und bekommt 2280 Euro.
Verdi-Sprecher Björn Kruse

Verdi-Sprecher Björn Krings kritisiert die gutsherrliche Attitüde des GGS-Managements. Ohnehin sei das Zugeständnis ein Witz, sagt er den Gefeuerten im DGB-Haus: "Wenn ihr bei H&M Klamotten sortiert, habt ihr sechs Wochen Urlaub und bekommt 2280 Euro – plus Weihnachts- und Urlaubsgeld."

Die Mehrheit von ihnen sagt, sie wollten trotz allem ihren alten Arbeitsplatz zurück und klagen gegen die Kündigung. Auch das Goodgame-Management reagiert: Vergangenen Freitag, 16 Uhr, traten die Gründer vor die Belegschaft. Mit brüchiger Stimme habe Kai Wawrzinek der Gewerkschaft Verdi vorgeworfen, die Firma auseinandernehmen zu wollen, berichten Anwesende. Man solle gezwungen werden, eine Betriebsratswahl abzuhalten. Entweder ihr seid für uns oder gegen uns, das sei die Botschaft gewesen.

Hinter den Kulissen wird anscheinend weiter mit harten Bandagen gekämpft: Eine Einladung von Verdi zu einer Betriebsversammlung, bei der die Wahl eines Betriebsrates vorbereitet werden könnte, leitete die Firma nicht an ihre Angestellten weiter, weil die Einladung nicht auf Englisch vorliege.

Verdi sieht das als "Verzögerungstaktik". Die Versammlung wird nun voraussichtlich erst im kommenden Jahr abgehalten - dann ohne die kürzlich Gekündigten, deren Verträge zum 31. Dezember auslaufen.

Aufgeben wollen die trotzdem nicht: Noch in dieser Woche wollen sie zu einer eigenen Infoveranstaltung einladen, um ihren Kollegen ihre Sicht der Dinge schildern.

Der Aufstand im Goodgame-Empire geht weiter.

Wir bleiben dran. Hinweise, auch anonym, bitte an alexander.demling@bento.de – im Zweifelsfall nicht aus dem Firmennetz und nicht mit einer Firmen-Mailadresse.

Richtigstellung: In einer früheren Version hieß es, Goodgame gewähre mit 24 Tagen nur den gesetzlich erlaubten Mindesturlaub. Das ist falsch. Dieser liegt bei einer Fünftagewoche bei 20 Tagen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Wie nun im Text erwähnt, müssen nach Aussagen von Mitarbeitern aber die Tage zwischen den Weihnachtsfeiertagen und Silvester freigenommen werden, wodurch der für Mitarbeiter frei verfügbare Urlaub in diesem Jahr auf 20 Tage fällt.

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