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Gerechtigkeit

Wie Goodgame einen Betriebsrat sabotiert

22.12.2015, 17:47 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Kein Weihnachtsmärchen

Man nennt das wohl eine Einladung zum Shitstorm: "Christmas is the perfect time to share what we have and give our love to others in need", schrieb der Spielehersteller Goodgame Studios (GGS) zu einer Spendenaktion der Firma am 13. Dezember auf seiner Facebook-Seite.

Die Firma, die einen Monat vor Weihnachten 28 Mitarbeiter entlassen hatte. Diese sollen eine Betriebsratswahl vorbereitet haben. Unter ihnen auch ein Schwerbehinderter, wobei das Unternehmen offenbar gegen gesetzliche Vorschriften verstieß.

Die Ironie entging vielen Besuchern der Seite nicht: "Härtefonds für entlassene Mitarbeiter?", schlug einer vor, "spendet es doch Verdi", ein anderer. Die Gewerkschaft also, die viele der Gefeuerten bei ihrer Kündigungsschutzklage unterstützt. Die Gewerkschaft, die nach Aussage viele der Entlassenen helfen sollte, einen Betriebsrat in dem 1200-Leute-Unternehmen zu etablieren.

Jener schwerbehinderte Mitarbeiter, den das Unternehmen offenbar völlig überhastet vor die Tür gesetzt hat, hatte bereits im Mai Kontakt zu der Gewerkschaft aufgenommen. Das zeigt eine Mail, die bento vorliegt.

Christmas is the perfect time to share what we have and give our love to others in need. This Christmas, every Goodgamer...

Posted by Goodgame Studios on Samstag, 12. Dezember 2015


Das Image des mitarbeiterstärksten deutschen Computerspieleherstellers ist schwer angeschlagen. Bislang erschien der Entwickler von Onlinespielen wie "Goodgame Empire" als deutsches Vorzeige-Start-up: Profitabel und inhabergeführt statt sich mit Venture Capital vollzusaugen, um durch einen schnellen Börsengang dann vor allem seine Gründer zu bereichern.

Ein Anti-Rocket-Internet schienen die Gründer-Brüder Kai und Christian Wawrzinek aufgebaut zu haben - und das, obwohl Oliver Samwer und seine Brüder seit Jahren zu 15 Prozent an GGS beteiligt sind, als einzige externe Investoren.

Auch vom rauen Umgang mit Mitarbeitern in der Samwerschen Start-up-Fabrik (DER SPIEGEL) schien man sich absetzen zu wollen: "Wir wollen viel Innovation, viele andere Meinungen zulassen. Das ist unheimlich tief verankert in unserer Firma“, sagte GGS-Chef Kai Wawrzinek im August zu bento.

Noch immer ringt GGS darum, das Bild der netten Tech-Firma nicht völlig einstürzen zu lassen: In einem am Freitag veröffentlichten Blogpost streitet Goodgame erneut ab, dass die Entlassungen etwas mit der Forderung nach innerbetrieblicher Demokratie zu tun hatten. Dass die 28 Kündigungen an einem einzelnen Tag überhaupt etwas miteinander zu tun hatten.

Campus mit Pool: Mit diesen Fotos wirbt Goodgame Mitarbeiter

Campus mit Pool: Mit diesen Fotos wirbt Goodgame Mitarbeiter

Vielmehr seien "Abbau von Überkapazitäten, Fehlverhalten oder Leistungsdefizite" die jeweils individuellen Gründe, sich von den Mitarbeitern zu trennen. Rückblickend hätte man die Massenkündigung "anders handhaben" sollen, sagt GGS nun. Man habe aber jede Kündigung vorher "sehr sorgsam" überdacht.

Im Fall des Schwerbehinderten habe man allerdings "dessen Schwerbehinderteneigenschaft übersehen". Unter anderem wurde das Integrationsamt, das eine solchen Kündigung immer zustimmen muss, nicht informiert. Verdi kritisiert zudem, es sei nicht - wie vorgeschrieben - versucht worden, den Mitarbeiter an anderer Stelle im Unternehmen einzusetzen. GGS sagt nun, man versuche "den Fall einvernehmlich zu lösen".

Wir wollen viele andere Meinugen zulassen
Goodgame-Chef Kai Wawrzinek

Tatsächlich hat sich GGS vier Wochen nach der Kündigung einmal per Mail bei dem Mitarbeiter gemeldet, um in einem Gespräch "offene Punkte zu klären". Auf seine Bitte, diese offenen Punkte schriftlich zu schicken, hat GGS bisher nicht reagiert.

Man wolle den Fall nun "zielführend lösen", erklärt GGS auf Anfrage. Was das bedeutet? Vor wenigen Tagen hat die Firma seine Kündigung beim Integrationsamt beantragt.

Überkapazitäten? Fehlverhalten? Leistungsdefizite? Mehrere Entlassene erzählen, selbst ihre direkten Vorgesetzten hätten nichts von ihrer Entlassung gewusst – und seien schockiert gewesen. In einem Fall liegt bento eine entsprechende Facebook-Konversation vor.

Das Ringen um einen Betriebsrat geht derweil weiter: Am vergangenen Mittwoch luden die Entlassenen in ein Hotel direkt neben dem Goodgame-Campus in Hamburg-Bahrenfeld ein. 600 Einladungen hatten sie am Morgen vor den Betriebseingängen verteilt.

"Es herrscht ein Klima der Angst"
Eine Goodgame-Mitarbeiterin

Mitarbeiter erzählen, die Zettel seien in manchen Abteilungen wie regimekritische Flugblätter heimlich weitergereicht worden. "Es herrscht ein Klima der Angst", sagt eine.

Verwunderlich ist das nicht: Auf LinkedIn verspotten GGS-Mitarbeiter, darunter ein "Lead Payment Manager", den Aufruf ihrer demnächst arbeitslosen Kollegen und bezeichnen Betriebsräte als "old school blocker / politicaly driven instrument" (Rechtschreibfehler im Original). Offenbar ein Zitat.

Mehrere aktuelle Goodgame-Mitarbeiter beteuern, dass das Zitat aus Kai Wawrzineks Ansprache stammt, in der er Verdi vorgeworfen haben soll, GGS von außen zerstören zu wollen. GGS bestreitet das, die auf LinkedIn geäußerten Meinungen seien rein privat.

Ein "Tax Manager" von Goodgame macht sich über den Aufruf seiner Kollegen lustig

Ein "Tax Manager" von Goodgame macht sich über den Aufruf seiner Kollegen lustig

und wird von Kollegen unterstützt.

und wird von Kollegen unterstützt.

Die Betriebsratsgegner lästern nicht nur, sie kämpfen auch: Vergangenen Freitag, kurz nach 11 Uhr, verschickten die drei Diskutanten von LinkedIn mit weiteren GGS-Mitarbeitern eine Mail an ihre Kollegen. Bevor sie "our warmest season's greetings" wünschten, baten sie um offene Fragen der restlichen Goodgamer zum Betriebsrat.

Viel Zeit blieb denen nicht, ihre Fragen zu überlegen; am selben Tag noch verschickte das Rechtsabteilung von GGS ein Infoschreiben. Was die Autoren von einem Betriebsrat halten, wird stellenweise recht deutlich.

Am 19. Januar soll nun eine Betriebsversammlung stattfinden, bei der die Goodgame-Mitarbeiter die Wahl eines Betriebsrates einleiten können. Die Entlassenen dürfen daran, nach jetzigem Stand, nicht mehr teilnehmen. Ihre Verträge werden zum 31. Dezember gekündigt.


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