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21.02.2018, 17:05 · Aktualisiert: 21.03.2018, 13:11

Wir müssen reden.

Germany's next Topmodel ist eine Sendung, in der sehr, sehr dünne Frauen gerne Model werden wollen. In der Jury sitzen Heidi Klum und zwei andere, die irgendwas sind, Designer oder so. Das ist aber egal, weil die nur das Toast am Klum-Sandwich sind, in dem es um den Belag geht: Heidi Klum.

Das ist alles nicht neu, das kennen wir schon. Neu ist, dass jetzt auch junge Mädchen mitmachen dürfen, die von Jury, Konkurrentinnen und sich selber "curvy" genannt werden.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Und das ist ein Problem.

Sarah, die "curvy" Kandidatin, sieht aus wie eine völlig durchschnittliche, schlanke Frau. Natürlich ist sie ziemlich hübsch und natürlich ist absolut nichts an ihr auszusetzen. Ihr einziger angeblicher "Makel“: Man sieht ihre Knochen nicht überdeutlich. Das scheint für GNTM zu reichen, um sie zum "dicken Mädchen“ zu machen – denn genau so wird über sie gesprochen.

Es sei so "mutig" und "vorbildlich", dass solche "curvy" Girls auch am Start seien. Aber superstrong von ihr, immerhin hat sie ja "eine tolle Ausstrahlung" und Kleidergröße 38. So krass, sich am Strand zu zeigen: da muss man auch mal klatschen.

Die anderen "Mädchen" finden das auch: Toll, wie die Sarah das macht. Und toll, wie viel die über sich lernt. Sagt sie. Zum Beispiel, dass über sie gesprochen wird, als leide sie mit ihrem völlig durchschnittlichen Körper an einer Form der Behinderung, bei der GNTM aber zum Glück so "Diversity" ist, dass sie auch mitmachen darf zwischen den "richtigen" Models.

Und selbstbewusst soll sie mal sein, die Sarah, sagen die Mädchen auf die Art, wie man auch über Menschen redet, die einen offensichtlichen Makel haben, der sie rauswirft aus der warmen Suppe der Gleichförmigkeit.

"Normal“ sind offenbar Mädchen, die sehr, sehr dünn sind.

Das ganze Theater soll wirken, als würde man weg von diesem Magerwahn kommen, der Mädchen und Frauen erklärt, wie sie zu sein haben: Nämlich möglichst wenig. Am besten sind sie Luft und Knochen und straffe Haut. Das war bisher immer Konzept bei GNTM und das ändert eine Sarah erst recht nicht. Denn was hier ausgesagt wird, ist Folgendes:

"Normal“ sind offenbar Mädchen, die sehr, sehr dünn sind. Auch irgendwie normal sind Bodyshaming, Konkurrenz und Argwohn unter Frauen. Denn wenn all das nicht zutrifft, wenn die jungen Frauen nicht bedenklich dünn und bedenklich scheiße zueinander sind, dann ist das eine Ausnahme. Dann ist das "curvy" und "mutig" und "supercool von ihr".

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Eine Frau, die nicht extrem dünn ist, ist nicht curvy. Sie ist einfach eine Variation des menschlichen Körpers. So, wie es tausende andere Varianten und Körpertypen gibt. Sie ist nicht besonders – sie ist einfach nur individuell. So, wie jedes extrem dünne Mädchen auch.

Dass eine normalgewichtige Kandidatin, die weder besonders dünn noch besonders fett ist, als kurvig und mutig bezeichnet wird, führt auf keinen Fall dazu, dass Mädchen und Frauen, die nicht in das Schönheitsideal der Modebranche passen, sich als Variationen sehen, als natürliche Diversität der Natur – sondern als besonders auf eine Art, die nicht der Norm entspricht.

Nun mag man einwenden, dass es in dem Format ja sowieso um unnatürliche Körpermaße und die Modeindustrie geht. Wie verlogen das ist, erkennt man daran, dass Designer, Stylisten und Jury in den letzten Jahren immer wieder betonten, dass Models dünn sein müssen, weil sie sonst nicht in die Kleidung passen.

Plötzlich wird eben das nicht mal mehr erwähnt. Stattdessen wird ständig von "Diversity“ gequatscht, als sollten diese jungen Frauen in irgendeiner Weise tatsächlich divers sein und nicht die Kopie einer Kopie einer Kopie.

Natürlich könnte ja alles viel schlimmer sein, mag man denken, denn zum Glück ist das ja keine Show, die sich junge Frauen ansehen und zum Glück hat das keinen Einfluss auf ihre Körperwahrnehmung.

Oh, wait!

Zwischen zwei und drei Millionen Menschen schauen jede Woche das Format. GNTM ist keine Nische, nichts, das niemand mitkriegt. In Zeiten von #MeToo mag es anachronistisch und lächerlich sein – aber es findet immer noch genügend Zuschauer.

Dass genau die das Bild vermittelt bekommen, dass eine wie Sarah dick sei – das ist nicht nur traurig, sondern auch gefährlich. Es löst das Problem einer immer essgestörteren Gesellschaft nicht – es zementiert es.


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