Gerechtigkeit

Diese Frauen haben keinen Bock, Heidis "Meeeeedchen" zu sein

06.10.2017, 13:16 · Aktualisiert: 06.10.2017, 15:19

"#notheidisgirl – Denn Size zero macht dich nicht zum Superhero"

In einem halben Jahr ist es wieder soweit. Heidi Klums "Meeeeedchen" werden sich halbnackt von Fotografen ablichten lassen, sich gegenseitig anzicken, an Seilen in mehreren Metern Höhe turnen, ihren Körper mit Farbe beschmieren lassen – nur um Deutschlands neues Topmodel zu werden. Klum ist gerade mal wieder dabei, junge Frauen zu casten, denn im nächsten Jahr startet bereits die 13. Staffel "Germany's Next Topmodel"

Wenn es nach dem feministischen Kollektiv "Vulvarines" aus Mönchengladbach geht, dann wäre es am besten die letzte.

"Diese Sendung nährt sich von Selbstzweifeln verunsicherter Mädchen", sagt Lisa, 31. Sie hat zusammen mit Birte, 27, und weiteren "Vulvarines" den Hashtag #notheidisgirl ins Leben gerufen. Die Idee: Ein Foto posten, auf dem man ganz natürlich aussieht. Einen Grund dazu schreiben, warum man niemals Heidis Topmodel werden möchte und fünf weitere Frauen nominieren, die dem Beispiel folgen sollen.

Dutzende Bilder sind bereits zusammengekommen:

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Die Feministinnen wollen vor allem gegen falsche Schönheitsideale ankämpfen. "Nur wenn du im klassischen Sinne schön bist – dünn, reine Haut, sportlich – dann hast du einen Wert in der Gesellschaft. Diese Aussage steckt hinter GNTM, und das ist völlig falsch", sagt Lisa. "In der Sendung werden Frauen bewertet wie Objekte, das ist schlicht sexistisch."

Mit #notheidisgirl kapern die "Vulvarines" außerdem gerade den von GNTM initiierten Hashtag #ichbingntm2018, mit dem Klum eigentlich neue Kandidatinnen bei Instagram finden wollte (Bravo). Statt Laufsteg-Lächeln gibt es das zu sehen: Gesichter mit kleinen Fältchen, Frauen mit Pizza oder Burger in der Hand oder zutätowierte Körper. 

Nicht gerade die typische Heidi-Zielgruppe.

(Bild: Giphy)

Frauen und auch einige Männer halten dort Zettel in die Kamera, auf denen sie schreiben: "#notheidisgirl, weil das Bewerten von Körpern scheiße ist und nur ich entscheide, was für mich als schön gilt" oder "...,weil ich MICH und Burger zu sehr liebe" oder "...,weil feministischer Kampf von allen geführt werden muss."

An der Sendung kritisieren Lisa und Birte den Druck, der dort ausgeübt wird: 

Sie beschrieben die Szenen, in denen einzelne Teilnehmerinnen sich gegen eine Challenge wehren, sich vielleicht nicht ohne BH ablichten lassen wollen. "Einige sträuben sich zum Teil und zeigen deutlich, dass sie etwas nicht wollen. Doch bei GNTM wird trotzdem versucht, den Willen diese Frauen zu brechen", sagt Birte. 

Klum sage dann soetwas wie: "Du kommst nur eine Runde weiter, wenn du dich überwindest." Menschen, die unsicher und auf der Suche seien, bekämen da einen völlig falschen Weg aufgezeigt. 

"Wenn junge Frauen, diesem utopischen Schönheitsideal hinterher jagen, dann kann sie das körperlich und seelisch krank machen."
Lisa

Seit mehr als zehn Jahren ist Klum mit diesem Konzept erfolgreich. Warum jetzt erst diese deutliche Kritik? "Ja, wir hätten schon viel früher damit beginnen sollen, aber wir haben uns erst im Juni gegründet", sagt Lisa. "Birte und ich sind gute Freundinnen, wir saßen in unserem Lieblingscafé zusammen und dachten, wir müssen etwas gegen Sexismus und Patriarchate tun."

Die beiden suchten weitere Mitstreiterinnen – Mütter, Studentinnen, Arbeiterinnen, alle zwischen Mitte 20 bis Ende 30. Sie schlossen sich der Sozialistischen Jugend "Die Falken" im Kreisverband Mönchengladbach an und bilden dort nun die feministische Gruppe.

Das sind die "Vulvarines": 

(Bild: Privat)

"GNTM ist ein Thema, das uns gleichsam berührt, deshalb haben wir die Kampagne gestartet – unsere erste", sagt Birte. Dabei hatte niemand vorher richtig Erfahrung mit Social Media, diese meisten arbeiten in sozialen Berufen. Mit der großen Resonanz hätten sie nicht gerechnet. Innerhalb einer Woche hat ihr Account "Not Heidis Girl" bei Instagram bereits fast 1400 Follower.

Trotz all der Kritik: Jedes Jahr wieder bewerben sich Tausende Frauen, auch die Einschaltquoten sind mit im Schnitt fast zwei Millionen Zuschauern so hoch, dass kein Ende von GNTM in Sicht ist. Die Begeisterung für abstruse Challenges und Schönheitideale, die die Industrie vorgibt, scheinen also ungebrochen. 

Bei ProSieben sieht man die Kritik deshalb vielmehr als Lob. "Seit Jahren versuchen unterschiedliche Gruppen, sich über GNTM zu positionieren", sagt Kommunikationschef Christoph Körfer (heidklum.de). Das liege am großen Erfolg: "Mal ist es Nora Tschirner, die einen Film promotet. Jetzt sind es Feministinnen aus Mönchengladbach. Gerne werden dabei haltlose Vorwürfe erhoben." (Hier stellen wir den Film "Embrace" von Nora Tschirner vor)

Der Protest in diesem Jahr zeige vielmehr, dass die Faszination der Marke GNTM ungebrochen sei, so Körfer. Tschirner wehrte sich direkt bei Facebook. Bezeichnete die Aussagen als "Marginalisierung der Protestler".

Auch die "Vulvarines" lassen sich nicht aufhalten: "Natürlich übt die Sendung auf viele Mädchen einen Reiz aus. Viele sind nun mal so sozialisiert, dass sie nach Schönheit streben", sagt Lisa. "Uns geht es auch nicht darum, zu sagen, was Frauen tun und lassen sollen. Wir wollen niemanden an den Pranger stellen", sagt Lisa. Die Gruppe wolle schlicht Sensibilität schaffen – für GNTM und die gesamte Mode- und Werbeindustrie, die ja nach genau diesen oberflächlichen Prinzipien funktioniere.

Die Botschaft scheint anzukommen: Wer sich die Bilder von #notheidisgirl anschaut, blickt in viele lachende Gesichter – ohne viel Make-Up und gekünstelte Posen. 


Fühlen

Lukas war Sportler. Heute muss er jeden Tag kiffen – weil er die Schmerzen nicht ertragen kann

06.10.2017, 11:45 · Aktualisiert: 06.10.2017, 15:06

Von 27.000 Euro hätte sich Lukas* vielleicht einen Neuwagen oder einen Laptop gekauft. Vielleicht hätte er das Geld in eine größere Wohnung investiert, oder es als Rücklage angelegt. Stattdessen hat Lukas in den vergangenen fünf Jahren 27.000 Euro für Cannabis ausgegeben, 450 Euro jeden Monat. 

Lukas war Profi-Sportler, Turner, seit er acht Jahre alt war, hat er trainiert. Heute ist er 23 Jahre alt – und kifft jeden Tag.