Bild: Lina Ben Mhenni

Gerechtigkeit

Tunesische Bloggerin: "Uns ist die Sache entglitten"

14.01.2016, 09:45 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Lina Ben Mhenni, 32, war das junge Gesicht des Arabischen Frühlings in Tunesien.

Was die Revolution für mich bedeutet

Mit der Entmachtung des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali im Januar 2011 war ein Traum für mich wahr geworden. Die fünf Jahre danach sind wie ein Wimpernschlag vergangen – sie waren voller Emotionen, Ereignisse und Veränderungen. Die tunesische Bürgerbewegung ist für mich heute präsenter den je.

(Bild: Lina Ben Mhenni)

Wie ich mich engagiere

Angefangen hat alles damit, dass sich der Obstverkäufer Mohamed Bouazizi Ende 2010 angezündet hat. Danach habe ich keinen Moment gezögert, mich zu engagieren. Auf meinem Blog und in den sozialen Netzwerken habe ich beschrieben, was gerade in Tunesien passiert. In der Hauptstadt Tunis bin ich bei jeder Demonstration auf die Straße gegangen.

Probleme beim Namen zu nennen – das war nicht neu für mich. Seit 2007 blogge ich über das schwierige Leben in Tunesien und die Verbrechen der Diktatur. Diese harten Themen habe ich oft auf humoristische Art und im tunesischen Dialekt beschrieben. Als ich mit meinem Blog angefangen habe, hatte ich das Gefühl, relativ allein das politische System zu kritisieren. Nach einem Jahr habe ich Mitstreiter gefunden. Mittlerweile schreibe ich für zwei Blogs, davon einen mit dem Journalisten Sofiene Chourabi, der heute im Gefängnis sitzt.

Wer ist Lina Ben Mhenni?

Die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni hat mit ihrem Blog "A Tunisian Girl" während des arabischen Frühlings in den Jahren 2010 und 2011 weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Sie gilt als Stimme der jungen Tunesier. In ihrem Buch "Vernetzt euch!" beschreibt sie, wie mit Hilfe von Blogs und sozialen Netzwerken das diktatorische Regime Ben Alis zu Fall gebracht wurde.

Wie ich zensiert wurde

Ich selbst wurde für mein Engagement noch nicht ins Gefängnis gesteckt. Aber meine Blogs und auch mein Facebook-Profil wurden zensiert. Das Haus meiner Eltern, wo ich während des Arabischen Frühlings gewohnt habe, wurde von der Polizei durchsucht. Die Polizisten haben meine beiden Computer mitgenommen, meine Fotoapparate, Festplatten und den Schmuck meiner Mutter. Andere Blogger wurden verhaftet oder von der Polizei zusammengeschlagen.

Aber diese Einschüchterungsversuche haben uns nicht verstummen lassen. Andere Blogger und ich haben immer wieder gegen den Machtmissbrauch von Polizisten und Politikern protestiert. Wir werden auch in Zukunft gegen die Zensur kämpfen und uns für die Meinungsfreiheit einsetzen.

Unsere Revolution wurde von den Konservativen vereinnahmt.

Wie meine Freunde reagieren

Einige meiner Freunde haben mich bei Facebook gesperrt und sich von mir distanziert. Meine Nachbarn haben irgendwann aufgehört zu grüßen.

Nur meine Eltern haben sich nicht von mir abgewandt. Sie sind selbst seit langer Zeit politisch aktiv. Nachdem der Diktator Ben Ali geflohen ist, haben sie mir gestanden, dass sie mehrere Male eingeschüchtert worden waren wegen meines Engagements. Sie haben sich diese Erpressungs- und Einschüchterungsversuche aber nicht anmerken lassen.

(Bild: Lina Ben Mhenni)

Wie unsere Revolution vereinnahmt wurde

Mitte Januar ist Diktator Ben Ali geflohen, darüber habe ich mich sehr gefreut. Während einiger euphorischer Monate konnten wir unsere Freiheit ausleben. Wir haben von einem besseren Land geträumt, in dem jeder Bürger frei leben kann. Schnell haben wir jedoch gemerkt, dass dieser Zustand nur eine Illusion war.

Unsere Revolution wurde von Konservativen vereinnahmt. Uns ist die Sache entglitten. Anstatt an den Anfangszielen zu arbeiten, wurde um Identitäts- und Religionsfragen gestritten. Morde, Gewalt, Todesdrohungen und wirtschaftliche Probleme gehörten weiterhin zum Alltag. Wir mussten bis 2014 warten, bis wir durch Demonstrationen und den Prozess des nationalen Dialogs eine neue Verfassung bekommen haben.

Wie es jungen Tunesiern heute geht

Auch heute steigen noch viele junge Tunesier in Boote, um illegal über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Sie setzen ihr Leben auf Spiel. Für die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Andere können den verlockenden Angeboten der Dschihadisten nicht widerstehen und schließen sich Terroristen an.

8000 junge Leute verrotten in den Gefängnissen des Landes – für Bagatelldelikte. Viele junge Tunesier sind desillusioniert und versuchen einfach zu überleben. Sie haben Angst vor der Zukunft und sind verzweifelt. Einige versuchen weiterzukämpfen, die Zivilgesellschaft zu aktivieren und die Hoffnung nicht zu verlieren.

Warum Tunesien als Modell nicht taugt

Unser Land wird oft als Modell für die anderen Länder des Arabischen Frühlings genannt. Das ist eine große Fehleinschätzung. Der Terrorismus hat das Land zerfressen und seine Stabilität und Wirtschaft zerstört. Der Kampf gegen den Terrorismus heiligt alle Mittel des Polizeistaates, der versucht, sich neu zu positionieren. Auch heute werden in Tunesien noch Menschenrechte verletzt. Die Zahl der Folteropfer und der unaufgeklärten Toten ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die verschiedenen Regierungen nach Ben Ali folgen den alten Pfaden.

(Bild: Lina Ben Mhenni)

Warum wir auf die Zukunft hoffen

Fünf Jahre nach der Revolution hat sich nicht genug geändert. Wir mussten viele Niederlagen einstecken. Ich versuche trotzdem, die Hoffnung nicht zu verlieren und an eine bessere Zukunft zu glauben. Ich möchte weiterhin Menschen eine Stimme geben und mich für die Meinungsfreiheit einsetzen. Auch wenn ich dafür von Extremisten angefeindet werde. Und ja, ich glaube weiterhin an diese Revolution. Denn ich weiß, dass viele junge Tunesier ihre ganze Hoffnung in sie gelegt haben und es immer noch tun. Ich selbst hoffe, dass eines Tages mein Traum eines freien und demokratischen Tunesiens wahr wird.

Übersetzung: Hanna Gieffers

Der Arabische Frühling in Tunesien:

Tunesien hat als erstes Land am 14. Januar 2011 durch Massendemonstrationen den Autokraten Ben Ali aus dem Land geworfen. (SPIEGEL ONLINE)

Wie Dominosteine setzte sich diese Welle von Tunesien ausgehend in einigen arabischen Ländern fort. Wenige Wochen danach musste Husni Mubarak in Ägypten gehen, im August Libyens Tyrann Muammar Gadaffi. (SPIEGEL ONLINE)

Die Tunesier konnten nach dem Sturz Ben Alis frei wählen. Vor kurzem wurde das tunesische Quartett für den nationalen Dialog für ihre Arbeit zur Demokratisierung Tunesiens mit dem Friedensnobelpreis belohnt. Doch viele junge Tunesier, die 2011 auf den Straßen waren, sind heute frustriert. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit lähmen die junge Generation. ("Deutschlandradio Kultur")

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