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Gerechtigkeit

Warum Muslime in Köln gegen Terror demonstrieren

16.06.2017, 11:24 · Aktualisiert: 16.06.2017, 15:00

Was hat Islamismus überhaupt mit Islam zu tun? Wir haben Lamya Kaddor gefragt.

Im Islamismus steckt das Wort Islam. Und das ist ein Problem: Islamisten, allen voran die Anhänger des "Islamischen Staates" verüben Anschläge im Namen des Islam. Rechte sehen daher im Islam keine Religion, sondern eine Ideologie.

Und normale Muslime? Sie sind zwischen den Extremen gefangen.

Distanziert euch endlich vom Terror, fordern daher viele - und nicht nur aus der rechten Ecke.

Zuletzt hatte eine Wutrede von "Rock am Ring"-Chef Marek Lieberberg für Aufsehen gesorgt. Sein Festival war wegen Terrorverdacht unterbrochen worden, er wollte daher Muslime auf der Straße sehen, die der Gewalt abschwören (bento ).

Der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor war das alles zu viel. Gemeinsam mit dem Friedensaktivisten Tarek Mohamad hat sie daher eine Demonstration angemeldet. Motto: Nicht mit uns!

Sie scheint einen Nerv getroffen zu haben. Hunderte bekannte deutsche Muslime und Vereine haben den zugehörigen Aufruf unterzeichnet, zur Demo diesen Samstag werden Tausende erwartet.

Aber braucht es das überhaupt?

Warum sollen friedliche Muslime für die Taten von Extremisten geradestehen? Wir haben mit Lamya gesprochen - auch über die Sache mit Marek Lieberberg.

Lamya Kaddor

39, wurde als Kind syrischer Einwanderer in Deutschland geboren. Sie arbeitet als Islamwissenschaftlerin und bietet Islamunterricht an Schulen an. Ihr Motto: Muslimische Kinder müssen einen modernen und liberalen Islam kennenlernen!

Terroristen töten im Namen des Islam. Jetzt veranstaltest du gemeinsam mit dem Aktivisten Tarek Mohamad eine Demo gegen Gewalt. Müssen sich jetzt doch Muslime für die Taten Einzelner distanzieren?

Muslime müssen sich nicht distanzieren – aber sie müssen sich positionieren. Und genau das schreiben wir auch in unserem Aufruf: Wir wollen vor allem Muslime mobilisieren und sie bitten, sich noch schärfer und stärker gegen diese selbsternannten „Dschihadisten“ zu positionieren.

Auf welche Weise haben sie das denn bisher getan?

Es gibt nach jedem Terroranschlag auf dieser Welt Stellungnahmen von Gelehrten und muslimischen Persönlichkeiten, die die Gewalt verurteilen. Es gibt im arabischen Raum Konferenzen, auf denen sich Islamgelehrte austauschen – und aufzeigen, dass dieser Terror keine legitime theologische Begründung im Islam hat und auch noch nie hatte. 

Aber was es hierzulande bisher offenbar noch nicht ausreichend gab: Eine klare Botschaft der muslimischen Mehrheit an solche Menschen: Nicht mit uns! 

Wir ächten radikale Islamisten.

Warum gab es das bislang nicht?

Ich glaube, viele Muslime waren lange Zeit in einer Art Schockstarre. Solche furchtbaren Attentate hinterlassen ja bei uns auch Spuren – wir waren einfach wie gelähmt. Und nicht vergessen, die meisten Muslime sind nicht organisiert. Mich persönlich jedenfalls hat das Attentat in Manchester sehr stark mitgenommen. Ich bin ja selbst Mutter.

Bei dem Attentat hat sich ein mutmaßlicher IS-Anhänger vor einer Konzerthalle in die Luft gesprengt, das von viele Kindern und Jugendlichen besucht wurde.

Genau, ich habe die Berichterstattung danach live verfolgt. Und da wuchs der Gedanke in mir: Das hätte auch deine Kinder treffen können. Auch wenn es so etwas Grausames in Syrien oder anderswo immer wieder gibt, irgendwie war das der Moment, der sehr viel in mir ausgelöst hat – und ich dachte, jetzt reicht’s. Wir müssen was dagegen tun! Und dann kam Tarek Mohamad und die Idee wurde konkret. 

So trauerten Menschen auf Instagram und Twitter nach dem Anschlag in Manchester:

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Was sollen die Demos genau bringen?

Es muss uns Muslimen gelingen, den Diskurs an uns zu ziehen. Es sind entweder die Islamisten, die bestimmen wollen, wie unsere Religion zu funktionieren hat – oder die Islamhasser, die unseren Glauben als faschistoid darstellen wollen.

 Wir Muslime müssen aber sagen: Moment mal, wir bestimme jetzt den Diskurs! Diese Extremisten können uns doch nicht sagen, wie unsere Religion zu funktionieren hat. So wie viele Deutsche regelmäßig gegen Rechtsextremismus auf die Straße gehen – so sollten wir immer wieder mal zeigen, dass wir nichts mit Islamisten gemein haben.

 Aber trotzdem steckt das Wort Islam im Islamismus.

 Ja, der Islamismus ist Teil des Islams. Übrigens, den Begriff „Islamismus“ haben keine Muslime geprägt, das sollte man auch wissen. Aber ein Attentäter beruft sich nun mal auf den Koran. Er zieht sich Passagen oder irgendein historisches Ereignis von vor 1400 Jahren als Rechtfertigung seiner Taten heran. Und ob wir es es wollen oder nicht, dadurch werden wir in eine Verantwortung für unsere Religion gezogen. Und wenn wir nicht rechtzeitig bemerken, wenn einer von uns abdriftet, dann ist das auch eine muslimische Angelegenheit.

Ist es aber einmal passiert, müssen wir klar sagen: Jetzt hab ihr das Mitspracherecht in der Community verwirkt. Wer zum Extremisten wird, muss wissen, dass er von uns geächtet wird. Das ist die Hauptidee der Demo: Die Islamisten sollen merken, dass sie in uns keine Glaubensgeschwister haben. „#NichtMitUns“ halt. So lautet ja das Motto. Einen Neonazi lässt man auch spüren, dass er außerhalb der Gesellschaft steht.

Das bedeutet also, dass der Islam ein Problem hat?

Offenkundig. Aber! Es bedeutet viel eher, dass die Gesellschaft insgesamt ein Problem hat. Generell, wer sich Radikalen zuwendet, hat nicht als erstes Religion im Sinn. Die Auslöser für Radikalisierung finden sich in der Regel in der persönlich Biografie, in politischen und gesellschaftlichen Konflikten. 

Der 20-jährige Mehmet würde vielleicht auch zu den Neonazis gehen - kann es aber zumeist nicht, weil er braune Augen, schwarze Haare und ausländische Wurzeln hat. Die emotionalen Voraussetzungen, das Setting, dass einer abdriftet, schaffen wir alle gemeinsam. Wir müssen uns letztlich also auch alle gemeinsam fragen, was wir besser machen können.

Wie kann die muslimische Community verhindern, dass jemand in die Radikalität abdriftet?

Zum Beispiel indem sie mit uns Samstag demonstriert! Indem sie auf einander achtet. Aber nochmal, letztlich ist die gesamte Gesellschaft gefragt. Ein Jugendlicher denkt sich ja nicht: Hey, ich will in eine radikale Moschee gehen und dann ein paar Köpfe abschneiden. Er denkt sich: Hey, ich will irgendwo dazugehören, ich brauche Orientierung. Das ist das Problem, diese Sehnsucht nach Anerkennung und Zusammenhalt. Salafisten locken ihn genau damit. 

Und was macht das mit dem 20-jährigen Mehmet, wenn der “Rock am Ring”-Veranstalter Marek Lieberberg Muslime pauschal in die Verantwortung nimmt, weil sein Festival aufgrund von Terrorwarnungen unterbrochen wurde?

Im Zweifel zeigt es ihm, dass er hier nicht willkommen ist. Was Mark Lieberberg gesagt hat, war in dieser Pauschalisierung nicht in Ordnung und Wasser auf die Mühlen der Islamisten. Die können dann sagen: Seht ihr, für die Deutschen werden wir alle unter Generalverdacht gestellt. Du als Mehmet hast gar keine Chance, als Mensch wahrgenommen zu werden – also kannst du dich auch gleich uns anschließen. 

Die Demo am Samstag wirkt jetzt aber trotzdem wie ein Zugeständnis an Lieberberg.

 Ach Quatsch, die Demo hat damit gar nichts zu tun. Wie schon gesagt: Dieses Gefühl, dass es nötig ist, sich Islamisten laut und sichtbar entgegenzustellen, ist schon lange in mir und meinen Mitstreitern gereift. Manchester war dann der Punkt, an dem es zu viel wurde. Aber ich habe mit Marek Lieberberg inzwischen persönlich gesprochen. Er war emotional nach der Absage bei Rock am Ring. Das kann man doch verstehen. Und letztlich hat er unseren Demo-Aufruf ja auch unterzeichnet.  

"Nicht mit uns"

Die Demo findet am Samstag ab 13 Uhr am Heumarkt in Köln statt. Unter dem Motto "Nicht mit uns" haben Lamya und Tarek Muslime in ganz Deutschland dazu aufgerufen, gegen Gewalt zu demonstrieren - und sich ihre Religion nicht von Extremisten kapern zu lassen.

Stehen die muslimischen Verbände auch hinter der Demo?

Ja, aber nicht in Gänze. Der Zentralrat der Muslime mit seinem Chef Aiman Mazyek war sofort bereit, den Aufruf zu unterzeichnen. Der Liberal-Islamische Bund, den ich mitbegründet habe, war auch sofort dabei. Die Ahamadiyya ist dabei und andere. Die Türkische Gemeinde in Deutschland. Der Ditib-Vorstand, der größte Islamverband, hat sich in Gesprächen mit mir zunächst auch wohlwollend gezeigt. Generalsekretär Bekir Alboga hatte sogar schon öffentlich seine Sympathie bekundet. Dann kann am Mittwoch die Absage. Das bedaure ich sehr. Allerdings hat der Vorstand vor allem selbst eine große Chance vertan - und letztlich auch Wasser auf die Mühlen von Islamhassern geschüttet. Wir wenden uns daher jetzt mit unserem Aufruf an jeden einzelnen Anhänger der Ditib, selbst Verantwortung zu übernehmen. Und ich weiß auch, dass viele Ditib-Anhänger ungeachtet des Vorstandsbeschlusses privat zum Heumarkt um 13 Uhr kommen wollen. 

So fasten junge Muslime im Ramadan:

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Ist das ein Problem, dass es nicht die eine muslimische Stimme in Deutschland gibt? 

Es sollte in dieser Frage kein Problem sein. Über alle Meinungsunterschiede hinweg sollten die deutschen Muslime und die Verbände hier an einem Strang ziehen. 

Was Rechtspopulisten ja oft bemängeln, ist, dass sich Muslime nicht zum Grundgesetz bekennen. Hätte das in eurem Aufruf stehen sollen?

So ein Vorwurf ist absurd. Wer in Deutschland an einem Samstag auf einer angemeldeten Demo mitläuft, der signalisiert ja schon, dass er diesen Rechtsstaat verstanden hat – und dass er von seinem im Grundgesetz verankerten Recht gebrauch macht.

Rechtspopulisten suchen immer das Haar in der Suppe, und im Zweifelsfall werfen sie es selber rein. Aber diese Demo will zeigen, dass sich Muslime von Terror und Gewalt abgrenzen – und hat ein derart breites Bündnis an Unterstützern in derart kürzester Zeit aufgestellt, das ich niemals zu hoffen gewagt hatte. Demokratischer geht es gar nicht mehr.


Was denkst du eigentlich, wenn dir ein Salafist gegenübersteht?

Ich versuche immer, auf jeden freundlich zuzugehen. Aber ich würde ihm dennoch klar machen, dass seine Weltsicht wenig mit meiner zu tun hat.

Wer mir indes mit extremen Ansichten begegnet, hat meine volle Verachtung.

Und ich bete, dass ihm nicht das Paradies in Aussicht gestellt wird.

Bist du wütend, dass er deine Religion in den Schmutz zieht?

Natürlich macht mich das wütend. Ich werde ja mit ihm gleichgesetzt – ich bin Muslima, er nennt sich auch Muslim. Und andere nutzt das dann, um mich mit ihm in einen Topf zu werfen. Das frustriert.

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