Bild: EPA/Ian Langsdon

Gerechtigkeit

"Nuit Debout": Warum junge Franzosen jede Nacht protestieren gehen

14.04.2016, 18:37 · Aktualisiert: 15.04.2016, 10:37

Eine neue Occupy-Bewegung entsteht.

Die Bewegung Nuit Debout ("Nachts wach") ist aus den Protesten gegen ein neues Arbeitsgesetz entstanden. Doch was mit Demonstrationen tagsüber begann, wurde schnell zu einem allnächtlichen Sit-In. Seit mittlerweile zwei Wochen diskutieren Hunderte von jungen Franzosen am Place de la République im Zentrum von Paris über ein neues Gesellschaftsmodell. Jeden Abend. Stundenlang. Jeder kann das Wort ergreifen – das Prinzip der Bewegung ist, dass keiner das Sagen hat.

Schon längst geht es bei den Diskussionen nicht mehr nur um das Arbeitsgesetz: Die Teilnehmer von Nuit Debout lehnen sich gegen eine Regierung auf, von der sie sich nicht verstanden fühlen. Und gegen eine Gesellschaft, in der es längst nicht mehr um das Wohlergehen des Einzelnen gehe.

Nuit Debout erinnert mit seiner losen Organisation an die verschiedenen 2011 gestarteten Protest-Bewegungen, sei es Occupy Wall Street in New York, die Besetzung des Tahrir-Platzes in Kairo oder die spanische Indignados-Bewegung. Soweit wie seine Vorbilder hat es Nuit Debout noch nicht gebracht – aber die Teilnehmer hoffen natürlich, dass sich die Bewegung ausbreitet.

Fotostrecke: Worum geht es bei "Nuit Debout"?

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Das sagen junge Teilnehmer über Nuit Debout:

Alys Marchi (links), 30, Schlangenfrau im Zirkus & Camille, 34, Schauspielerin

Wir haben uns heute Abend bei Nuit Debout verabredet, denn wir haben keine Lust mehr. Man zwingt uns immer irgendwelche Gesetze auf, ohne uns nach unserer Meinung zu fragen – wir leben in einer modernen Diktatur. Eigentlich bestimmt die Finanzwelt doch alles.

Wir waren auch bei dem großen Marsch für die Republik nach den Terrorattacken auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo auf der Straße. Da waren allein in Paris zwei Millionen Menschen zusammengekommen, um zu zeigen, dass Frankreich eine Einheit ist. Genau diese Solidarität sollten wir nutzen, um die Dinge voranzutreiben.

Wir müssen zum Beispiel unser Schulsystem reformieren: Den Franzosen wird von klein auf beigebracht, bloß nicht aus der Reihe zu tanzen. Dabei sollten wir uns eher am nordeuropäischen Modell orientieren, bei dem Kindern mehr Kreativität beigebracht wird.

(Bild: Lisa Louis)

Bérénice Bédouin, 17, Schülerin

Ich bin ein moderner Hippie und träume von einer besseren Welt. Unsere Gesellschaft ist zu sehr auf Materielles ausgerichtet, darauf, immer mehr zu verdienen. Dabei sollten wir uns mehr um unser inneres Wohlbefinden kümmern.

Ich mache seit einer Woche bei den nächtlichen Treffen von Nuit Debout mit. Die zeigen mir, dass es auch andere Menschen gibt, die sich nach einer Alternative zum aktuellen Lebensstil sehnen. Die auch finden, dass endlich etwas getan werden muss gegen die Veruntreuung von Geldern. Die Panama Papers sind da ja nur das jüngste Beispiel – wir müssen endlich aufwachen!

Wir dürfen nicht warten, bis die Welt Präsidenten hat wie Marine Le Pen vom rechtsextremen Front-National oder den Populisten Donald Trump in den USA.

(Bild: Lisa Louis)

Marc Haussaire, 32, Gründer

Ich hab die Nase gestrichen voll von der Regierung. Das jüngste Arbeitsgesetz ist wirklich nur die Kirsche auf dem Kuchen der Ungerechtigkeit. Ich habe einfach keine Lust mehr auf dieses System, in dem man systematisch alles für große Unternehmen tut, aber gleichzeitig die Bedürfnisse der Bürger ignoriert.

Ich verstehe ja, dass die globale Welt heute anders funktioniert – das Leben ist hart und geprägt von weltweiter Konkurrenz. Aber in einer solchen Welt können wir nur bestehen, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Und nicht, wenn die Regierung gegen uns Bürger arbeitet. Wir diskutieren hier in unseren Ausschüssen über Alternativen zur aktuellen Funktionsweise des Staates. Das Ziel ist es, irgendwann konkrete Gesetzesvorschläge zu machen.

(Bild: Lisa Louis)

Vanya Chokrollahi, 21, Filmemacher

Ich kümmere mich hier mit ein paar anderen Leuten um die "Cahiers de Doléances", die Beschwerdehefte unserer Bewegung. Jeder kann hier reinschreiben, was er denkt und wünscht. Wir tippen das dann nachher ab und drucken es aus. Denn wir wollen ja, dass von dieser Bewegung etwas für die Nachwelt bleibt.

Da sprechen sich zum Beispiel Menschen gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP aus oder auch gegen den Präsidenten François Hollande – sie wollen ihn absetzen. Manche setzen sich auch dafür ein, dass Flüchtlinge besser vor der Polizei geschützt werden.

Wo die Reise mit Nuit Debout hingehen wird, das weiß ich noch nicht so genau. Aber jetzt geht es erstmal darum, überhaupt die großen Fragen über das Leben und die Gesellschaft zu stellen. Denn nur gemeinsam können wir die Welt verändern – selbst, wenn das etwas länger dauert.

(Bild: Lisa Louis)

Mathilde Orgogozo, 26, Logopädin

Ich bin seit dem ersten Abend, seit dem 31. März, dabei. Für mich ist diese Bewegung eine echte Gelegenheit: Ich bin Neo-Marxistin und hoffe mit ganzem Herzen auf eine weltweite Revolution. Denn es scheint, auf friedliche Weise kann man die Welt einfach nicht ändern – die Strukturen sind zu festgefahren!

Auf meinem Schild steht "Ich bin Feministin – fragen Sie mich ruhig etwas". Denn ich finde die heutige Gesellschaft durch und durch sexistisch – und zwar auf oft subtile Weise. Ich nenne das wohlwollendes Patriarchat. Sexistische Rollenvorstellungen werden in nur scheinbar wohlwollenden Ratschlägen ausgedrückt, zum Beispiel, wenn man mir rät, nicht ohne männliche Begleitung zu Nuit Debout zu gehen.

Aber ich will, dass sich auch andere Dinge ändern: Ich arbeite seit drei Jahren als Logopädin und verdiene gerade mal 1500 Euro im Monat – und das bei fünf Jahren Ausbildung! Ich habe gar keine Zeit, mich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu kümmern, weil ich kaum über die Runden komme und immer arbeiten muss. Der einzige Ausweg ist da ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.

(Bild: Lisa Louis)

Simon, 31, Historiker

Wir müssen aufhören, uns nur über unseren Job und unsere Funktion zu definieren und endlich wieder menschlich werden. Natürlich haben wir als Menschen eine generelle Tendenz zu Hierarchie – das scheint vieles einfacher zu machen. Aber genau dem sollten wir uns entgegen setzen.

Bei uns hier gibt es keine Chefs und Untergebenen, jeder hat die gleichen Rechte. Frankreich als Staat sollte sich daran ein Beispiel nehmen, eine Vielzahl an kleinen Versammlungen sollte das Land regieren. So wie im 13. Jahrhundert, da haben auch Dorfgemeinschaften für sich entschieden. Ich halte den französischen Zentralstaat für nicht legitim.

Wenn Nuit Debout es schafft, ein solches Modell vorzuleben, wird das vielleicht dazu führen, dass andere Länder wie zum Beispiel Deutschland es kopieren.


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