Gerechtigkeit

Wie Airlines Druck auf Flugbegleiterinnen ausüben

27.09.2017, 10:16 · Aktualisiert: 27.09.2017, 11:28

Der Gang als Laufsteg: Zwischen Fertiggerichten und Handgepäckkoffern gehen sie mit zurückgestecktem Haar auf und ab. Flugbegleiterinnen gelten als die Schönen der Lüfte, als Sexsymbole.

Aber ist das nicht nur ein Klischee? Wie viel Arbeit steckt hinter der Fassade, die viele Fluglinien aufrechterhalten? Wie zufrieden sind die Mitarbeiterinnen mit ihren Arbeitsbedingungen?

Der Rechtsstreit zwischen einer Flugbegleiterin und ihrem Arbeitgeber, der russischen Aeroflot, zeigt es: Sie hatte der Fluglinie vorgeworfen, mit einer Schlankheitsklausel zu dicke und zu große Frauen von bestimmten Flügen auszuschließen – und den Prozess gewonnen.

Die Airline aber rechtfertigte sich; gut sitzende Kleidung gehöre zum Image des Unternehmens, und Kunden würden eben auch für gutes Aussehen zahlen (SPIEGEL ONLINE).

Der Prozess macht sichtbar, dass Fluglinien in der Kabine noch immer auf ein traditionelles Frauenbild setzen – auf schlanke Stewardessen in passgenauen Kostümen mit akkuratem Make-up. Was aber geschieht, wenn die Uniformierten menschlich sind – wenn Füße schmerzen, der Lidstrich verrutscht oder ein Pickel sprießt?

Wir haben Flugbegleiterinnen gefragt: Geht es bei euch zu sehr ums Aussehen? Fühlt ihr euch in der Kabine wohl?

Martha, 28, fliegt Kurz- und Langstrecke für Swiss

"Mittlerweile sehe ich in der Kabine pieke aus. Das war nicht immer so: Als ich noch neu war, sagten Kollegen mir oft, dass ich etwas schluderig wirke.

Ich bin privat sehr natürlich, schminke mich kaum. Bei Swiss ist es Pflicht, Make-up und Lippenstift zu tragen.

Einmal bekam ich Ärger, als ich einen Nude-Ton auf den Lippen trug, der im Laufe der Flugzeit auch noch verblasste. Der Kabinenchef bemängelte, dass das so nicht geht. Seitdem trage ich immer auffällige Farben, damit man sieht, dass ich mir Mühe gebe.

Ein anderes Mal bekam eine Kollegin eine Ansage, weil sie nach einem Aufenthalt in einem anderen Land einen Sonnenbrand hatte und darum bat, den engen Blazer auf der schmerzenden Haut nicht tragen zu müssen. Sie musste ihn zwischendurch trotzdem anziehen.

Nach einem Termin beim Arzt durfte ich nicht fliegen, weil ich ein Pflaster am Handgelenk trug. Ich war fit, voll einsatzfähig, musste mich allerdings wegen des Pflasters krankschreiben lassen. Total verrückt.

In unserem Regelwerk steht auch, dass nur dunkelhäutige Mitarbeiterinnen Minizöpfe tragen dürfen, insofern dies Bestandteil ihrer Kultur ist. Weiße Frauen dürfen das nicht.

Falls wir gefärbte Haare haben, darf der natürliche Haaransatz nicht zu sehen sein. Tattoos, Piercings, oder mehr als zwei Ringe pro Hand sind nicht erlaubt.

Durch die strikten Vorgaben zur Optik wirkt der Beruf oberflächlich und konservativ. Das ist schade. Denn ich liebe das Reisen, die Fotografie. Und ich verstehe mich mit den meisten Kolleginnen gut."

Auf Anfrage schreibt ein Swiss-Sprecher dazu:

"Wir respektieren die Individualität unserer Arbeitnehmer, nichtsdestotrotz gibt es für Berufsgruppen mit direktem Kundenkontakt entsprechende Vorgaben." Diese beträfen unter anderem das Make-up, das dezent aufzutragen sei, außerdem die Uniform und die Schuhe. Vorgaben zur Kleidergröße gebe es nicht. "Es kommt auf das Gesamterscheinungsbild und die Persönlichkeit an, ob es zu einer Anstellung kommt oder nicht."

Katja, 22, flog Kurz- und Langstrecke für Lufthansa

"Ich bin groß, habe eine positive Ausstrahlung, und hatte oft das Gefühl, dass die älteren Flugbegleiterinnen sich dadurch angegriffen fühlten. Wir Jungen sprachen darüber, dass die Älteren ständig zickig sind, die Stimmung zwischen dem Nachwuchs und den Erfahreneren war nicht gut.

Schon bei der Schulung hatte ich das Gefühl, dass extrem auf das Aussehen der Bewerber geachtet wird. Vorausgesetzt war zum Beispiel ein angemessenes Körpergewicht, genau war das aber nicht definiert.

Ein Ausbildungsteil hieß dann 'Style and Smile'. Uns wurde gesagt, welches Make-up wir tragen sollen und welche Lippenstiftfarbe zu uns passt.

Klassisch-elegant sollten wir rüberkommen. Keine dicke Uhr tragen, maximal ein Paar Ohrringe, kein Ring am Mittelfinger. Wimperntusche während des Fluges ist Pflicht, sagten sie.

Noch mehr Einblicke – die Flugbegleiterin und Kunststudentin Molly Choma hat das Leben von Flugbegleiterinnen von Virgin America unter #TheSecretLifeOfVirgins in Fotos festgehalten:

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Wer das nicht befolgte, musste mit Verwarnungen rechnen. Eine Kollegin wurde mal von einem Flug ausgeschlossen, weil die Sohlen ihrer Pumps rot waren. Das empfand der Kabinenchef als zu auffällig.

Ich kann schon verstehen, dass viel Wert auf das Äußere gelegt wird. Denn schließlich muss man regelmäßig wichtige Geschäftsleute fliegen – da will die Airline ein gutes Bild abgeben.

Klar, das kann man schon hinterfragen. Wenn man sich aber darauf einlässt, dass man auch nach zwölf Stunden noch perfekt aussehen muss, dann macht der Job Spaß. Ich habe oft Komplimente von Männern bekommen, das habe ich sehr genossen."

Auf Anfrage sagt ein Lufthansa-Sprecher dazu:

"Bei uns werden Mitarbeiter nicht auf Grund ihres Aussehens oder Gewichtes ausgesiebt. Es bewerben sich jedoch vergleichsweise wenige Menschen mit höherem Körpergewicht bei uns als Flugbegleiter." 

 Alle Flugbegleiterinnen müssten bestimmte Vorgaben hinsichtlich der Uniform und des Make-ups einhalten. "Wir haben anspruchsvolle Kunden und sind eine Premium-Airline. Das müssen wir in der Kabine entsprechend zeigen."

Maja, 30, fliegt Kurz- und Langstrecke für Emirates

"Als Stewardess bei Emirates lernst du, dass ohne Lächeln nichts geht. Während der Arbeit müssen wir durchgehend lächeln, und wir erinnern uns gegenseitig daran, wenn wir es mal vergessen.

Das Unternehmen will nicht, dass wir wie ein Fake aussehen. Deswegen sind künstliche Wimpern oder zu auffällig gefärbte Haare nicht erlaubt. Pinke oder blaue Haare gehen nicht – aber zu helles Blond ist genauso verboten. Die Airline beschäftigt extra Leute, die unser Aussehen vor dem Einstieg in die Maschine checken.

Diese Leute begutachten uns, wenn wir durch die Sicherheitskontrolle gehen und ziehen manchmal Kollegen raus, die nicht richtig aussehen. Mir ist das noch nie passiert, aber sie nahmen mal meine Freundin beiseite. Es hieß, ihre Haare seien zu blond. Sie solle die Färbung rückgängig machen.

Wir tragen entweder Dutt oder Flechtfrisur, immer mit Haarnetz. Roter Lippenstift, Foundation, Make-up und Rouge sind Pflicht. Dazu Wimperntusche oder Eyeliner – mindestens eins von beiden. Die Nagellackfarbe muss zur Uniform passen. Als ich mal Schwarz auf den Nägeln trug, musste ich den Lack abmachen.

Wer bei uns anfangen will, muss seinen Body-Mass-Index angeben. Sobald du drin bist, merkst du, dass das Unternehmen dich unterstützt, wenn du dein Äußeres verändern willst.

Wer Hautprobleme hat, wird zum Beispiel an einen Dermatologen weitergeleitet. Wer Gewicht verlieren möchte, kann gemeinsam mit einem Experten des Unternehmens einen Diätplan ausarbeiten. Wer Rückenschmerzen hat, bekommt einen Physiotherapeuten vermittelt.

Wenn wir als Crew durchs Flughafengebäude laufen, gucken die Leute schon sehr. Denn Emirates achtet extrem darauf, dass die Flugbegleiterinnen einheitlich und elegant aussehen.

Ich kann das verstehen, denn im Notfall muss man uns sofort erkennen können. Außerdem wird alles, was zur Uniform gehört, von Emirates bezahlt und alle Kollegen dürfen alle Strecken fliegen.

Trotzdem würde ich mich freuen, wenn manche Richtlinien gelockert werden: Ich würde die High Heels gern gegen bequemere Schuhe eintauschen oder auch mal eine digitale Uhr oder ein Fitnessarmband tragen dürfen. Alles nicht erlaubt."

Auf Anfrage sagt ein Emirates-Sprecher dazu:

"Emirates hat Uniformstandards. Der rote Hut ist fester Bestandteil der Marke und weltweit bekannt. Wir erwarten, dass unsere weiblichen Flugbegleiter die Marke mit rotem Lippenstift, der mit dem Hut harmonieren sollte, repräsentieren.

Die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter hat Priorität. Fitness- und Ernährungsberater unterstützen unsere Flugbegleiter dabei, einen gesunden Lebensstil beizubehalten."


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Stadtreinigung in Hamburg benennt Platz nach Straßenfeger

27.09.2017, 09:11 · Aktualisiert: 27.09.2017, 10:19

Sonst sind Plätze oft nach großen Dichtern, Politikern oder Promis benannt. Aber in Hamburg ist jetzt ein Straßenfeger zum Namensgeber für einen Platz mitten in der Innenstadt geworden. Eine herzzerreißende Geste.

Denn Yüksel Mus arbeitete 18 Jahre bei der Hamburger Stadtreinigung. Im Mai war er im Alter von 50 Jahren gestorben. "Er war einer, der sich in besonderer Art und Weise um die Sauberkeit der Innenstadt bemüht hat", sagte Reinhard Fiedler von der Stadtreinigung bei der Einweihung, "ein Ausnahmemitarbeiter". (NDR/ Hamburger Abendblatt)