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Gerechtigkeit

"Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt"

02.10.2016, 13:04 · Aktualisiert: 23.12.2016, 15:45

"Wir schaffen das." Mit diesem Satz meint Angela Merkel wohl alle Deutschen. Einige haben mehr geschafft als andere: Als im September und Oktober täglich bis zu 2500 Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof ankamen, warteten dort mehr als hundert, meist junge Menschen auf sie.

Die Helfer empfingen die geflüchteten Menschen, übersetzten ins Deutsche, kauften ihnen Essen, suchten Schlafplätze – oft bis zur eigenen Erschöpfung, so haben sie es uns damals berichtet.

Jetzt, rund ein Jahr später, haben wir sechs von ihnen erneut getroffen: Sie haben uns erzählt, wie sie mittlerweile über die Flüchtlingskrise denken, was sie sich wünschen – und wie die Zeit am Hauptbahnhof sie verändert hat.

Jalo

Es war wie im Rausch.
Jalo

"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof. Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt. Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.

Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof. Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte. Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.

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Wir sind bereit.
Jalo

Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen. Vor einem Jahr waren wir naiv und haben improvisiert. Aber die Politik hat uns zu Profis gemacht. Jetzt bekämen wir innerhalb von zwei Tagen genügend Helfer zusammen. Wir sind bereit."

Waled

"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich. Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen. Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar. Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.

Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.

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Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann. Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.

Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt. Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem.

Am meisten Sorgen bereitet mir die Sprache: Ich habe ein bisschen Angst, dass ich einen Patienten nicht verstehe. Deswegen mache ich jetzt erst das FSJ, lerne noch besser Deutsch – und versuche dann einen Ausbildungsplatz als Krankenpfleger zu bekommen."

Mina

Ibrahim und ich sind seit neun Monaten ein Paar.

"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern. Nach dem Abi möchte ich in einem Entwicklungsland Englisch unterrichten.

Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar. Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass Syrer oft ohne Besteck essen, weil sie Gemüse und Reis einfach zwischen das Brot klemmen.

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Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt.

Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern. Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.

Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln. Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen. Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."

Ibrahim

An den Gleisen habe ich Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.

"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe. Oft haben mich die Menschen nicht verstanden, aber ich habe einfach immer weiter gelabert.

An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar. Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen. Ich glaube, ich bin wirklich auf einem guten Weg.

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Das macht mich stolz.

Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!' Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.

Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert. Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."

Rona

Wir fingen an zu weinen. Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen.

"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark. Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch. Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.

Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet. In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich. Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.

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Als ich zu Hause in Aarhus ankam, hatte ich wochenlang praktisch nicht geschlafen. Ich duschte, legte mich ins Bett. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht. Also bin ich weiter gefahren und habe Flüchtlingen geholfen – in Kopenhagen, Griechenland und der Türkei.

Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein.

In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann. Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.

Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht. Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."

Elif

Immer noch hängt fast alles an ehrenamtlichen Helfern.

"Nach meiner Zeit am Hauptbahnhof habe ich mich zur Sozialberaterin für Flüchtlinge und Migranten umschulen lassen. Die Prüfung habe ich schon bestanden, der unbefristete Vertrag ist unterschrieben.

Es ist Wahnsinn, dass das geklappt hat, ich freue mich total. Meine Kollegen sind gebildet. Ich habe zwar nur die Hauptschule abgeschlossen, aber ich setze mich persönlich für Flüchtlinge ein und habe deshalb ein großes Fachwissen. Ich kenne den Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten, habe Türkisch und Arabisch gelernt. Wenn ich nicht jeden Tag Flüchtlingen geholfen hätte, würde ich diesen Job nicht haben.

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Ohne uns Helfer hätte es mehr Tote gegeben.

Trotzdem fehlt mir die Initiative der Behörden. Immer noch hängt fast alles an ehrenamtlichen Helfern.

'Wir schaffen das' klingt gut. Aber wie? Darüber hat sich Angela Merkel nicht genug Gedanken gemacht. Wir müssen zum Beispiel Flüchtlingspaten für ihren Aufwand entschädigen.

Eine Situation am Hauptbahnhof verfolgt mich bis heute. Eine Frau hatte auf der Flucht schon an der österreichischen Grenze ihr Fruchtwasser verloren. Als sie bei uns am Hamburger Hauptbahnhof ankam, war ihr Kind bereits tot. Ich konnte es ihr nicht sagen. Das hat dann der Rettungssanitäter getan."

Wir berichten viel über die Flüchtlingskrise. Diese vier Artikel helfen zu verstehen, was gerade passiert:


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Unbekannte zünden in Dresden Polizeiautos an – am Tag vor der Einheitsfeier

02.10.2016, 11:51

Unbekannte haben in Dresden drei Polizeiautos angezündet. Die Fahrzeuge standen auf einem Parkplatz im Stadtteil Albertstadt, laut Polizei können alle drei nicht mehr benutzt werden. Der Sachschaden betrage mehrere Zehntausend Euro.

Bislang gebe es kein Bekennerschreiben zu der in der Nacht zum Sonntag verübten Tat. Die Polizei geht aber von einer politischen Motivation aus und sieht "auch einen Zusammenhang zum aktuellen Polizeieinsatz anlässlich des Tages der Deutschen Einheit".