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Gerechtigkeit

Flüchtlinge zeigen, was sie mit Deutschland verbinden

06.10.2015, 07:15 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Was ist typisch deutsch? Kuckucksuhren, Bier und Spätzle? Flüchtlinge geben ganz andere Antworten.

(Bild: Hanna Gieffers)

Mustafa Karimi, 25, aus Afghanistan: Taschenlampe

"In der afghanischen Stadt Herat, wo ich herkomme, gab es nur drei bis vier Stunden elektrisches Licht am Tag. Licht zu haben, war dort Luxus. Die Stromausfälle gaben dem Tag einen eigenwilligen Rhythmus. Ich konnte nie vorhersehen, wann es wieder soweit war, dass ich im Dunkeln sitze. Das war ganz normal für mich. Die Taschenlampe habe ich nicht in Afghanistan gekauft, sondern auf einem Flohmarkt in Hamburg-Wandsbek. Auf der Lampe steht 'Kabul I 5000 W'.

(Bild: Hanna Gieffers)

Das Modell hat mir gleich gefallen – es ist robust, aus Metall und leuchtet stark. Ich habe eine ganze Sammlung von Taschenlampen - große und kleine. Besonders im Winter nutze ich sie, wenn es früh dunkel wird. Ich hatte gedacht, dass es auch in Deutschland Zeiten gibt, in denen kein Licht da ist. Als ich vor vier Jahren aus Herat nach Deutschland geflohen bin, gab es in Afghanistan noch keine Solarzellen. Jetzt sollen unsere ehemaligen Nachbarn eigene Solarlampen haben, mit denen sie den ganzen Tag Licht erzeugen können."

(Bild: Hanna Gieffers)

Fadi Abuzeid, 26, aus Syrien: Ältere Leute auf dem Fahrrad

"Ältere, aktive Leute auf der Straße zu sehen, war total neu für mich. In Deutschland fahren unheimlich viele mit dem Fahrrad. Viele Rentner setzen sich auch selbst hinter das Steuer ihres Autos. Hier in Norderstedt gehe ich am Montag und Mittwoch häufig zu einem Café-Nachmittag. Dort spiele ich mit älteren Leuten 'Mensch ärgere dich nicht'. Oder wir trinken Tee, spielen mit Karten. Außerdem lerne ich dort neue Vokabeln. Freiwillige lesen uns etwas vor. Ich versuche, jedes Mal ein paar neue Worte zu lernen. Wir lachen viel, alle sind ganz locker. Das gefällt mir.

(Bild: Hanna Gieffers)

In Syrien war meine Beziehung zu den Älteren anders. Ich habe sie dort fast nie auf der Straße gesehen. Sie bleiben meist zu Hause und kümmern sich um die Kinder. Ihre Meinung wird geschätzt, sie geben den Jüngeren Rat. In Syrien musste ich immer extrem höflich zu ihnen sein, Respekt gegenüber Älteren ist wichtig. Ich konnte keine Witze mit ihnen machen, wie ich es hier mit älteren Leuten gerne mache."

(Bild: Hanna Gieffers)

Albin Kararaj, 24, aus Albanien: Heizungen

"Wozu braucht man in Deutschland so viele Heizungen? Ich weiß nicht, wie kalt die Winter hier werden, ich bin erst im Juni angekommen. Aber wenn man die vielen Heizungen anschaut, wird es wohl sehr kalt im Winter. In Albanien haben wir fast vier Monate lang Sommer. Ich habe noch nie Schnee gesehen in meiner Heimatstadt Fier. Sie liegt an der Mittelmeerküste. Natürlich wird es im Winter auch dort etwas kälter. Aber eine leichte Jacke reicht, um draußen zu sein. In meiner Wohnung dort habe ich nie gefroren. Ich hatte wie die meisten Leute in Albanien einen kleinen Gasofen, den ich von Zimmer zu Zimmer ziehen konnte.

(Bild: Hanna Gieffers)

Hier in Deutschland wohne ich in einer alten Schule. Wir haben eine Heizung in unserem Zimmer, in der Küche ist eine und auf dem Flur unter der großen Fensterfront ist schon die nächste. Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, war ich drei Monate im Norden Dänemarks. Dort habe ich zum ersten Mal gefroren. Ich weiß nicht, ob ich in Deutschland bleiben kann. Aber ich würde gerne den deutschen Winter kennenlernen und schauen, ob es dann wirklich so kalt ist."

(Bild: Hanna Gieffers)

Ghazaleh Nafaryeh, 30, aus dem Iran: Kerzen zum Anzünden in der Kirche

"In meiner Kirche in Teheran gab es nur eine große Kerze, die bei jeder Messe brannte. Wir konnten keine selbst anzünden, wie ich das hier in der Kirche Harksheide mache. Das war in Deutschland neu für mich. Ich komme so oft es geht mit meinem Mann hier her - zum Gottesdienst, zum Beten, zum Kerzen anzünden. In Teheran bin ich fünf Jahre in die gleiche Kirche gegangen. Sie lag nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Vor zwei Jahren wurde sie geschlossen. Immer mehr Christen wurden attackiert, jeden Tag hatte ich Angst vor Anschlägen. Im Iran habe ich mich nicht mehr sicher gefühlt.

(Bild: Hanna Gieffers)

Vorher habe ich als Krankenschwester in einem großen Teheraner Krankenhaus gearbeitet. Ich habe ein Kreuz auf meinen Finger tätowieren lassen. Das wurde im islamischen Krankenhaus nicht gern gesehen. Ich bin froh, jetzt in Deutschland zu sein. Vor ein paar Wochen bin ich zur St. Michaeliskirche nach Hamburg gefahren, um dort eine Kerze anzuzünden. Ich habe mir ein Leben in Frieden in Deutschland gewünscht."

(Bild: Hanna Gieffers)

Hasan Khal, 29, aus Syrien: Pünktliche Busse

"Busse sind hier immer pünktlich. Auf die Minute genau. Ich schaue auf diesen Plan an der Bushaltestelle und weiß genau, wann ich an meinem Ziel ankomme. Das hat mich am Anfang, als ich vor sieben Monaten nach Hamburg gekommen bin, sehr gefreut. Jeder Busfahrer respektiert die Verkehrsregeln und die Ampeln. Leute werden am Zebrastreifen über die Straße gelassen, alles fließt ruhig und friedlich. In Damaskus sind zu jeder Tag- und Nachtzeit viele Autos und Busse auf der Straße. Doch sie sind nie pünktlich. Es gibt jede Menge Unfälle.

(Bild: Hanna Gieffers)

Ich bin dort viel mit Mikrobussen oder Taxis gefahren. Ein Taxi habe ich mir meist mit mehreren fremden Personen geteilt, die in die gleiche Richtung wollten wie ich. Das war günstiger, als ein Taxi nur für mich zu bezahlen. Allerdings war das nicht immer die schnellste Art. Für meinen Weg zur Arbeit in einem Modegeschäft in Damaskus, das eigentlich nur 20 Kilometer von meiner Wohnung entfernt lag, habe ich jeden Tag mehr als eine Stunde gebraucht. Ich habe dann viel gelesen und Musik gehört, aber auch sehr viel Zeit verloren. Ich bin eigentlich ein sehr organisierter Mensch, hier in Deutschland kann ich jetzt ganz anders planen.“

(Bild: Hanna Gieffers)

Niwar Hussien, 21, aus dem Irak: Mülleimer für Plastik

"In dem Haus, in dem ich hier in Deutschland wohne, gibt es verschiedene Mülleimer. Das hat mich am Anfang verwirrt. Was kommt in welchen? Ich kannte nur einen für alle Abfälle. Bis vor sieben Monaten habe ich in der irakischen Stadt Mossul gelebt. Dort gab es keine Mülltrennung. Ich habe die Abfälle meiner Familie zu einer Sammelstelle außerhalb unseres Hauses gebracht. Mal zu großen Containern, mal habe ich unsere Müllsäcke nur zu den anderen Säcken auf den Boden gelegt. Zirka zwei Mal in der Woche wurde der Müll abgeholt. Aber darauf konnte man sich leider nicht immer verlassen. Gerade im Sommer war es anstrengend, denn Essensreste haben in der Hitze schnell angefangen zu riechen.

(Bild: Hanna Gieffers)

Die Mülltrennung hier in Deutschland macht zwar mehr Arbeit, aber sie ist eine gute Idee. Ich gebe mein Bestes, mich daran zu halten. Mir musste erst erklärt werden, dass in einen Mülleimer nur Plastik kommt, das später recycelt wird. Hier in Deutschland ist der Müll besser organisiert, wie vieles anderes auch.“

(Bild: Hanna Gieffers)

Mohammed Dahcheh, 22, aus Syrien: Stabile Häuser

"Die Häuser sind in Deutschland stabil gebaut und sehen gepflegt aus. Darauf achte ich jedes Mal, wenn ich durch die Stadt gehe. Gerade wohne ich in einem ehemaligen Feuerwehrheim. Viele Häuser in Syrien sind nicht so stabil gebaut, die Baufirmen pfuschen oft. Es kam häufig vor, dass Häuser eingestürzt sind. An vielen Wänden habe ich große Risse gesehen.

(Bild: Hanna Gieffers)

Ich habe mitbekommen, wie ein Haus in unserem Viertel bei einem Unwetter eingestürzt ist. Es gibt viele Flachdächer in Damaskus, die bei starkem Regen nicht dicht sind. Ich würde gerne hier in Deutschland in einer eigenen kleinen Wohnung leben, wo ich mich sicher fühlen kann."

(Bild: Hanna Gieffers)

Ahmed Khader, 18, aus Somalia: Messer und Gabel

"In Somalia habe ich fast nur mit den Händen gegessen, das ist bei uns normal. Für einige Speisen habe ich höchstens einen Löffel gebraucht. Aber Messer und Gabel wären mir nie eine große Hilfe gewesen. Auf dem Markt in meiner Heimatstadt Kismaayo habe ich welche gesehen, wir hatten zu Hause aber keine. Ich habe in Somalia viel Reis, Kartoffeln, Karotten, Lamm und Ziege gegessen. Zum Frühstück gab es häufig ein süßes Brot, das dünn und rund ist. Als ich hier in Deutschland angekommen bin, musste ich erst lernen, wie man Messer und Gabel hält und wie man mit ihnen isst. Das war nicht einfach.

(Bild: Hanna Gieffers)

Ich habe es mir selbst beigebracht, durch Beobachten und Nachmachen. Jetzt, nach acht Monaten in Deutschland, klappt es gut. In Somalia ist meine Tante auf dem Markt einkaufen gegangen und hat für mich jeden Tag Essen gemacht. Männern lernen bei uns nicht kochen. Ich musste es mir hier in Deutschland selbst beibringen, denn hier mache ich für mich selbst Essen. Am liebsten Nudeln mit Tomatensauce, das ist einfach. Denn gut kochen ist viel schwieriger als mit Messer und Gabel zu essen.“

Nujeen Mustafa ist im Rollstuhl von Syrien nach Deutschland geflohen. Wir haben mit ihr gesprochen. Außerdem zeigen wir freiwillige Helfer: Humans of Hamburger Hauptbahnhof.

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