Bild: Madeleine Hofmann

Gerechtigkeit

Wie Flüchtlinge ihre Geschichten in Comics verarbeiten

27.01.2016, 13:41 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Die Künstlerin Ali Fitzgerald gibt Comicworkshops in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft.


Nour wünscht sich von Ali eine "underwater bubble“. Ali soll sie für sie zeichnen. Die 12-Jährige spricht nur wenig Englisch, kaum Deutsch. Irgendwann hat Ali jedoch verstanden, was das Mädchen meint: ein Schlauchboot. Ali zeichnet die Umrisse, Nour fügt immer mehr Details hinzu: 60 Menschen sollen in das Boot. Rechts vom Boot soll die Türkei sein, links davon Griechenland. Und schließlich soll es noch kentern.

Nour kommt aus Syrien. Was nach und nach in feinen Bleistiftstrichen auf Alis weißem Papier entsteht, ist die Geschichte, wie das Mädchen von ihrem Heimatland nach Europa flüchtet. "Viele zeichnen ihre Flucht“, erklärt Ali, "sie erzählen mir mit Bildern ihre Lebensgeschichten. Und ich ihnen meine.“

(Bild: Madeleine Hofmann)

Ali Fitzgerald bringt Flüchtlingen bei, wie man Comics zeichnet. Seit Sommer 2015 kommt die Künstlerin einmal pro Woche in die Notunterkunft für Flüchtlinge im Berliner Stadtteil Moabit. Als Lehrerin sieht die 32-jährige Amerikanerin sich nicht, eher als Impulsgeberin. "Jede Stunde ist anders, es kommt ganz auf die Teilnehmer an“, sagt sie, "Man weiß nie, was einen erwartet.“

Als Ali in der Unterkunft ankommt, überreicht man ihr einen Schlüssel für den Helferraum, wo sie ihr Material aufbewahrt. Man kennt die Workshopleiterin hier schon. "Ich brauche eigentlich nur Papier, Stifte und einen Spitzer“, sagt sie, "das große Schreibboard benutze ich hauptsächlich, um auf mich aufmerksam zu machen“. Und das ist nicht so leicht: Fast 300 Personen finden in den zwei Traglufthallen in der Kruppstraße Zuflucht. Solange, bis das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) die Flüchtlinge an eine langfristige Unterkunft weiter vermittelt. Und das kann dauern.

(Bild: Madeleine Hofmann)

Im Aufenthaltsbereich herrscht viel Betrieb. Menschen sitzen auf Sofas oder an Tischen und unterhalten sich, andere essen oder schmökern in Büchern, Kinder tollen herum. Es ist viel Platz in diesem Bereich der Halle, die Bewohner kommen und gehen. "Tagsüber haben die Flüchtlinge viele Behördengänge zu erledigen“, erklärt Ali, "nur wenige kommen daher regelmäßig zum Kurs.“

Ali sucht sich eine Biertischgarnitur in der Ecke, breitet das Material auf der bunten Tischdecke aus und macht die Runde in der Halle: "Habt ihr Lust zu zeichnen?“ Sie versucht es auf Deutsch und Englisch. Wenn niemand kommt, fängt sie einfach selbst an – auf dem weißen Board, um die Zuschauer neugierig zu machen.

Notunterkunft für Flüchtlinge, Berlin-Moabit:

Fast 300 Flüchtlinge können in der Notunterkunft der Berliner Stadtmission in der Kruppstraße leben. Anfangs blieben die Bewohner nur einige Tage, wurden dann vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in andere Unterkünfte weitergeschickt. Seit Oktober 2015 bleiben viele Menschen für mehrere Monate in der Traglufthalle, rund 100 neue Bewohner nimmt die Unterkunft seitdem jeden Monat neu auf. Jeder Neuankömmling erhält für die Dauer seines Aufenthalts einen Ausweis, mit dem er die Unterkunft zu jeder Tageszeit betreten kann. Seit Dezember 2014 wohnten in der Kruppstraße bereits rund 23.000 Menschen.

Viele der Menschen seien anfangs skeptisch, denken, Zeichnen sei nur etwas für Kinder, erklärt Ali. "Doch dann finden sie Spaß daran.“ So wie Mohammed. Um sein Interesse zu wecken, zeichnet Ali ein Porträt des jungen Syrers. Dann fängt er selbst an – er malt sein altes Zuhause in Syrien, mit Blumen im Garten und Bergen im Hintergrund. Immer wieder motiviert Ali ihn zum Weitermachen, versichert ihm, dass er Talent hat.

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Ali kümmert sich abwechselnd um jeden einzelnen, verteilt Arbeitsblätter an diejenigen, die keine Idee haben, was sie zeichnen sollen. Große Herzen sind darauf, darüber steht auf Englisch und Arabisch: "Menschen, die ich liebe.“ Die Kinder machen sich an die Arbeit. "Durch Zeichnen erfährt man wahnsinnig viel über die Menschen, ihre Erinnerungen und ihre Kultur“, sagt Ali.

Man muss kein Deutsch, Farsi oder Arabisch können, um sich ein Bild vom anderen zu machen.
Mathias Hamann

Mathias Hamann hat die Comicworkshops ins Leben gerufen. Er leitet die Notunterkunft der Berliner Stadtmission. Bei einem Kulturfestival lernte er Ali kennen und engagierte sie kurze Zeit später. "Zeichnen ist ein besonderer Weg der Kommunikation“, sagt er. "Man muss kein Deutsch, Farsi oder Arabisch können, um sich ein Bild vom anderen zu machen.“ Mit den Workshops möchte er Vorurteile abbauen – und zwar auf beiden Seiten. Das erste, was Flüchtlinge kennenlernen, wenn sie in Berlin ankommen, sei die Bürokratie. "Das bedeutet oft: warten. Der Workshop zeigt ihnen, dass es noch etwas anderes gibt“, sagt Hamann. Außerdem setzten sich die Teilnehmer so mit sich selbst und ihren Zukunftsplänen auseinander.

(Bild: Madeleine Hofmann)

Im Laufe eines Workshops versammeln sich oft viele Schaulustige um den Tisch. Vor allem kleine Kinder wollen sehen, was los ist, klettern auf Alis Schoß. Alle möchten ihre Aufmerksamkeit – sie zeichnet vor, stellt Fragen zu den Zeichnungen, lobt und hört zu.

Anfangs hat mir das sehr zu schaffen gemacht. Da musste ich selbst mit meiner Therapeutin darüber sprechen.
Ali Fitzgerald

Obwohl die meisten sie nicht einmal verstehen, erzählen viele Flüchtlinge Ali ihre Geschichten und Erinnerungen, so wie Nour und Mohammed. Manchmal fühlt sich Ali deshalb wie eine Therapeutin. "Anfangs hat mir das sehr zu schaffen gemacht“, erinnert sie sich. "Da musste ich selbst mit meiner Therapeutin darüber sprechen.“ Viele Erzählungen verarbeitet Ali in ihren eigenen Comics. Zum Beispiel die Geschichten ihres neuen Freundes Mustafa. Er war einer der ersten Teilnehmer des Workshops, half Ali zu übersetzen und die Teilnehmer zu motivieren. Obwohl der Aufenthalt in der Notunterkunft nur vorübergehend sein soll, lebt er schon mehrere Monate hier.

"Je besser man jemanden kennenlernt, desto mehr erfährt man über seine Träume und Wünsche“, sagt Ali. "Viele Flüchtlinge, die ich hier kennenlerne, belastet es, dass sie nur als eine Nummer wahrgenommen werden.“ Einerseits als Fall für die Bürokratie bei der Registrierung im Lageso, andererseits als anonyme Zahl für die deutsche Bevölkerung, der die Gesichter hinter den Flüchtlingszahlen und Statistiken meist unbekannt sind. "Zeichnen hilft, ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Die psychische Verfassung ist sehr wichtig. Deshalb liebe ich diesen Job.“

Aus den Zeichnungen ist im Dezember bereits eine kurze Ausstellung entstanden, in Zusammenarbeit mit Amnesty International. Jetzt will die Menschenrechtsorganisation Ali bei der Veröffentlichung eines Buches unterstützen. Es soll eine Mischung aus den Workshop-Zeichnungen und Alis eigenen Comics über Flüchtlinge werden: "Mit Hilfe der Comics möchte ich die Geschichten erzählen, die sonst vielleicht nie erzählt werden würden.“

Über ihre Erfahrungen im Workshop veröffentlichte Ali ein Comic bei Vox:

(Das vollständige Comic findet ihr hier bei Vox)

(Bild: Vox)

Übrigens: Der Leiter der Flüchtlingsnotunterkunft, Mathias Hamann, ist derzeit auf der Suche nach weiteren Zeichenlehrern, da er das Angebot des Comicworkshops ausbauen möchte. Wer Interesse hat, kann sich hier bei der Berliner Stadtmission melden.

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