Bild: dpa / Santi Palacios

Gerechtigkeit

So verteidigt sich "Jugend Rettet" gegen den Vorwurf, Schlepper zu unterstützen

08.08.2017, 18:02 · Aktualisiert: 08.08.2017, 18:54

Titus Molkenbur, 26, hätte es wohl nie für möglich gehalten, dass er sich eines Tages live im Fernsehen dafür rechtfertigen muss, dass er Menschen rettet. 2015 hat er zusammen mit Freunden den Verein "Jugend Rettet" gegründet, um mit einem Schiff im Mittelmeer Flüchtlingsboote aus Seenot zu retten.

Die Flüchtlingskrise stand da im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, noch sprach man in Deutschland von "Willkommenskultur" und Köln war berühmt für den Dom und das eingestürzte Stadtarchiv, nicht für sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht.

Seither hat sich die Stimmung gedreht. Deutschland scheint aus zwei Lagern zu bestehen: Denjenigen, deren Sorge vorwiegend den Flüchtlingen gilt. Und denjenigen, deren Sorge vor allem den Folgen von Migration gilt.

Der Kampf dieser beiden Lager findet überall statt, in den Medien, an den Küchentischen – und auch auf dem Mittelmeer.

Titus Molkenbur und sein Verein sind zum Symbol geworden:

für Menschen, die sich über geltendes Recht und politische Prozesse hinwegsetzten, finden die einen; für Menschen, die ihrer humanistischen Pflicht nachkommen, für die eigentlich das politische Europa verantwortlich wäre, sagen die anderen.

Denn die Flucht über das Mittelmeer ist lebensgefährlich, allein 2016 kamen 4000 Menschen ums Leben, schätzen die Vereinten Nationen. Doch dafür, diese Zahl möglichst klein zu halten, werden die Aktivisten von "Jugend Rettet" längst nicht mehr bejubelt.

Für rechtsradikale "Identitären" und andere Flüchtlingsgegner steht fest: Die Seenotretter sind keine Retter, sondern Gehilfen. Sie haben Bilder auf Twitter hochgeladen, die angeblich zeigen, wie Schlepper dem Verein ein Flüchtlingsboot übergeben. Hashtag #JugendSchleppt.

Sie schreiben davon, "Schleppern ein Gesicht zu geben", bezeichnen die Aktivisten als "Wohlstandsverwahrlosten Moralfaschisten" und hoffen, dass "die Italiener euch kriminellen Abschaum ... für immer ins Zuchthaus" sperren.

Wie Freiwillige auf dem Mittelmeer arbeiten, sieht man auf diesen Bildern von der Sea-Watch, einer Berliner Organisation:

Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
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Aber es sind nicht mehr nur Rechtsradikale, die Vorwürfe gegen "Jugend Rettet" erheben. Die Anklagen haben es in die Mitte der Gesellschaft geschafft – zum Beispiel in italienische Behörden und ins deutsche Fernsehen. Es sind die Fragen derer, die die Folgen der Migration fürchten und die den Rettern misstrauen.

Italienische Behörden haben das Schiff von "Jugend Rettet" festgesetzt und drängende die Hilfsorganisationen auf dem Mittelmeer dazu, einem neuen Verhaltenskodex zuzustimmen. Und Titus Molkenbur wird im ZDF gefragt, ob er mit den Schleppern gemeinsame Sache macht.

Gibt es Beweise?

Die italienischen Behörden haben Fotos und Videos veröffentlicht, um ihren Vorwurf zu belegen. Auf einem Foto zu sehen: Ein Gummiboot mit Rettern, ein Boot voller Flüchtlinge und ein libysches Schnellboot, dessen Besatzung den Motor des Flüchtlingsboots abmontiert.

Wir haben Beweise für Begegnungen zwischen Schleusern, die illegale Einwanderer zur "Iuventa" begleitet haben, und Mitgliedern der Besatzung.
Staatsanwalt Ambrogio Cartosio

Es sieht so aus, als würden die Schlepper den Rettern die Flüchtlinge übergeben. "Dieses Material bringt deutsche Hilfsorganisation in Bedrängnis", schreibt die "Welt", "Ist das der Schlepper-Fotobeweis?", fragt die "Bild".

"Nein, ist es nicht", sagt Titus Molkenbur von "Jugend Rettet", der jegliche Zusammenarbeit mit Schleppern abstreitet.

Er sieht auf den Fotos einen gewöhnlichen Rettungseinsatz: "Bei unseren Rettungen begegnen wir häufig sogenannten Engine-Fishern, die die Motoren der Flüchtlingsboote klauen." Ob die Motorenräuber mit den Schleppern zusammenarbeiten, wisse er nicht.

Was Molkenbur aber weiß: Die Besatzungen der Schiffe sind oft bewaffnet – die Jugend Rettet-Crew nicht. "In solchen Situationen müssen wir uns freundlich und kooperativ zeigen, um unsere Crew nicht zu gefährden", sagt der 26-Jährige.

Ist also alles ganz anders, als es auf den Bildern scheint?

Kommen die angeblichen Beweise von Rechtsextremen?

  • Laut Recherchen der italienische Wochenzeitung "Famiglia Cristiana" und der ARD sollen Aufnahmen, die "Jugend Rettet" angelastet werden, von einer Sicherheitsfirma mit Verbindungen zu Rechtsextremen stammen. Die Firma soll einen Mitarbeiter auf einem Rettungsschiff von "Save the Children" platziert haben.
  • In einer geschlossenen Facebook-Gruppe der Sicherheitsfirma soll auch der Kapitän der "C-Star" Mitglied sein. Die "C-Star" sollte im Auftrag der rechtsextremen "Identitären" die Arbeit der Seenotretter auf dem Mittelmeer behindern, wurde allerdings von italienischen Behörden festgesetzt.
  • Auf Facebook freuten sich italienische "Identitäre" am 3. August, dass die "Nachforschungen" des Kapitäns über die freiwilligen Retter "Früchte tragen". (Tagesschau)

Wenn dem so wäre, könnte es sein, dass mit diesen Bildern nicht nur gezielt Stimmung gemacht wird – sondern auch, dass die Strategie der Rechten aufginge, weil sie die Stimmung und die Debatte prägen.


Und warum hält sich "Jugend Rettet" nicht einfach an den Verhaltenskodex?

Italien hat einen Verhaltenskodex aufgestellt. Unter anderem sollen gerettete Flüchtlinge nicht mehr von kleinen Rettungsschiffen an größere Schiffe übergeben werden dürfen. Die Helfer fürchten: Wenn sie nach einem Rettungseinsatz immer erst einen Hafen ansteuern müssen, gibt es weniger Helfer vor Ort auf dem Meer und mehr Tote.

"Jugend Rettet", "Ärzte ohne Grenzen" und "Sea Watch" haben deswegen den Verhaltenskodex nicht unterschrieben. Der italienische Innenminister Marco Minniti hatte gewarnt, dass "die Helfer ihre Arbeit nicht fortsetzen können, falls sie den neuen Verhaltenskodex nicht unterschreiben".

Warum erschwert Italien die Arbeit der Freiwilligen?

In Italien sind allein in diesem Jahr mehr als 96.000 Menschen an Land gegangen, die über das Mittelmeer geflohen sind. Weil die anderen EU-Staaten den Italienern nicht helfen, versuchen diese, die Krise alleine zu lösen.

Um die Fluchtroute über das Mittelmeer zu schließen, hat das italienische Parlament vergangene Woche einen Militäreinsatz in Libyen beschlossen. In Zukunft sollen italienische Kriegsschiffe zusammen mit der libyschen Küstenwache Menschenschmuggel bekämpfen und Flüchtlingsströme kontrollieren.

Es ist schon absurd: Anstatt darüber zu reden, welche Verantwortung die EU für die Flüchtlinge trägt, führen wir eine Debatte, ob es gut oder schlecht ist, Menschenleben zu retten.
Titus Molkenbur, Jugend rettet

Die libysche Küstenwache gilt jedoch als korrupt. Der libysche Staat steckt seit Jahren in einer Krise und hat aktuell drei verschiedene Regierungen. In überfüllten Flüchtlingslagern herrschen menschenverachtende Zustände, zum Teil kommen Menschen nur gegen Lösegeld frei. (SPIEGEL ONLINE)

Wie geht es weiter?

Die Jugend-Rettet-Crew ist inzwischen zurück in Malta, von wo aus sie vor fast drei Wochen gestartet ist. Ihr Schiff, die "Iuventa", liegt erst einmal in Trapani. Wann die italienischen Behörden das Schiff wieder freigeben, weiß auch Titus Molkenbur nicht.

Doch bis die Europäische Union nicht entschieden hat, wie sie mit den Flüchtlingen umgehen will, wird eines weiter gehen:

Der Streit der beiden Lager, in den Medien, am Küchentisch und wahrscheinlich auch auf dem Mittelmeer.


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