Bild: Wilhelm Wintertidh

Gerechtigkeit

Aus Müll mach Kleidung: Wie die "Dirty Girls" auf Lesbos Flüchtlinge einkleiden

18.01.2016, 10:38 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

„Come down! You are safe! Don't jump off the boat! Don't jump!”

Die Worte des Mannes von der spanischen Küstenwache. Naserdin springt trotzdem. Vielleicht, weil er den Mann nicht versteht. Vielleicht, weil er helfen will, das schwarze Gummiboot an Land zu ziehen. Weil er es nicht mehr aushält. Ein Schlauchboot. Drei Stunden. 50 Menschen. Naserdin und seine zwei Kinder mittendrin.

Klatschnass und zitternd steht der Syrer mit den beiden am Strand. Sie schauen zurück, ans andere Ufer. Keine fünf Meilen sind es von Lesbos bis zur türkischen Küste.

Auf dieser Insel sind allein im vergangenen Jahr eine halbe Million Menschen mit Booten angekommen. Lebend angekommen. Naserdin hält seine Tochter Rama, 2, und seinen Sohn Rami, 4, fest, er weint.

Schmerz oder Glück, er weiß das selbst nicht. Er scheint gar nicht richtig zu realisieren, wie ihn die Helfer in Wärmedecken wickeln. Ihn, Rami und Rama mitziehen. Ins Camp, ans Feuer, ins Zelt.

"Schuhgröße? Hose? Jacke?"

Alles muss ganz schnell gehen, 40 andere warten in der Kälte.

Naserdin und seine Kinder

Naserdin und seine Kinder (Bild: Wilhelm Wintertidh)

15 Minuten später flitzen Naserdins Sprösslinge schon wieder über den Spielplatz. Um die kleine blaue Plastikrutsche, den bunten Verkaufsstand. Naserdin kann wieder lachen. Er trägt jetzt einen blauen Fleece-Pullover, eine schwarze Jeans dazu. Warm, trocken, modern.

Rama hat von den Helfern einen Schneeanzug angezogen bekommen und lugt unter der neuen rosa Haube hervor. Rami hat Winterstiefel an, eine lustige Igelmütze auf dem Kopf. Gut ausgerüstet also für den winterlichen Spießrutenlauf durch Europa, der ihnen nun bevorsteht. "Aber woher bekommt ihr so viele Klamotten? Es kommen doch so viele jeden Tag?", fragt Naserdin. "Und wo kommt unser Zeug jetzt hin?"

(Bild: Wilhelm Wintertidh)

Noch im Sommer stapelten sich Müllberge an den Stränden. Damals, als bis zu 5000 Menschen täglich auf der Ägäis-Insel strandeten. Als die Einheimischen den Dreck nicht schneller wegschaffen konnten, als die Boote eintrafen. Als der Müll nicht schneller verrotten konnte, als er drüben in der Türkei neu produziert wurde.

Schwimmwesten, Plastikflaschen, schwarze Gummiboote. Und Kleidung. Hemden und Hosen. Sneakers und High-Heels. Hunderte. Tausende. Tausende Kilo Müll. Müll?

Das fragte sich Alison Terry-Evans, als sie im Herbst nach Lesbos kam. Wieso wegwerfen, was gerade schick ist? Ganz neu. Nur nass. Nass und dreckig. Zehn Meter weg vom Spielplatz, über den Rami und Rama toben, sitzt die Australierin in einem orangefarbenen Zelt. Um sie herum stapeln sich schwarze, blaue, weiße Plastiksäcke, bis unter die Decke. Vor ihr ein Haufen Socken, alle Farben, alle Größen.

Es stinkt.

Wie nach nassen Handtüchern, die man drei Wochen nach dem Strandurlaub in der Reisetasche findet. Wie fauliger Fisch, der stundenlang in der Sonne vor sich hingegammelt hat. Nichts für empfindliche Mägen. Alison lacht, zuckt mit den Schultern: "Gewohnheitssache", sagt sie und grinst. Sie ist ein "Dirty Girl".

Alison Terry-Evans

Alison Terry-Evans (Bild: Wilhelm Wintertidh)

Im Oktober hat Alison Terry-Evans die "Dirty Girls of Lesvos Island" gegründet. 20 Freiwillige arbeiten an verschiedenen Orten auf der Insel. Die Dirty Girls und Boys kommen aus der ganzen Welt, sind Terry-Evans’ Aufruf gefolgt. Sie sammeln Kleidung, von den Stränden, von den Camps. Sie holen die Säcke mit den "Wash it instead – Dirty Girls" Stickern ab, die auf der Straße vor UNHCR und Ärzte ohne Grenzen–Auffanglagern warten. 500 Kilo Kleidung täglich. Im Herbst war es eine viermal so große Menge. Eine Menge, die sonst auf einer der vielen neuen Müllhalden der Insel verrottet wäre.

(Bild: Wilhelm Wintertidh)

Eine der Freiwilligen ist Alexandra Wynne, 27.

In ihrem anderen Leben ist sie Model in New York City und designt Licht-Kostüme für das Burningman-Festival. Auf der Dirty-Girl-Facebookseite lehnt Wynne lässig an einer Wand, blickt über die Olivenbäume, die Segelboote im Hafen. Sie trägt enge Röhrenjeans, ein weißes Top, einen bunten Schal, schwarz-pinke Sneaker. Daneben steht: "Schal (Kaschmir-Wolle) angekommen am 28. Dezember am Eftalou-Beach". "Weißes T-Shirt (Baumwolle) angekommen am 2. Januar, Korakas". Wie in der Cosmopolitan.

"Das kannst du genauso in New York City tragen", sagt sie lachend, während sie Socken auffädelt, damit die beim Waschen später nicht verloren gehen. "Wenn die Flüchtlinge schon nicht interessieren, dann wenigstens der Müll. Der geht uns alle an. Was hier passiert, ist nicht nur eine menschliche, sondern auch eine ökologische Krise", sagt sie. "Unsere Arbeit kann Vorbild sein in einer Welt der Billigproduktion, in der wir Sachen eher wegwerfen, als sie zu waschen."

Alexandra Wynne

Alexandra Wynne (Bild: Wilhelm Wintertidh)

Dafür hat Gründerin Alison Terry-Evans im Norden der Insel eine kleine Wäscherei angemietet, die durch das Projekt den Umsatz ihres Lebens macht. Über Crowdfunding hat sie schon mehrere Tausend Euro gesammelt – bis zu 800 davon verwäscht sie täglich.

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"Es ist ganz einfach: So eine Wolldecke kostet neu zehn Euro – waschen wir die, sind es nur drei."

Hinzu kommt, dass Lesbos mit seinen zwölf Stunden Fährfahrt vom europäischen Festland recht abgeschieden liegt. Das Kleiderspendenbeben, das in Deutschland und Österreich die Stauräume der Hilfsorganisationen erschüttert hat, erreichte die Insel nie. Stattdessen Pakete aus Australien und den USA. "Und wie sich die Kleidergrößen des Durchschnittsamerikaners vom Durchschnittssyrer unterscheidet – das kann man sich ja vorstellen."

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Naserdin muss lachen, als ihm eine Freiwillige erzählt, woher die Kleider kommen. Er streicht den Pullover glatt, schaut an sich herunter. "Der hat sich was Schickes ausgesucht, ich hoffe, das war nicht sein Lieblingspullover!"

Ein weißer Lieferwagen fährt vor das Camp. Hupt. Schwarze, blaue, weiße Säcke werden herausgetragen. Ab damit in die Wäscherei. Und am Strand ziehen die Helfer das nächste schwarze Gummiboot ans Ufer.

Hier kannst du für das Projekt der "Dirty Girls" spenden.

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