Bild: Raphael Knipping

Gerechtigkeit

Der Fluchthelfer von der CSU

19.10.2015, 15:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Ein junger CSU-Politiker fährt nach Ungarn, um Flüchtlingen zu helfen. Und verzweifelt an seiner Partei.

"Food, food. Family, family. Baby, baby“, rufen sie aus den Zügen. Hungrige, verzweifelte Flüchtlinge hängen sich aus den Fenstern der rostigen Personenwaggons und halten den Helfern ihre Kleinkinder entgegen - um ihre Chancen auf ein bisschen Essen zu erhöhen. Basti schaut auf seine Hand, ein Lunchpaket hat er noch. Er hält es hoch, sieht aber nicht nach oben. Er will nicht wissen, wem er es gibt. "Wieso muss ich überhaupt wählen, wieso muss ich das hier überhaupt machen?", wird er mich später fragen.

Basti heißt eigentlich Sebastian Huber. Zu Hause in Gröbenzell bei München führt der blonde 20-Jährige den Ortsverband der Jungen Union. Er nennt sich selbst konservativ, einen Patrioten.

Seit fünf Jahren ist er Mitglied in der CSU, deren Spitzenpolitiker seit Monaten mit scharfen Parolen gegen Flüchtlinge schießen. Markus Söder, der Hoffnungsträger der Partei, hat sogar einen deutschen Grenzzaun ins Gespräch gebracht, um Hilfesuchende abzuwehren. Das ist Bastis Welt - eigentlich. In seinem vom Matsch rot-braun gescheckterten Passat liegen ein paar Bierfilze herum: „Bei uns schmeckt das Bier am besten. Junge Union“.

Basti am Steuer: Er will sich in Ungarn ein Bild von der Lage vor Ort zu machen.

Basti am Steuer: Er will sich in Ungarn ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. (Bild: Raphael Knipping)

Basti ist voller Überzeugung in die CSU eingetreten, auch wegen der scharfen Ansagen an Zuwanderer: "Wer randaliert fliegt raus, wer kein Deutsch kann, kommt gar nicht erst rein“, hat Ex-Parteichef Edmund Stoiber mal gesagt. "Ich fand das gut, die Leute sollen sich ja nicht abkapseln – da braucht es doch klare Regeln“, erinnert sich Basti. "Heute ist mir klar: Wenn wir Integration so denken wie damals, werden wir versagen.“ Da kämen Menschen, keine Unmenschen. Menschen, denen geholfen werden müsse.


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Deshalb hat er sich bei der Hilfsorganisation SOS-Konvoi gemeldet, hat in Wien Wasser und Halal-Sandwiches in sein Auto geladen und ist nach Zakany an der ungarisch-kroatischen Grenze gefahren. Um "mir ein Bild von der Lage vor Ort zu machen“.

Es ist Bastis zweiter Tag in Zakany. Nein, es ist sein fünfter Zug. In Zakany vergeht Zeit nicht in Tagen, sondern in Zügen. Im September passierten täglich 6000 Menschen den alten Güterbahnhof. Seit Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban die Einreise über Röszke an der serbischen Grenze für illegal erklärte, ist Zakany das neue Nadelöhr.

Die Menschen werden von den Soldaten und Polizisten durch den Bahnhof getrieben. Durchgetrieben wie marha, wie sie die Polizisten nennen. Kühe. 100 in einer Reihe, die Hand auf der Schulter des Vordermannes. Zu Fuß kommen sie über die Grenze, durch das Loch im Zaun. 2,8 Kilometer vom kroatischen Botovo nach Zakany, wo sie in die manchmal 17 Waggons langen Züge verladen werden. Und wo Basti und die anderen Helfer Wasser und die bescheidenen Lunchpakete in die Züge reichen.

Basti sieht ratlos aus, während er als wahrscheinlich erstes CSU-Mitglied an dem einschüchternden Zaun entlangläuft. Er ist enttäuscht von seinem Parteichef Horst Seehofer. Der hat Viktor Orban, den Bauherren des Zauns, kürzlich nach Bayern eingeladen und Unterstützung für den ungarischen Ministerpräsidenten gefordert. "Wie kann man so naiv sein? Wie kann man das unterstützen und glauben, das würde die Leute irgendwie davon abhalten?“, fragt mich Basti.

Wir laufen über ein schlammiges Mosaik aus Decken und Rucksäcken. Kinderjäckchen und Schuhen, die sich der Schlamm in der Hast einverleibt hat. Relikte der vergangenen Nacht, die die Menschen verloren haben, als sie durchgetrieben wurden. Von den schreienden Polizisten mit vor den Bauch gebundenen Tränengaskartuschen, von den Soldaten mit ungeladenen Gewehren auf dem Rücken und Weidstöcken in der Hand.

Basti ist kreidebleich, die blauen Augen blutunterlaufen. Er ist seit fast 40 Stunden wach, voll auf Koffein. "Die Leute kommen und kommen, und der Grenzzaun macht das unerträgliche Leid nur noch unmenschlicher“, sagt er.

CSU-Politiker Markus Söder: Jede freie Minute denkt Basti über den Parteiaustritt nach

CSU-Politiker Markus Söder: Jede freie Minute denkt Basti über den Parteiaustritt nach (Bild: dpa)

"Hast du dir noch nie überlegt, aus der Partei auszutreten?", frage ich ihn. "Seit ich hier bin, tue ich das in jeder freien Minute“, sagt er. "Eigentlich müsste das die logische Konsequenz sein, ja.“ Aber da ist noch dieser Strohhalm der Hoffnung. Dass sich die CSU wieder auf ihre Werte besinnt: Christliche Solidarität und der Glaube, dass Heimatliebe und Willkommenskultur vereinbar sind. Und die Angst, dass fünf Jahre Parteiarbeit umsonst wäre. Angst die Freunde zu verlieren. Und die Angst, zu enttäuschen.

So viele freie Minuten gibt es aber in Zakany nicht. Um Angst zu haben, um nachzudenken. Zug sechs. Food, food. Family, family. Baby, Baby. Basti rennt, hält die Essentütchen hoch, die Wasserflaschen. Bis nichts mehr da ist. "Hey, my friend“, ruft ihm ein Familienvater aus dem Zug zu, als Basti schon wieder gehen will. Die beiden kleinen Töchter drücken ihre Nasen gegen die Fensterscheibe, während sie auf dem labbrigen Weißbrot herumkauen. "What´s your name?“ "I´m Basti.“ "Thank you Basti. You made my family happy. You are my hero.“

Da fangen die Polizisten schon an zu brüllen. Wie immer kurz bevor der Zug abfährt. 16 Waggons, die sich knarzend in Bewegung setzen. Basti wischt sich die braune Suppe aus Schweiß, Regen und Dreck von der Stirn, während wir dem Zug hinterherschauen, den winkenden Menschen. "Das ist kein normaler Zug“, sagt Basti dann. "Das ist der Zug in ein neues Leben“.

Seit diesem Freitag um Mitternacht ist die Grenze zu Kroatien wieder dicht. Ein alter rostiger Güterwaggon, voll verkleidet mit NATO-Draht, verstopft jetzt stopft das Loch im Zaun: Mad Max, nennen die Helfer das Ungetüm. Basti war bis zum Ende vor Ort. Wahrscheinlich wird Zakany jetzt wieder so grau, ruhig und unscheinbar wie vorher. Dass die Grenze sich nochmal öffnet, glaubt hier niemand. Aber Basti wird weiter machen, sagt er. Mindestens bis Mitte November. Dann will er seinen Parteikollegen auf der Hauptversammlung in Gröbenzell berichten. Berichten von Zäunen, von Menschen. Und von Heros, die mehr als Maulhelden sind.

Erschöpfter Helfer: 40 Stunden wach, voll auf Koffein.

Erschöpfter Helfer: 40 Stunden wach, voll auf Koffein. (Bild: Raphael Knipping)

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