Bild: Raoul Kopacka

Gerechtigkeit

Flucht über das Mittelmeer: "Was hier draußen passiert, ist einfach nur krank"

12.05.2017, 10:13 · Aktualisiert: 15.05.2017, 14:42

Wie ein paar Freiwillige versuchen, so viele Menschen wie möglich zu retten

Wären Annemiek und Ruben nicht gewesen, wäre Justina jetzt wahrscheinlich tot. 5. Mai 2017, ertrunken irgendwo im Mittelmeer an der europäischen Außengrenze. Niemand, der sie gefunden, niemand, dem sie ihre Geschichte erzählt hätte. Nur eine Zahl in der Statistik des Flüchtlingshilfswerks der Uno. Tote und Vermisste im Mittelmeer: Justina wäre Nummer 1345 gewesen.

Aber Justina lebt. Zusammengekauert, zitternd an die Reling der Sea-Watch gelehnt, einem zivilen Seenotrettungsschiff. Ihr Blick ist leer, das Gesicht wie eingefroren. Noch ist die Todesangst nicht der Erleichterung gewichen: 135 Menschen auf 15 Meter Gummiboot, 30 Zentimeter dick der Boden, darunter tausend Meter Meer.

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"Um Mitternacht sind die arabischen Männer ins Camp gekommen. Sie haben uns in einen Lastwagen getrieben und zum Meer gefahren", erzählt mir Justina später. Es ist die letzte Etappe nach Europa, von Libyen nach Italien.

Sie haben uns Waffen an den Kopf gehalten und uns gezwungen, auf das Gummiboot zu gehen. Dann haben sie uns mit einem Speedboot hinaus aufs Mittelmeer gezogen und sind abgehauen.
Justina

Sieben Stunden später springe ich mit Annemiek auf ein Gummi-Schnellboot, ein Rhib. In ihrem normalen Leben verkauft die 28-Jährige in ihrem kleinen Bio-Laden in Utrecht in den Niederlanden handgemachte Seifen und selbstgebackenes Brot, draußen auf dem Meer ist sie Rettungsfahrerin. Sie ist eines von 16 Crew-Mitgliedern der Sea-Watch, einer Berliner Organisation, die seit 2015 auf dem Mittelmeer Menschenleben rettet und dokumentiert, wie die Außengrenzen der EU abgeschottet werden.

Raoul Kopacka
Raoul Kopacka
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Raoul Kopacka
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Es ist 6.20 Uhr am Morgen, als einer aus der Crew Alarm schlägt: Target! Vier Meilen voraus! Target heißt für Sea-Watch: Flüchtlingsboot. Für Annemiek ist es der Alarm, das Boot fertig zu machen.

Sie hat die Dreadlocks unter einem weißen Schutzhelm zusammengeknotet, die Augen zusammengekniffen. Unser Rhib jagt mit 30 Knoten über die glatte Meeresoberfläche, jagt auf den schwarzen Punkt am Horizont zu. Aus dem Punkt werden Punkte, aus Punkten Menschen. Menschen in panischer Angst. Menschen, denen wir Rettungswesten geben und die wir später vom Gummiboot auf unser Schiff holen.

Ich habe mich gefühlt wie in einem total verstörenden Action-Film. Das kann nicht echt sein: Da sind drei junge Leute auf einem Rhib, deren Einsatz allein über Leben und Tod von 135 Menschen entscheidet. Wer denkt sich so etwas aus?
Annemiek
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An diesem Freitag dauert ihr Einsatz 15 Stunden. Erst nach vier weiteren Booten geht sie zurück an Bord der Sea-Watch. Da sind bereits 274 gerettete Menschen an Bord, 121 auf den Rettungsinseln im Wasser daneben. Eigentlich dürfen nicht mehr als 150 Menschen an Bord sein. Die Sea-Watch ist komplett überladen und kaum mehr manövrierfähig.

"Ik sach ma so, Berlin & Techno is wichtiger als Frontex – Ruben Kalkbrenner", steht auf dem Foto von Ruben geschrieben, das in der Schiffs-Brücke hängt. Hinter der Fensterfront steht der 33-jährige Kapitän in seinem schwarzen T-Shirt, auf dem "Fight Racism" steht. 

(Bild: Raoul Kopacka)

Davor liegen dicht an dicht Menschen in gold-silberne Wärmedecken gewickelt, trotzdem zitternd. Kaum ein halber Quadratmeter für jeden von ihnen, "alles besser als Libyen", sagt Justina.

Die Wellen peitschen über den Bug, der Sturm hat das Sonnensegel weggerissen. Seit beinahe 40 Stunden sind die Menschen jetzt an Bord, Ruben läuft nervös die Brücke auf und ab und versucht, die Seenotrettung in Rom zu erreichen. Die sind eigentlich zuständig, sollen ein Schiff schicken, das die Geflüchteten von Bord holt.

"Ich kann nicht länger für die Sicherheit von unseren Gästen und Crew garantieren. Wenn nicht sofort Hilfe kommt, wird es Tote geben!", brüllt er in das Funkgerät. Die Antwort aus Rom ist knapp: "Negativ." 

Seit 2017 gibt es praktisch keine Schiffe der europäischen Union mehr hier draußen. Sie lassen uns komplett im Stich. Damit ihre Strategie aufgeht und mehr Menschen im Mittelmeer sterben, weil sie glauben, dass dann niemand mehr kommt.
Kapitän Ruben

Die Präsenz der EU-Schiffe im Mittelmeer nimmt ab, dafür wächst die Kritik an den freiwilligen Seenotrettern.

Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz sagte im März, dass die Helfer mehr Tote im Mittelmeer verursachen, anstatt weniger. Die Schlepper würden nur noch mehr seeuntaugliche Boote losschicken, wenn diese schon wenige Meilen entfernt von der libyschen Küste aufgegriffen würden. 

Gegen Hilfsorganisationen wird ermittelt. Der italienische Staatsanwalt Carmelo Zuccaro verdächtigte die Freiwilligen zuletzt sogar, mit den Schleppern in Libyen zusammenzuarbeiten. (Tagesschau)

"Ich kann, wenn ich solche Vorwürfe höre, nur lachen", sagt Ruben auf der Brücke. "Warum müssen wir uns und die Menschen hier draußen in Gefahr bringen, wenn wir auch einfach in Libyen anrufen könnten und Bescheid geben, wann es uns gerade gut passt?" 


Draußen vor der Brücke sitzt Justina. Sie ist müde und hält den Kopf in die Hände gestützt. "Danke, dass ihr so gut zu mir seid", sagt sie. "In Libyen behandeln sie uns schwarze Menschen wie Dreck." Eigentlich wollten sie und ihr Mann nie nach Europa, eigentlich kamen sie nach Libyen, um zu arbeiten, weil es in Nigeria keine Arbeit gab. "Aber dort halten sie uns wie Tiere in den Camps, schlagen uns, nachdem, was sie mir angetan haben, kann ich nicht mehr normal laufen – ihnen ist es egal ob wir sterben oder nicht."

Über die Recherche

Unser Autor Bartholomäus von Laffert hat Sea-Watch zwei Wochen beim Einsatz im Mittelmeer begleitet. Die Reisekosten wurden vom Förderverein der katholischen Journalistenschule ifp in München übernommen. Der Förderverein hatte keinen Einfluss auf diesen Beitrag.

Erst Sonntagnacht um 22.35 Uhr verlässt der letzte Geflüchtete die Sea-Watch. Ein britisches Kriegsschiff und die Vos Prudens, das Seenotrettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen, haben die Menschen abgeholt. "Abgeborgen", sagen sie hier dazu. Die Menschen kommen nach Sizilien, wo sie registriert werden.

Freuen können sich Annemiek und Ruben an diesem Sonntagabend trotzdem nicht. 6000 Menschen konnten allein an diesem Wochenende aus Seenot gerettet werden. Acht Gummiboote wurden gesichtet, denen niemand helfen konnte.

Acht Boote, das sind etwa tausend Menschen.

"Den Rest muss sich jeder selber denken", sagt Ruben.

Annemiek schluckt. "Wie viele Menschen müssen noch sterben, bevor Europa was unternimmt?", fragt sie, dann senkt sie den Blick und sagt: "Was hier draußen passiert, ist einfach nur krank."

Wie kann ich helfen?

Seitdem die Europäische Union ihr Rettungsprogramm "Mare Nostrum" gestoppt hat und auf hoher See vor allem ihre Grenzen schützt, sind es vor allem kleine, private Initiativen, die vor Ort aktiv helfen. Inzwischen gibt es schätzungsweise zehn private Schiffe, die zur Rettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer aktiv sind.

Diese vier Organisationen sind besonders bekannt:

Eine weitere Gruppe, die ebenfalls mit einem eigenen Schiff helfen möchte, nennt sich Mission Lifeline und kommt aus Sachsen. Viele der Aktivisten haben bereits beim "Dresden-Balkan-Konvoi" an Land geholfen. Für ihren ersten Einsatz auf See sammelt die Organisation derzeit noch Spenden.

Welche Organisationen sind vertrauenswürdig?

Die meisten der Organisationen sind so klein, dass sie sich kein offiziellen Spendensiegel zulegen. Ruben Neugebauer von Sea-Watch sagt: "Wir stecken über 90 Prozent unserer Spenden direkt in die Arbeit vor Ort."

Auch die anderen Organisationen nennen ähnliche Zahlen. Gebraucht werden die Spenden, um die Schiffe am Laufen zu halten, Hilfsgüter zu kaufen, medizinische Betreuung zu leisten und die Rettungseinsätze zu koordinieren. Der Großteil der Besatzungen arbeitet ehrenamtlich.

Wie kann ich ohne Geld helfen?

Abgesehen von Spenden benötigen die Organisationen auch praktische Hilfe. Die meisten haben aber bereits eingespielte Teams aus Technikern und Medizinern an Bord und suchen derzeit keine Besatzungsmitglieder mehr – mit Ausnahme von Sea-Eye.

Aber auch in Deutschland wird Hilfe gebraucht: Beispielsweise, um weitere Unterstützung zu organisieren oder Veranstaltungen durchzuführen, zum Beispiel mit SOS Mediteranée.

Noch wichtiger ist eine andere Politik. Neue Lösungen, damit niemand mehr auf dem Schlauchboot übers Meer fliehen muss. Dafür können wir alle etwas tun: Im Herbst sind schließlich Bundestagswahlen.


Sport

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12.05.2017, 08:32 · Aktualisiert: 12.05.2017, 10:39

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