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12.06.2018, 12:00 · Aktualisiert: 13.06.2018, 10:01

Drei junge Aktivistinnen erzählen.

Mit verbundenen Augen und zugeklebten Mündern laufen sie zu Tausenden durch die Straßen, rote Handabdrücke auf den Gesichtern, auf den Körpern, manchmal im leisen, manchmal im lauten Protest: Seit Wochen schon ist Chile auf den Straßen.

20 Universitäten wurden von feministischen Gruppen besetzt. In den Talkshows des Landes und auf Social Media wird über Geschlechterrollen diskutiert. Am vergangenen Mittwoch gingen laut Angaben der Veranstalter 80.000 Menschen in der Hauptstadt Santiago gegen sexistische Bildung auf die Straße. Die #MeToo-Bewegung hat Lateinamerika erreicht. Die chilenischen Medien sprechen von einer Zäsur: Es soll ein Vor und ein Nach den Protesten von 2018 geben.

Zu Beginn der Aufstände standen zwei Fälle von sexueller Gewalt, die beide Anfang Mai öffentlich wurden: Eine 28-Jährige wurde nach einem Fußballspiel von einer Gruppe Fans mehrfach vergewaltigt. Nur einen Tag später berichteten Medien von dem Missbrauch und Mord eines 20 Monate alten Mädchens. Ihre Empörung und Verzweiflung über diese unmenschlichen Taten machten die Chilenen auf der Straße deutlich.

Doch es gab schon früher Gruppenvergewaltigungen in Chile. Und es ist nicht das erste Mal, dass ein Kind missbraucht wird.

Warum ausgerechnet jetzt?

Laut offiziellen Zahlen haben die Fälle von sexueller Gewalt in Chile nicht zugenommen. (El País) Was sich allerdings verändert hat, ist die Akzeptanz von männlicher Dominanz in der Gesellschaft. Denn es geht längst nicht mehr nur um die beiden genannten Fälle.

Es geht darum, wer welchen Platz in der Gesellschaft hat. Es geht um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, auf öffentlichen Plätzen, an den Universitäten und Schulen. Es geht um Sicherheit, um Selbstbestimmung, um Respekt. Chiles Frauen sind wütend. Und diese Wut tragen sie gerade auf die Straße.

Sie fordern mehr Gesetze, die Frauen und ihre Rechte schützen sollen. Bisher ist die chilenische Regierung noch nicht auf die Forderungen eingegangen. (DW)

Wir haben mit drei Chileninnen darüber gesprochen, warum sie auf die Straße gehen und was sich ändern muss.

Catalina, 22, aus Santiago, studiert Ingenieurswesen für erneuerbare Energien

"Mein Körper wird nicht verkauft!"

"Mein Körper wird nicht verkauft!"

​Ich lebe in einer Gesellschaft, in der mir meine Rechte jeden Tag genommen werden.
Catalina

Wir Frauen werden unterdrückt, weil wir mit einer Vagina auf die Welt kommen. Uns wird vorgeschrieben, wie wir uns zu kleiden haben, wie wir uns zu benehmen haben, wann wir unsere Meinung sagen dürfen und wie. Wir werden sexualisiert, wir lernen, uns zu schämen, für unsere Körper, für unsere Periode, dafür, dass wir uns schminken oder uns nicht schminken. Unsere Körper sind zum Konsum da. Damit ist jetzt Schluss.

Was wir brauchen, ist eine freie Bildung. Denn die Bildung prägt unser Denken und unser Verhalten. Momentan ist die Bildung in Chile von Sexismus durchtränkt. Man sieht es daran, dass die Dozenten mich als Ingenieursstudentin fragen: "Wofür willst du denn Mathematik verstehen? Du bist doch eine Frau." Man sieht es auch daran, dass wir hauptsächlich mit Literatur von Männern arbeiten, dass wir viel über Errungenschaften von Männern lernen, aber so gut wie nichts von Frauen.

Catalina protestiert: "Mein Körper, meine Entscheidungen!"

Catalina protestiert: "Mein Körper, meine Entscheidungen!" (Bild: Privat)

Darum gehe ich auf die Straße. Ich protestiere, ich schreie, ohne Oberteil, mit Farbe auf meinem Körper und im Gesicht, mit Schildern und Bannern auf denen steht "Mein Körper, meine Entscheidung".

Menschen kommen nicht als Machos auf die Welt, die Gesellschaft macht sie dazu. Darum ist es wichtig, dass wir die Gesellschaft verändern. Mit meinem Protest fordere ich eine gesündere, empathischere, verantwortungsvolle Gesellschaft. Das werden wir nicht heute und nicht morgen erreichen, aber bald. Wir haben eine Veränderung angestoßen, und die lässt sich nicht mehr anhalten.

Sarina, 23, studiert Umweltbiologie in Santiago

(Bild: Privat)

Diesen Konflikt, der sich jetzt auf der Straße sichtbar macht, leben wir in Chile schon seit Jahrzehnten. Wir haben keine Geduld mehr, wir tolerieren die Gewalt gegen uns Frauen nicht mehr. Die Zeiten ändern sich. Wir können jetzt sagen, was wir zu sagen haben.

Wir haben heute mehr Kraft und Möglichkeiten denn je, um die Gesellschaft zu verändern.
Sarina

Ein Mann hat in Chile viel höhere Chancen auf Bildung als eine Frau. Die wichtigsten Stellen in Bildungseinrichtungen werden von Männern besetzt. Zwei Drittel derjenigen, die sich auf Stipendien bewerben und sie auch bekommen, sind Männer. Uns Frauen wird nicht so viel zugetraut wie Männern.

Ich möchte meine Universität von innen heraus verändern, ich möchte meine Meinung sagen. Die zukünftigen Generationen sollen frei von Diskriminierung studieren können, sie sollen nicht mehr sexuell belästigt werden, sie sollen keiner Gewalt mehr ausgesetzt sein. Wir versuchen einen Dialog zu schaffen. Die Verantwortlichen müssen endlich ihre Pflichten einhalten.

In Bewegungen wie #MeToo und #Cuéntalo oder "Ni una menos" – nicht eine weniger – vereinen wir unsere Kräfte. So können wir den Protest ins ganz Land, in die Welt hinaustragen. Das macht uns stärker.

Valentina, 26, Zahnmedizinerin aus Valparaíso

"Wir müssen den Sexismus im Bildungswesen auslöschen."

"Wir müssen den Sexismus im Bildungswesen auslöschen." (Bild: Privat)

Jeden Tag werden in Chile Frauen umgebracht. Oft von ihren eigenen Partnern. Frauen werden schon in sehr begrenzte Räume hineingeboren. Nur in diesen können sie sich bewegen. Das ist Konsens in der Gesellschaft, es ist einfach normal geworden. Mord ist letztlich nur der Höhepunkt einer konstanten Gewalt, die sich gegen das weibliche Geschlecht richtet.

Wir sind verbaler, physischer, psychischer und ökonomischer Gewalt ausgesetzt. Wir verdienen für die Arbeit nicht das gleiche Geld wie Männer. Wir bekommen viel weniger Rente, weil die Jahre, in denen wir unsere Kinder großziehen, nicht als Arbeit zählen. Unsere Krankenversicherungen sind teurer als die der Männer.

So wird in Chile protestiert:

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Es gibt Bildungseinrichtungen, die sind ausschließlich für Männer und andere ausschließlich für Frauen. Diese Institutionen sind noch aus einer Zeit, in der man dachte, Männer und Frauen lernen anders und haben unterschiedliche Rollen in der Gesellschaft zu erfüllen. Mit genau diesen Stereotypen möchte der Feminismus aufräumen.

Als ich die Grundschule besuchte, mussten wir Mädchen Nähen und Stricken lernen, die Jungs haben Comics gezeichnet und mit Holz gearbeitet. Man durfte nicht einfach die Gruppen wechseln. Wir sollten lernen, was sich für uns "gehört". Die Bildung muss aufhören, Stereotype zu reproduzieren, die uns vorschreiben, wie wir zu leben haben.

Unser Protest ist kein Randgruppen-Phänomen mehr – er geht alle etwas an.
Valentina

Ich bin mit meinem Freund zusammen demonstrieren gegangen. Wir standen Seite an Seite mit Frauen, die oberkörperfrei waren und laut Parolen gerufen haben, neben Männern in Anzug und Krawatte, neben Jungen und Mädchen in Schuluniformen. Es ist ein sehr bunter Protest, junge und alte Menschen sind dabei.


Trip

Die EU vergibt ab jetzt gratis Interrail-Tickets

12.06.2018, 11:18 · Aktualisiert: 12.06.2018, 18:24

Vorausgesetzt, du bist 18.

18-Jährige sollten diese Chance nutzen: Die EU hat 700 Millionen Euro für Programme für junge Europäer und Europäerinnen, unter anderem für 15.000 Interrail-Tickets, springen lassen. (bento) Diesen Sommer kann man damit für einen Monat quer durch vier europäische EU-Länder – umsonst. 

Die Bewerbung dafür beginnt am Dienstag, 12. Juni, 12 Uhr, und endet am 26. Juni um 12 Uhr.