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Gerechtigkeit

Ab wann ist jemand eine Feministin?

21.05.2017, 18:08 · Aktualisiert: 23.05.2017, 08:59

Von pinken Wollmützen und ungerechter Bezahlung

Die Farbe Pink erlebt gerade vielleicht den Höhepunkt ihrer politischen Karriere. Seit Millionen von Frauen auf der ganzen Welt gegen Donald Trump auf die Straßen gezogen sind, gelten pinke Wollmützen, "Pussy Hats" als politisches Statement: Ich bin für Demokratie und Gleichberechtigung – und ich bin Feministin.

Das klarzustellen, scheint immer mehr Frauen immer wichtiger zu werden. Ivanka Trump zum Beispiel bezeichnet sich selbst als Feministin (Angela Merkel weiß es nicht so recht). Beyoncé gilt schon seit ein paar Jahren als neue Ikone der Frauenbewegung, endlich auch für die nicht-weißen Frauen. Modemarken verkaufen Frauenpower jetzt auch zum Anziehen: T-Shirts mit "Feminismus"-Schriftzug, bei Dior beispielsweise für 300 Euro. Kurz: Der Feminismus hat sein intellektuelles Image abgelegt und ist Teil der Popkultur worden.

Was bedeutet das für die Frauenbewegung? Was bedeutet Feminismus heute?

Darüber haben wir mit der Soziologin Marianne Schmidbaur gesprochen. Sie arbeitet beim Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien in Frankfurt.

Marianne Schmidbaur

Marianne Schmidbaur

Feminismus gehört jetzt zur Popkultur: Modemarken werben damit, Promis wie Beyoncé gelten als neue feministische Symbolfiguren. Was bedeutet das für die Bewegung?

Dass prominente Frauen sich als Feministinnen bezeichnen, ist relativ neu für mich. Es zeigt, dass es wichtig geworden ist, selbstbewusst, kritisch und reflektiert wahrgenommen zu werden. Wenn Beyoncé sich für feministische Ziele einsetzt, ist das toll, weil man ganz viel in ihren Liedern darüber lesen kann. Aber sich nur ein T-Shirt überzuziehen und Feministin zu nennen ist lächerlich.

Wann ist jemand in Ihren Augen eine Feministin?

Zunächst hat natürlich jeder Mensch das Recht, sich selbst zu verorten. Feminismus ist kein geschützter Begriff. Aber dazu gehören dann auch feministische Ziele: Emanzipation, Geschlechtergerechtigkeit und die Abschaffung von Diskriminierung. Eine Feministin zeigt Solidarität und kämpft nicht nur für sich. Das bedeutet auch, den Mut zu haben, sich einzumischen, wenn man Zeuge von ungerechter Behandlung wird.

Kann ich Feministin sein, ohne mich so zu nennen?

Sicher gibt es im Alltag viele Menschen, die sich für feministische Ziele einsetzen, sich aber nie so nennen würden. Aber erst die explizite Bezeichnung als „Feministin“ oder „Feminist“ zeigt, dass ich mich auch einer Bewegung zugehörig fühle.

Die Grundströmungen des Feminismus

In den Anfängen der Frauenbewegung haben sich zwei verschiedene Grundströmungen herausgebildet. Die einen – Anhänger des Differenzfeminismus – meinen, dass Männer und Frauen verschieden sind, schon allein körperlich, und in dem, wie sie denken und fühlen. Beide Geschlechter haben wichtige Eigenschaften für eine Gesellschaft, denen die traditionellen Rollen aber nicht gerecht werden. Es geht darum, das "Andere" zu akzeptieren.

Der Gleichheitsfeminismus geht davon aus, dass beide Geschlechter gleich sind und die Gesellschaft sie zu verschiedenen Rollen erzieht – indem wir zum Beispiel nur Mädchen rosa Kleider anziehen und Barbies zum spielen geben. Das "Andere" soll hier überwunden werden.

In den Anfängen des Feminismus ging es vor allem um gesetzliche Gleichberechtigung. Wofür kämpfen wir heute?

Ja, das stimmt. Es ging um das Wahlrecht, den Zugang zu Bildung und Arbeit und die Möglichkeit, ein selbständiges Leben zu führen, ohne dass Vater oder Ehemann bestimmen, wo es langgeht. Da ist Vieles erreicht worden.

Aber es gibt auch noch viel zu tun. Diskriminierung und Vorurteile sind immer noch ein Thema. Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer und übernehmen seltener Führungspositionen. Auch Kinderbetreuung ist immer noch vor allem Frauensache.

Es gibt auch neue Themen: Die Anerkennung schwuler, lesbischer oder queerer Lebensentwürfe ist mehr in den Mittelpunkt gerückt. Und internationale Themen spielen eine große Rolle – die Auseinandersetzung mit dem kolonialistischen Erbe beispielsweise und wie Geschlechtergerechtigkeit weltweit erreicht werden kann.

Hat sich die Art des Kampfes dabei verändert?

Was ins Auge springt, sind vor allem die Veränderung in den Organisationsformen:

  • Im 19. und 20. Jahrhundert kamen sie vor allem in Vereinen zusammen, beispielsweise in Bildungs- oder Arbeiterinnenvereinen.
  • In den 60er und 70er Jahren gingen viele eher auf die Straßen und in Frauenzentren.
  • In den 80er und 90er Jahren zogen sie durch die Institutionen: Das war die Zeit, in denen viele Gleichstellungsstellen eingerichtet wurden.
  • Und heute passiert eben ganz viel im Internet. Jetzt gibt es Netzfeministinnen und Hashtags.
Eine Feministin zeigt Solidarität und kämpft nicht nur für sich.
Marianne Schmidbaur

Sie meinen Bewegungen wie #aufschrei oder #schauhin. Was können Hashtags bewirken?

Ganz viel. Medien berichten darüber, viele Menschen bilden sich eine Meinung. Das Thema ist auf dem Tisch. Das ist für mich auch eine der größten Errungenschaften der neueren Frauenbewegung: Dass sie Sexismus öffentlich benennt, Position bezieht und sagt, dass wir so nicht leben wollen.

Gibt es noch andere Errungenschaften der jüngeren Vergangenheit, die zentral sind für den Feminismus?

Ich finde, die Gesellschaft ist offener für vielfältige Lebensentwürfe geworden. Heterosexualität als Norm hat an Bedeutung verloren. Dafür haben gerade auch feministische Bewegungen viel getan. Es geht um sexuelle Selbstbestimmung in all ihren Facetten.

So hat sich der Feminismus entwickelt

Die Frauenbewegung wird grob in drei Wellen unterteilt:

  1. Welle – Mitte des 19. - Anfang des 20. Jahrhunderts: kämpfte für gleiche Rechte – Frauenwahlrecht, Erwerbstätigkeit, Recht auf Bildung. In Deutschland dürfen Frauen seit 1918 wählen, studieren seit 1900.
  2. Welle – 60er Jahre: begann den Kampf gegen feste Frauenbilder und für Selbstbestimmung – beispielsweise für das Recht auf Abtreibung.
  3. Welle – 90er Jahre: Das Bild von "Weiblichkeit" wird facettenreicher, es geht jetzt auch um eine neue Rolle des Mannes und um sexuelle Ausrichtung im Allgemeinen. Die Schwarzen-Bewegung kritisiert den Feminismus der zumeist weißen (privilegierteren) Mittel- und Oberschicht.

Das betrifft dann auch Männer. Ist Feminismus nur was für Frauen?

Auf keinen Fall. In allen Phasen der Frauenbewegung waren Männer wichtige Wegbereiter. Sie sind die Gatekeeper, die Frauen Zugang verschaffen können. Und es ist auch sehr wichtig, an Männerbildern zu arbeiten. Wir brauchen positive Rollenmodelle: Männer, die sich kümmern, die sich für Gleichberechtigung engagieren. Und sie müsse vielfältiger werden: Neben „Managern“ und nimmermüden „Helden“ beispielsweise auch der „Hausmann“, der „Entbindungshelfer“ oder der „Durchschnittsmann“, der Gefühle zeigen darf und mal erfolgreich ist, mal scheitert.

Hier kannst du lesen, warum junge Männer sich als Feministen bezeichnen:

Können Sie es verstehen, wenn gerade junge Menschen heute das Gefühl haben, wir brauchen Feminismus nicht mehr, um selbstbestimmt zu leben?

Ich kann es verstehen, je nachdem, wo und wie man aufwächst. Aber man muss auch sehen: Trotz Fördermaßnahmen haben Frauen in hochbezahlten Positionen immer noch nicht erreicht, was sie erreichen könnten. Sie verdienen weniger bei gleicher Qualifikation und Kinder kriegen ist immer noch ein strukturelles Hindernis für die Karriere – und damit auch für die Selbstbestimmung.

Die Probleme kommen also erst später, wenn man arbeitet und Kinder bekommt?

Vielleicht ist das so. Es gibt einige Studien die beispielsweise zeigen, dass Paare, die sich selbst als gleichberechtigt empfinden und so auch leben wollen, oft in alte Rollenmodelle zurückfallen, sobald sie Kinder bekommen. GeschlechterforscherInnen nennen das die “Traditionalisierungsfalle”.

Was ist mit der AfD und anderen Strömungen gegen Feminismus –sehen diese Männer sich vom Feminismus zunehmend unter Druck gesetzt?

Ja, ich denke, selbstbewusste und erfolgreiche Frauen machen manchen Personen Angst. Dazu kommen nationalistische Argumente. In der Familie, die sich die AfD als Keimzelle der Nation vorstellt, ist alles in „natürlicher“ Ordnung: Vater, Mutter, drei Kinder. Keine Diskussion über unterschiedliche Lebensentwürfe, punktum. Das autoritäre Programm ist einfach.

Wie erklären Sie sich, dass auch Frauen den Anti-Feministen zustimmen?

Emanzipation und Freiheit können Angst machen. Selbst verantwortlich zu sein, ist schwierig. Es gibt, glaube ich, den sehr menschlichen Wunsch, die Verantwortung auf andere zu schieben. Unter Frauen hat es daher immer auch Anti-Feministinnen gegeben.

Wie geht man mit solchen Menschen und Meinungen um?

Man setzt sich mit ihnen auseinander, diskutiert, zeigt die Fakten auf. Immer und immer wieder.

Hier findest du unsere besten Artikel zum Thema Feminismus:

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Lana Petersen
<a href="https://stocksnap.io/author/4642">Julia Caesar</a>
dpa / Gregor Fischer
1/12

Was ist mit dem Argument: Allein die ständige Unterscheidung zwischen Frau und Mann verfestige doch die Spaltung der Geschlechter?

Es stimmt schon, dass man die Zweigeschlechtlichkeit immer wieder herstellt, indem man Frauen und Männer getrennt benennt. Es ist zum Beispiel fraglich, ob wir Daten immer abhängig vom Geschlecht auswerten oder erheben müssen. In manchen Fällen ist es relevant, beim Einkommen zum Beispiel. Aber muss man bei einer Bewerbung, bei der Anmeldung eines Kontos, bei der Registrierung für einen Servicedienst das Geschlecht angeben? Wozu wird diese Information gebraucht?

Sollten Medien auch das Frau-Sein von Chefinnen weniger als Nachricht verkaufen?

Ich würde sagen, so lange die Anzahl von Frauen in Chefpositionen nicht die kritische Masse überschritten hat, bleiben sie eine Ausnahme. Und so lange ist es dann eine Nachricht.


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