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Gerechtigkeit

Hellen wurde bekannt, weil sie nackt über die GNTM-Bühne rannte. Wie geht es ihr heute?

16.05.2017, 10:16 · Aktualisiert: 16.05.2017, 12:20

In großen schwarzen Buchstaben stand es auf ihren Brüsten und auf dem Bauch: "Heidis Horror Picture Show". Hellen Langhorst, Aktivistin der Frauenrechtsorganisation Femen, stürmte mit diesen Wörtern auf ihrem nackten Oberkörper die Finalshow von "Germany's Next Topmodel". Die Bilder dazu gingen kurze Zeit später durch das Internet.

Hellen, 27: "Ich würde es jederzeit wieder tun"

Hellen, 27: "Ich würde es jederzeit wieder tun" (Bild: Stefan Weber)

Vier Jahre ist das schon her. Doch seit Femen 2008 zunächst in der Ukraine gegründet wurde und später mithilfe der Hamburgerin Hellen, 27, auch in Deutschland, sorgen die Aktionen der Aktivistinnen immer wieder für Aufmerksamkeit.

Hellen rannte nicht nur nackt über die GNTM-Bühne, sie stürmte auch die ZDF-Talkshow von Markus Lanz, um die Arbeitsbedingungen in Katar, dem Gastgeberland der Fußball-WM 2022, zu kritisieren. Als Rejhaneh Dschabbari in ihrem Heimatland Iran hingerichtet wurde, weil sie einen Mann, der sie vergewaltigen wollte, in Selbstverteidigung erstochen hatte, demonstrierte Hellen mit Femen vor der iranischen Botschaft in Berlin (FAZ).

Femen – was ist das?

"Unsere Mission ist Protest! Unsere Waffe sind nackte Brüste!" – so beschreiben die Femen sich selbst auf ihrer Webseite

  • Die Aktivistinnengruppe wurde 2008 in Kiew gegründet.
  • Ihr erklärtes Ziel ist die Abschaffung des Patriarchats.
  • Seit 2010 sind die Femen auch in Deutschland aktiv, sie haben Ableger in über zehn Ländern.
  • Weltweit hat Femen etwa 300 Mitglieder.
  • Sie finanzieren sich über Spenden und den Verkauf von bedruckten T-Shirts und Accessoires.

Während ihres Studiums in Visual Merchandising machte Hellen immer wieder bei Aktionen mit, heute macht sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin.

Wir haben Hellen gefragt, wie es ihr heute geht – und wie es sich anfühlt, dass die eigenen Brüste für immer im Internet zu sehen sind.

Hellen, was bedeutet Feminismus für dich?

Die absolute Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Damit meine ich die Anerkennung der Individualität jedes einzelnen Menschen, gepaart mit gleichwertigem Respekt unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion oder Kultur.

Das sind die großen Protestaktionen von Femen – in und außerhalb Deutschlands:

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Wie hat dich deine Mitgliedschaft bei Femen in den vergangenen Jahren geprägt?

Als wir die Gruppe gegründet haben, war ich gerade mal 22. Voller Motivation und Euphorie war ich bei allen Aktionen dabei. Mittlerweile habe ich mich selbst besser kennengelernt und weiterentwickelt, größtenteils dank Femen und der politischen Auseinandersetzung.

Wenn man sich ständig mit Patriarchalismus, Religion, Prostitution und Menschenhandel beschäftigt, denkt man früher oder später über seine eigene Stellung in der Gesellschaft nach. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig es ist, mich selbst ernst zu nehmen.

Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass viele Frauen das nicht tun. Um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau überhaupt voranzutreiben, braucht man zunächst Solidarität unter Frauen und ihre Erkenntnis, dass sie eine Stimme haben und diese auch nutzen sollten.

Meine Ausbildung zur Heilpraktikerin richte ich daher auf Frauenheilkunde aus. Ich möchte Frauen unterstützen, zu sich zu finden.

(Bild: Camilla Lobo)

Wie aktiv bist du noch bei Femen?

Sehr! Ich stehe im engen Kontakt zu den anderen Femen-Gruppierungen. Nächste Woche fliege ich zum Beispiel nach Paris, um dort mit den anderen zusammenzukommen und neue Aktionen zu planen, die auch in naher Zukunft wieder in Deutschland stattfinden sollen. Aktiv bleiben heißt für mich, mich zu informieren, und im richtigen Moment zuzuschlagen.

Zugeschlagen hast du auch, als du die "GNTM"-Bühne gestürmt hast. Wirst du manchmal noch darauf angesprochen?

Nicht so oft, wie man vielleicht erwarten würde, wenn jemand oben ohne abgelichtet wurde. Von Fremden wurde ich noch nie erkannt, geschweige denn darauf angesprochen. Bekannte, die von der Aktion erfahren, kommen schon eher mal auf mich zu, um mehr zu den Hintergründen zu erfahren.

Gehässige Kommentare in den sozialen Medien gehören für mich dazu
Hellen

Und: Würdest du dich noch einmal bei einer solch großen Show zeigen?

Klar, ich würde "GNTM" jederzeit wieder boykottieren. Obwohl es nur um leere Versprechungen und die öffentliche Demütigung der Teilnehmer geht, liegen Casting-Shows immer noch voll im Trend. Dass es dabei weniger um die Persönlichkeit der Teilnehmer, sondern um ihre Ausbeutung und die Belustigung der Zuschauer geht, scheint niemanden zu interessieren.

Ich frage mich oft, was es über unsere Gesellschaft aussagt, dass wir Heidi Klum im Fernsehen als Coach einsetzen und auf Frauen loslassen, um diese aus reinem Profit gefügig zu machen.

Du äußerst deine Meinung sehr klar. Bekommst du viel Gegenwind?

Von einigen Negativbeispielen abgesehen sind die Leute meist neugierig und interessiert. Sie fragen nach, wollen mehr über die Inhalte erfahren und suchen den Meinungsaustausch, selbst wenn sie sich selbst nicht vorstellen könnten, bei uns mitzumachen.

Und wütende Zurufe bei Aktionen oder gehässige Kommentare in den sozialen Medien gehören für mich dazu. Am Anfang habe ich es noch persönlich genommen, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran und härtet ab. Gleichzeitig halte ich mir vor Augen, dass ich in einem Land lebe, das offenen Protest und den Austausch verschiedener Meinungen zulässt.

Hellen bei "GNTM": "Was sagt es über unsere Gesellschaft, dass wir Heidi Klum als Coach einsetzen?"

Hellen bei "GNTM": "Was sagt es über unsere Gesellschaft, dass wir Heidi Klum als Coach einsetzen?" (Bild: Getty Images)

Von dir gibt es viele Oben-Ohne-Bilder im Internet. Stört es dich nicht, dass diese Fotos für jedermann sichtbar sind?

Eigentlich nicht. Wenn ich merke, dass unsere Aktionen auf fruchtbaren Boden treffen, macht es mich sogar ein bisschen stolz. Außerdem war mir die Tragweite meiner Nacktheit von Anfang an bewusst.

Ich setze meinen Körper auf eine selbstbestimmte Art und Weise ein. Während einer Aktion dient mein Oberkörper als Plakat mit einer politischen Botschaft. Er ist Mittel zum Zweck, kein sexualisiertes Objekt, das zur Schau gestellt wird.

Wie wirkt sich dein Aktivismus auf deine Freundschaften oder zwischenmenschliche Beziehungen aus?

Seitdem ich bei Femen aktiv bin, spüre ich einen Unterschied im Umgang mit anderen. Und ich habe das Gefühl, dass mir die Leute auch mehr Respekt entgegenbringen.

In meinem persönlichen Umfeld bin ich mittlerweile sogar die Ansprechpartnerin, wenn es um Frauen und Feminismus geht. Sogar Männer kommen auf mich zu und fragen um Rat. Das freut mich natürlich, denn ein Großteil der feministischen Arbeit läuft im persönlichen und privaten Umfeld ab. Gerade dort kann ich etwas bewirken.

Im Alltag versuche ich, Leute zum Nachdenken zu bringen
Hellen

Wie denn?

Im persönlichen Gespräch lässt sich leichter über Dinge reden als bei einer großen Protestaktion. Ich versuche dazu anzuregen, tiefgründiger nachzudenken. Zum Beispiel in Sachen Prostitution: Was macht es mit unserem Frauenbild, wenn die Frau als allzeit verfügbare Ware und Dienstleisterin für sexuelle Befriedigung präsentiert wird? Was bedeutet Zwangsprostitution – was bedeutet Zwang?

Auch im Alltag versuche ich, Leute zum Nachdenken zu bewegen. Wenn mir zum Beispiel ein Wildfremder auf der Straße hinterherpfeift, bleibe ich stehen und frage: Was soll das – bin ich ein Hund? Wir können einen Menschen nicht vollständig ändern, aber zumindest für den Moment zur Selbstreflexion anregen.


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In Flensburg gibt es jetzt ein schwules Ampelpärchen

16.05.2017, 08:51

Sie halten Händchen und sind sehr verliebt: Flensburg hat jetzt sein erstes schwules Ampelpärchen – ein schönes Zeichen zum internationalen Tag gegen Homophobie am Mittwoch. (Flensburger Tageblatt)

"Wir in Flensburg sind bekannt dafür, dass wir hier aktiv für eine bunte Gesellschaft stehen", sagte Oberbürgermeisterin Simone Lange am Montag bei der Einweihung. (NDR) Doch der Anlass sei eigentlich ein trauriger, denn seit Jahren stiegen die Straftaten mit homophoben Hintergrund in Deutschland an. In den ersten neun Monaten des Jahres 2016 stieg die Zahl der Straftaten gegen Schwule und Lesben um 15 Prozent. (Süddeutsche Zeitung)